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Die Ausstellung, die es wegen Corona nie gab

Die Ausstellung „(dis)Connected“ in Dresden fiel gleich zweimal auf den Beginn des Lockdowns. Was das für die Künstler bedeutet.

Bis wieder geöffnet werden kann, hat der riesa efau seine Ausstellung ins Internet verlagert.
Bis wieder geöffnet werden kann, hat der riesa efau seine Ausstellung ins Internet verlagert. © Ronald Bonß

Jedem, der sich über kulturelle Abgrenzung definiert, wollte diese Ausstellung das Gegenteil beweisen: Zwei Jahre lang hat Kurator Til Ansgar Baumhauer auf der ganzen Welt Werke zusammengesucht, die unabhängig von Identität und Sprache funktionieren. Kaum ist die Ausstellung „(dis)Connected“ fertig, sind wir auf einmal so abgeschnitten wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Eröffnung erliegt dem ersten Lockdown.

Um die Zeit bis zum zweiten Anlauf zu überbrücken, wandert die Ausstellung ins grenzenlose Internet. Die Stimmung ist hoffnungsvoll. Um die Besucher auf den neuen Eröffnungstermin im Herbst einzustimmen, wächst eine Online-Gesprächsreihe zur Ausstellung. Ein Format, dass auch nach Corona nicht wieder verpuffen soll. Im Oktober wurde die komplette Ausstellung in der Motorenhalle des Riesa efau aufgebaut – jeder weiß, was dann passiert ist.

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Die Überschneidungen zur Pandemie ziehen sich auch durch die Exponate und sind teilweise fast prophetisch: In einer Ecke des Raums zeigt ein Tablet eine abstrakte, erdfarbene Zeichnung einer Großstadt. Ausgerechnet handelt es sich dabei um den Grundriss Wuhans – geschaffen und ausgewählt zu einer Zeit, in der die chinesische Metropole höchstens für seinen fünfstöckigen Kranich-Turm bekannt war. Genaugenommen ist es auch gar kein Tablet, sondern eine Metallplatte, die mit einer besonderen Lacktechnik so behandelt wurde, bis eine täuschend echte Attrappe entstand. Eine Technik, die in Vietnam bereits seit den 50er-Jahren gelehrt wird: Der Künstler Phi Phi Oanh verbindet so eine sehr alte Technik mit globalisierter Ästhetik – gleich im doppelten Sinne.

Auch die siebenteilige Collage des Berliner Künstlers Jan Brokof zum Thema Kannibalismus bekommt durch den Kultur-Lockdown ganz unfreiwillig eine neue Bedeutung. Eigentlich schwingen seine Bilder zwischen Ekel und Faszination hin und her: Ein Scherenschnitt, der sich mit unseren aktuellen Schönheitsidealen auseinandersetzt. „Es ist ganz schön zynisch, dass hinter der Collage, die sich fast hoffnungsvoll mit dem Thema beschäftigt, ein Künstler steht, der sich gerade selbst kannibalisiert“, so Denise Ackermann vom riesa efau. Denn wer sich mit unregelmäßigen Aufträgen über Wasser hält, dem würden auch keine noch so umfangreichen Novemberhilfen helfen.

Internationaler Perspektivenwechsel

Die neuen unbeabsichtigten Signale der Werke verschallen jedoch in der menschenleeren Motorenhalle: Gleich zweimal haben die Veranstalter die Vernissage auf den Beginn des Lockdowns gelegt: „Das ist der bleibende Wermutstropfen des Projekts. Im April hätten wir es noch geschafft, Künstler aus der halben Welt zusammenzubringen“, bedauert Kurator Till Ansgar Baumhauer. Selbst wenn die Ausstellung so lange in der Motorenhalle vor sich hin staubt, bis Museen wieder öffnen dürfen, ließe sich das nicht mehr hinbekommen. Dafür sind die 20 Künstler viel zu weit über den Globus verstreut.

Damit die Ausstellung trotzdem fertig werden konnte, musste Baumhauer viele Werke selber fertigstellen. Das Gedicht der venezolanischen Künstlerin Nayari Castillo, das sich mit Exil und Krankheit auseinandersetzt, hing zwar schon in der Motorenhalle. Damit es seine tatsächliche Wirkung entfaltet, wollte es die Künstlerin allerdings wortwörtlich mit einer süßen, versöhnlichen Schicht Honig überziehen. Doch Castillo wurde an der deutschen Grenze abgewiesen – den Honig musste Baumhauer selbst an die Wand spritzen: „Ich kenne die Künstlerin seit vielen Jahren – deshalb hat sie mir vertraut, dass ich das hinkriege.“

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Übrig bleibt ein digitaler Austausch mit Künstlern, die alle nicht anreisen können. Gespräche, die zum Perspektivwechsel anregen: „Aus Guayaquil in Südamerika höre ich, dass im Frühjahr einfach Leichen auf den Straßen lagen, weil es keiner mehr geschafft hat, die Corona-Toten wegzuräumen. Unser System kann das Schlimmste auffangen und dennoch wird Kunst wie das fünfte Rad am Wagen behandelt“, berichtet Baumhauer.

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