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Corona: Hat die Politik den Sommer verschlafen?

Viele haben vor der zweiten Welle gewarnt, doch als sie dann kam, war die Überraschung groß. Was im Sommer versäumt worden ist. Fünf Beispiele.

Mitte März: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Jens Spahn (CDU, l), Bundesminister für Gesundheit, kurz vor einer Pressekonferenz.
Mitte März: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Jens Spahn (CDU, l), Bundesminister für Gesundheit, kurz vor einer Pressekonferenz. © dpa

Von Robert Birnbaum, Maria Fiedler, Lea Schulze und Paul Starzmann

Viele haben vor ihr gewarnt. Doch im sonnigen Sommer wollte kaum einer etwas von einer zweiten Corona-Welle hören. Als sie kam, war die Überraschung groß. „Damit haben wir nicht gerechnet, das muss man schon ehrlicherweise sagen“, musste etwa Winfried Kretschmann einräumen, als der Ministerpräsident den Baden-Württembergern vor zwei Wochen den neuen Teil-Lockdown erläuterte.

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Am kommenden Montag sitzt der Grüne wieder mit den Kollegen und der Kanzlerin in einer Videokonferenz beisammen. Und wieder steht die Frage im Raum: Reicht das, was wir tun? Ist es das Richtige? Und übersehen wir womöglich etwas?

Da kann ein Rückblick auf den sorgenlosen Sommer helfen. Denn damals ist einiges übersehen worden, das jetzt wieder in den Fokus drängt – von der Problemzone Schule bis zur Frage, ob Familienreisen zu Weihnachten nicht ähnliche Pandemietreiber werden könnten wie die Sommerferien. Fünf Beispiele, wo man es schon mal besser wissen konnte.

1. Infektionsschutz in der Schule

Dass Schulen und Kitas offen bleiben sollen, ist ein Versprechen der Politik. Doch dafür fehlten an vielen Stellen die Voraussetzungen, klagen Schüler, Eltern und Lehrer genau wie Oppositionspolitiker. Die Sommerferien seien nicht ausreichend genutzt worden, um den sicheren Schulbetrieb mit dem nötigen Abstand und guter Lüftung zu gewährleisten. „Über die Bedeutung der Belüftung an Schulen haben sich die Verantwortlichen in den Landesministerien über den Sommer noch zu wenig Gedanken gemacht“, kritisiert Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, sagt: „Ich habe den Eindruck, die Politik ist etwas davon überrascht, dass der Winter kommt.“

Die Lüftung ist nur eines von vielen Problemen. Die Gründe liegen meist in der Zeit vor der Pandemie. Seit Jahren kritisieren Experten einen milliardenschweren Investitionsstau im Bildungsbereich. Viele Schulgebäude sind marode, die Fenster klemmen. Um Klassen zu verkleinern und aufzuteilen, fehlt es an Räumen und Personal. „Man hätte über den Sommer räumliche Ausweichmöglichkeiten suchen können, etwa in leer stehenden Veranstaltungshallen oder Gemeinschaftsunterkünften“, sagt Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats.

Vereinzelte Fortschritte gibt es bei der Vergabe von Laptops an Schüler und Lehrer – die wird man brauchen können, falls es zu einem zweiten Schul-Shutdown kommt. 1,5 Milliarden Euro stellt der Bund dafür bereit.

2. Der Umgang mit Reiserückkehrern

Eigentlich war vorherzusehen, dass die Urlaubssaison Probleme bringen würde. Obwohl viele Virologen vor einer zweiten Welle warnten, ließ die Bundesregierung ihre Bürger im Sommer ohne Konzept in die Ferien ziehen – auch in sogenannte Hotspots. Und so stiegen die Infektionszahlen wieder. In München hatten sich die Corona-Zahlen im August innerhalb weniger Wochen verzehnfacht.

Reiserückkehrer, vor allem aus Kroatien, machten damals den größten Anteil der Neuinfizierten aus. Freiwillig testen ließen sich die wenigsten Reiserückkehrer. Stundenlanges Anstehen in den Schlangen der Testzentren schreckten Urlauber ebenso ab wie Test-Pannen. So war es im August in Bayern zu Verzögerungen bei 44.000 Getesteten gekommen, darunter mehr als 900 mit positivem Befund.

Der Virologe Martin Stürmer glaubt, dass der Umgang mit den Reiserückkehrern falsch war – allerdings aus einem anderen Grund. „Als die Risikogebiete ausgerufen wurden, mussten die Reiserückkehrer von dort sich testen lassen“, sagt er. Stürmer stellt infrage, wie viel das gebracht hat. Erst nach etwa fünf Tagen sind die Symptome einer Covid-19-Erkrankung im Regelfall spürbar, erklärt Stürmer.

Im Körper nachweisbar ist das Virus meist zwei Tage vorher. „Wer sich am Vorabend bei der Abschiedsparty angesteckt hat, beim Transfer oder im Flugzeug, der wurde nach seiner Rückkehr nicht positiv getestet, sondern spazierte fröhlich und vermeintlich gesund nach Hause“, sagt Stürmer. Durch diese Milchmädchenrechnung könnte durchaus Infektionsgeschehen übersehen worden sein.

3. Die richtige Teststrategie

Die Testkapazitäten stoßen derzeit an ihre Grenzen, in den Laboren gibt es einen Rückstau. Spricht man mit Experten, wird klar: Was die Testkapazitäten betrifft, kann man der Regierung trotzdem keinen Vorwurf machen. Die Zahl der Tests lag in der vergangenen Kalenderwoche bei etwa 1,6 Millionen. „Das ist anständig“, sagt der Virologe Stürmer, der ein Privatlabor leitet.

„Man kann die Kapazitäten auch nicht unendlich hochfahren, weil es nur begrenzt Geräte, Personal und Räume gibt.“ Weil die Kapazitäten begrenzt sind, ist es wichtig, nach welcher Strategie getestet wird. Und hier sieht Stürmer Defizite. „Da gab es nach dem Ende des ersten Lockdowns keine klare Strategie mehr“, sagt er. Die freien Kapazitäten hätte man aus seiner Sicht nutzen sollen, um Risikobereiche wie Schulen, Pflegeeinrichtungen oder Altenheime durch Tests sicherer zu machen.

Stattdessen seien dann aber die Urlauber massenhaft direkt nach ihrer Rückkehr getestet worden, obwohl das nicht sinnvoll gewesen sei. Später hätten innerdeutsche Urlauber aus Risikogebieten negative Corona-Tests vorlegen müssen, um im Hotel einchecken zu können. „Da wurden Test-Kapazitäten verschenkt“, sagt Stürmer.

4. Digitalisierung der Meldeketten

Bei einem positiven Corona-Test kommt es auf Schnelligkeit an: Der Betroffene muss informiert werden und möglichst ohne Verzug auch dessen Kontakte. Doch in Deutschland steht dieser Schnelligkeit noch immer die mangelnde Digitalisierung im Weg. „Es ist ein Trauerspiel, dass wir es nach wie vor nicht schaffen, eine einheitliche elektronische Datenübermittlung in alle Richtungen zu haben“, sagt Virologe Stürmer. So würde mit den Abstrichproben zwar immer eine Nummer übermittelt. „Aber die Scheine mit den Daten der Patienten bekommen wir zum Teil nachgereicht. Oft müssen wir die Patientendaten vom Überweisungsschein händisch abtippen“, sagt er.

Wegen des Zeitverzuges könne es passieren, dass das Labor ein positives Ergebnis habe, aber nicht wisse, zu wem es gehöre. „Es gibt auch keine Möglichkeit für das Gesundheitsamt, zu erfahren, ob ein Infizierter die Corona-App benutzt und sein positives Ergebnis dort eingetragen hat“, sagt die Münchner Virologin Ulrike Protzer. Die Gesundheitsämter müssten erst den Infizierten nach Kontakten befragen und dann diese abtelefonieren. „Besser wäre, wenn das positive Testergebnis direkt in der App auftauchen würde und den Infizierten sowie dessen Kontakte gleichzeitig per Push-Nachricht informieren würde“, sagt Protzer. Derzeit müsse der Nutzer erst in der App sein Testergebnis freigeben.

5. Die Kommunikation

„Das Virus bestraft Halbherzigkeit“, hielt Kanzlerin Angela Merkel fest, nachdem sich die Ministerpräsidentenrunde endlich zu dem Teil-Lockdown durchgerungen hatte. Im ersten Anlauf reichte es nur zum Beherbergungsverbot. Das scheiterte an einem föderalen Verordnungschaos, viel Unverständnis bei den Bürgern und zuletzt vor den Gerichten. Denn es verstieß gegen eine Grundregel politischer Kommunikation: Je komplexer die Lage, desto einfacher muss die sein. Anfangs gelang das vorbildlich. Merkel, ihr Gesundheitsminister Jens Spahn oder Bayerns Regierungschef Markus Söder profitieren bis heute von der klaren Linie der ersten Wochen. Mit der Debatte ums Lockern und dem Pochen auf regionale Lösungen wurde sie unscharf.

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