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„Die Ängstlichkeit hat zugenommen“

Der Lockdown trifft die meisten hart. Die SZ sprach mit dem Radeberger Therapeuten Hartmut Kirschner über die Rolle der Familie und wie wir das alles durchhalten.

Dr. Hartmut Kirschner in seiner Praxis in Radeberg. Der Psychotherapeut berät Menschen in schweren Krisen. Derzeit bekommt er vermehrt Anfragen.
Dr. Hartmut Kirschner in seiner Praxis in Radeberg. Der Psychotherapeut berät Menschen in schweren Krisen. Derzeit bekommt er vermehrt Anfragen. © Sven Ellger

Radeberg. Die Corona-Regeln im Landkreis Bautzen sind einschneidend: Jeder darf nur noch mit triftigem Grund vor die Tür, Treffen mit Freunden sind eingeschränkt, Cafés und Restaurants haben geschlossen und bei vielen wächst die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes. Am Dienstag hat die sächsische Staatsregierung außerdem einen zweiten, harten Lockdown ab 14. Dezember angekündigt.

Wie wirkt sich der Lockdown eigentlich auf die Seele aus? Die SZ hat darüber mit Dr. Hartmut Kirschner gesprochen. Er ist Facharzt für Innere Medizin und für Psychotherapie. Jetzt im Ruhestand bietet er kostenlose und vertrauliche Beratung für Menschen in suizidalen Lebenskrisen an.

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Herr Dr. Kirschner, zum zweiten Mal in diesem Jahr schränkt das Coronavirus unser Leben ein. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Ich bemerke schon, dass die psychischen Probleme zunehmen. Einmal bekomme ich mehr Anrufe, außerdem ist bei meinen Klienten selbst eine Veränderung deutlich spürbar.

Was fällt Ihnen auf?

Die grundlegenden Probleme, mit denen die meisten Menschen zu mir kommen, sind Beziehungsprobleme. In der Familie, in der Partnerschaft. Das ist auch in diesem Jahr so geblieben. Allerdings fällt mir auf, dass die allgemeine Ängstlichkeit größer geworden ist. Das wird in den Gesprächen immer wieder deutlich.

Was ist die Ursache?

Das sind ganz klar die Einschränkungen bei den Kontakten. Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause. Alle Begegnungen, die Freude bereiten, die ermutigen, finden weniger oder nicht mehr statt. Sei es das kurze Gespräch mit Kollegen oder eben auch die Treffen mit Freunden. Das macht einsam und zieht nach unten. Hinzu kommen bei vielen sicherlich existenzielle Nöte: sinkendes Einkommen beispielsweise bei Selbstständigen oder die Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle.

Kann nicht die Familie die Defizite ausgleichen, zumindest was die sozialen Kontakte angeht?

Wenn es in Beziehungen schlecht läuft, verstärkt die derzeitige Situation die Probleme. Die Partner verbringen notgedrungen mehr Zeit miteinander. Vielleicht kommt noch eine enge Wohnung hinzu. Das kann dann alles wie ein Katalysator wirken.

Wie lange halten wir diese Einschränkungen noch durch?

Das ist ganz unterschiedlich. Jeder geht anders mit der Krise um. Menschen, die diese Leerstellen mit Inhalten füllen können, kommen sicher besser durch diese Zeit. Das kann eine Freizeitbeschäftigung sein, die jetzt ausgebaut wird: ein Instrument lernen, Sport treiben, sofern erlaubt, oder die Modelleisenbahn. Nachweislich hilft auch Glaube oder Religion, Lebenskrisen zu bewältigen.

Spielt das Alter eine Rolle bei der Bewältigung solcher besonderen Situationen?

Aus meiner Arbeit lässt sich das nicht ablesen. Die Jüngste meiner Klienten war 17 Jahre alt, die älteste 87 Jahre. Am häufigsten kommen aber Menschen im mittleren Alter zu mir, so um die 40. Es sind auch deutlich mehr Frauen als Männer, etwa im Verhältnis zwei Drittel zu einem Drittel. Daraus aber zu schließen, dass Menschen im mittleren Alter es derzeit besonders schwer haben, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen.

Zum Weihnachtsfest werden die Regeln nur leicht gelockert. Vor allem Kontakte über die Familie hinaus bleiben eingeschränkt. Wie wird sich das auswirken?

Weihnachten ist ein stark emotionales Fest. Die Freude mit der Familie, das Zusammensein an den Feiertagen wird sehr betont. Jetzt wird vieles, was wir in diesen Tagen gewohnt sind, unterbunden. Das wird sich, wie schon angesprochen, gerade bei denjenigen nachteilig auswirken, bei denen es Spannungen in der Partnerschaft gibt.

Plädieren Sie für eine Öffnung, damit sich die Menschen wieder treffen können?

So schmerzlich das für jeden einzelnen auch ist, wir müssen die Gesamtsituation im Blick haben. Die Krankenhäuser stoßen jetzt an ihre Grenzen. Eine weitere Öffnung würde die Situation verschärfen. Nach meinem Eindruck handeln Landes- und Bundesregierung durchdacht. Würden die Beschränkungen nicht aufrechterhalten, bestünde die Gefahr, dass die Situation in den Krankenhäusern nicht mehr zu bewältigen ist und sich weitaus mehr Menschen infizieren würden. Auch die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit Corona würde steigen.

Dr. Hartmut Kirschner, Sprechstunde in schweren oder suizidalen Lebenskrisen in Radeberg, immer dienstags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 17 Uhr, 03528 442248.

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