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Der Impfstoff allein rettet uns nicht

Wenn alles freiwillig bleibt, wie lange sollen dann noch Stadien, Theater und Sportstätten geschlossen sein? Wie wäre es mit Zwang, und welche Folgen hätte er?

Wie wäre es, wenn Impfen Pflicht werden würde?
Wie wäre es, wenn Impfen Pflicht werden würde? © AP Pool/dpa/SZ

Da haben wir noch mal Glück gehabt mit Corona. Und das, obwohl die Pandemie eben mit ganzer Härte jeden Kontinent trifft. Dieses Virus ist fies. Es geht noch fieser. Das derzeit Wichtigste aber ist: Es gibt bereits Impfstoffe. Einige Tage noch, dann kann das große Impfen auch in Deutschland beginnen. Wir haben Glück, denn nie zuvor ist es in solch kurzer Zeit gelungen, ein Virus zu entschlüsseln und einen Schutz zu bekommen.

Doch wie sicher ist diese Impfung? Welche langfristigen Nebenwirkungen hat dieser neuartige, erstmals genbasierte Wirkstoff? Statt die Forschung zu feiern, wächst die Zahl derer, die eine Corona-Impfung ablehnen. Das Dilemma nimmt seinen Lauf. An die 70 Prozent der Bevölkerung müssten durch Impfung oder eine überstandene Erkrankung Abwehrkräfte gegen Corona haben, dann wäre die Pandemie zu Ende. Vorausgesetzt die Impfstoffe wirken langfristig. Allerdings: Weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung wäre derzeit zu einer Impfung bereit. Tendenz sinkend. Bei einer Umfrage der Sächsischen Zeitung mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey Ende November lehnten 38 Prozent der Sachsen die Impfung komplett ab. Zwölf Prozent sind unentschlossen. So jedenfalls ist eine immune, gesunde Gesellschaft nicht hinzubekommen.

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Wie wäre es da mit einer Corona-Impfpflicht? Auch solche Vorschläge gibt es bereits. Neue SZ-Umfragedaten von Civey aus dieser Woche zeigen, 33 Prozent der Sachsen fänden das gar nicht so schlecht und sind dafür. Jeder Zweite über 65 Jahren würde die Impfung per Zwang als richtig empfinden. Bei den 40- bis 50-Jährigen indes wäre es nicht einmal jeder Vierte.

Die Impfpflicht darf es nicht geben, auch wenn sie das Corona-Problem am schnellsten lösen könnte. Der Preis, den die Demokratie, die Gesellschaft dafür zahlen müssten, wäre zu hoch. Ein neuer Riss ginge dann durch die Gesellschaft. Impfen oder nicht impfen, das ist keine Frage der Bildung. Die konträren Meinungen dazu ziehen sich durch alle Bildungsschichten. Zwang würde eine weitere Spaltung der Gesellschaft bedeuten und noch weniger Vertrauen in die staatlichen Institutionen provozieren. An der Freiwilligkeit führt daher kein Weg vorbei. Es dauert eben nur länger bis zum Ende der Pandemie. Es wird sicher auch teurer für Deutschland. Aber schnell und billig ist halt nicht gleich gut.

Impfstempel begünstigt Zweiklassengesellschaft

Wie wäre es aber damit: Bis zum Ende der Pandemie könnte ja der kleine Stempel im gelben Impfpass eine Art Greencard sein für die neue Freiheit? Für Party, Stadion, Messen, Museen und Theater. Die mit Stempel dürfen rein, die ohne bleiben draußen. Die australische Fluggesellschaft Quantas hat als erstes großes Unternehmen genau dies angekündigt. Dass bestimmte Länder die Impfung als Bedingung für die Einreise machen, ist schon jetzt sehr wahrscheinlich. So etwas gibt es ja bereits, für Regionen mit Gelbfieber zum Beispiel. Dort wird der Impfausweis zum zweiten Pass.

Wäre dann nicht auch die Forderung berechtigt, dass Klubs, Theater und Stadien wieder öffnen dürfen, wenn nur die reinkommen, die sich nicht mehr anstecken können? Wenn die mit der Impfung keinen Lockdown mehr haben, dann bekommen wir allerdings eine Zweiklassengesellschaft. Das ist Impfzwang light. Die Folgen dieser eher subtilen Art von Druck wären kaum weniger verheerend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt als eine Impfpflicht. Was bleibt, ist die eigene Entscheidung. Wer Impfungen ablehnt, dem sollte jedoch nicht nur bewusst sein, was das für ihn persönlich an Risiko bedeutet, sondern auch für andere: für Künstler und Konzerte, für Sport und Stadien. Weil Restriktionen sicher länger bleiben müssen. Mit Zwang oder ohne, Gerechtigkeit, wie wir sie kennen, wird es in Zeiten der Pandemie nicht geben.

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