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Die gefährlichen Lügen des QAnon

Das FBI warnt vor ihm. Und auch beim versuchten Reichstagssturm in Berlin spielte Q eine Rolle. Warum ein anonymer Hetzer so erfolgreich ist.

Auf dem Alexanderplatz steht ein Demonstrant mit einer Schutzkonstruktion und einem Q. Das Q steht für QAnon und ist ein Zeichen einer Verschwörungstheorie.
Auf dem Alexanderplatz steht ein Demonstrant mit einer Schutzkonstruktion und einem Q. Das Q steht für QAnon und ist ein Zeichen einer Verschwörungstheorie. © Christophe Gateau/dpa

Von Sebastian Leber

Am Mittwoch vergangener Woche meldete sich „Q“ mit Botschaft Nummer 4627. Darin stellte er fest, das Emblem des Nominierungsparteitags der US-Demokraten gleiche einem Pentagramm. Dies sei ein klares Zeichen dafür, dass die Demokraten den Satan verehren: „Eine Partei löscht Gott aus.“

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Manchmal verbreitet Q mehrere Posts direkt hintereinander, manchmal schweigt er tagelang. Das hat strategische Gründe, glauben seine Anhänger. Oder wie Q es selbst formulierte, Ende Juli in seiner Botschaft Nummer 4618: „Verwechsle Schweigen nicht mit Untätigkeit.“

Hinter dem Pseudonym, heißt es unter seinen Fans, verstecke sich ein hochrangiger US-Beamter, der über die oberste Sicherheitsfreigabe verfüge und deshalb jede Menge Geheimnisse kenne. Weil seine Identität unbekannt ist, nennen sie ihn auch „QAnon“, Anon wie anonym.

In seinen Botschaften berichtet er von einem apokalyptischen Kampf, der sich im Verborgenen zutrage. Auf der einen Seite stünden finstere Mächte, die das Volk knechteten und sich seit langem im Staatsapparat eingerichtet hätten: Satanisten, Pädophile und Juden. Auf der anderen Seite stehe US-Präsident Donald Trump, der im Weißen Haus aufräumen und die kriminellen Eliten zur Strecke bringen wolle. Für Q-Gläubige ist Trump der Erlöser.

Die erste Religion des Internets?

Der Verschwörungsmythos hat sich in den USA in nur drei Jahren so rasant ausgebreitet, dass Beobachter von einer „neuen Religion“ sprechen – der ersten, die im Internet entstand. Sie hat auch schon zu Gewalttaten geführt, weil Anhänger eigenhändig in den bewaffneten Kampf gegen vermeintliche Eliten zogen. Im Juli erklärte das FBI die Bewegung zur „Gefährdung der Nationalen Sicherheit“.

Auch in Deutschland ist der Glaube inzwischen populär, gerade unter Corona-Skeptikern. Bei Kundgebungen der „Querdenken“-Bewegung geben sich viele Demonstranten als Q-Anhänger zu erkennen, tragen den Buchstaben auf Schildern, T-Shirts, Ansteckern im Haar.

Bei seiner Rede Anfang August zitierte Querdenken-Initiator Michael Ballweg auf der Bühne den Slogan der QAnon-Bewegung: „Where We Go One, We Go All.“ Sinngemäß: Einer für alle, alle für einen.

Q-Gläubige spielten auch eine entscheidende Rolle beim Versuch, am vergangenen Wochenende den Reichstag zu stürmen. So gehört Tamara K., die Heilpraktikerin aus der Eifel, die unmittelbar vor der Aktion die Menge aufstachelte, einem Netzwerk von QAnon-Aktivisten an. Es nennt sich „Qlobal-Change“, hat allein auf Youtube 100.000 Abonnenten. K. war dort als Sprecherin aktiv, verkündigte in Videos Schauergeschichten.

Am Samstag war Tamara K. am Reichstag, am Freitag trat sie vor der russischen Botschaft auf und verbreitete Reichsbürger-Ideen.
Am Samstag war Tamara K. am Reichstag, am Freitag trat sie vor der russischen Botschaft auf und verbreitete Reichsbürger-Ideen. © Screenshot Twitter

Auch ihre am Reichstag vorgetragene Lüge, Trump sei in Berlin gelandet, die Demonstranten müssten nun ein Zeichen setzen und ihm zeigen, dass „wir die Schnauze gestrichen voll haben“, passt in den QAnon-Kosmos. Wenn einer Deutschland vor den geheimen Eliten retten kann, dann Trump.

In den USA glaubt laut einer aktuellen Umfrage der Meinungsforschungsfirma Civiqs inzwischen jeder dritte Republikaner-Wähler, die QAnon-Erzählung sei wahr. Weitere 25 Prozent sagen, zumindest Teile davon stimmten. Bei den Wahlen im November könnten mehrere Republikaner ins Repräsentantenhaus einziehen, die sich als Q-Anhänger bezeichnen.

Trump selbst hat Botschaften von Q auf Twitter verbreitet. Als er im August auf einer Pressekonferenz nach seinem Verhältnis zur Bewegung befragt wurde, erklärte der Präsident, er habe gehört, dass dies „Leute sind, die unser Land lieben“.

Auf den Einwand einer Reporterin, die Q-Gläubigen behaupteten ernsthaft, Trump befinde sich im Endkampf gegen einen satanischen Kult und Pädophile, erwiderte er: „Wenn ich helfen kann, die Welt vor Problemen zu retten, bin ich dazu bereit.“

QAnon kommt Trump als Wahlkampfhilfe gelegen

Bis heute hat der Präsident den Realitätsgehalt des Verschwörungsmythos nicht öffentlich in Frage gestellt. Stattdessen befeuert er diesen mit Andeutungen. Gerade verkündete Trump in einem Interview, sein Kontrahent Joe Biden werde von „dunklen Mächten gesteuert“. QAnon kommt Trump als Wahlkampfhilfe sehr gelegen.

Seine Botschaften publiziert Q auf dem Internetportal „8kun“. Seine Anhänger kopieren sie von dort in andere soziale Netzwerke, befüllen Blogs und Videokanäle, deuten und schmücken sie aus. Wer sich tatsächlich hinter dem Pseudonym verbirgt, ob eine Person oder Gruppe, ist unklar.

Nun tummeln sich in Foren wie „8kun“ zahllose anonyme Hochstapler, Trolle und Rechtsextreme. Wieso hat es gerade dieser eine geschafft, derart ernst genommen und weltweit beachtet zu werden? Experten sagen, dies liege an Qs Talent, sich beliebig bei verschiedensten, teilweise deutlich älteren Lügengeschichten zu bedienen und diese zu adaptieren. QAnon sei nicht bloß ein Verschwörungsmythos. Eher ein Superverschwörungsmythos.

Laut Q wurde die „Titanic“ von einem gierigen Bankier versenkt. Schulmassaker seien nie passiert, die vermeintlichen Todesopfer Schauspieler. Nordkoreas Diktator Kim Jong-un sei FBI-Agent, Angela Merkel mit Adolf Hitler verwandt. Q hat es schon vor fast drei Jahren in seiner Botschaft 142 gesagt: „Folge der Blutlinie.“ Wobei Hitler wiederum nur eine Puppe gewesen sei. Gesteuert von denselben Mächten, die heute die Weltverschwörung anführten. Viele Nachrichten Qs triefen vor Antisemitismus.

Seine Spezialität waren falsche Prognosen

In seiner Anfangszeit wagte Q konkrete Prognosen, bei denen sich überprüfen ließ, ob sie eintraten oder nicht. Seine Trefferquote war katastrophal. Die Behauptung, Hillary Clinton werde in den kommenden Tagen inhaftiert, traf ebenso wenig ein wie das Ableben liberaler Medienvertreter. Als mehrere angekündigte Verhaftungswellen angeblicher Eliten ausblieben, ging Q dazu über, seine Prognosen nebulöser, oft kryptisch, zu formulieren. Nun sind sie nicht mehr widerlegbar.

Seine Lernkurve erinnert stark an die von Sekten, die nach nicht eingetretenen Apokalypsen ebenfalls aufhörten, konkrete Untergangsdaten zu nennen.

Die Fehlprognosen der Anfangszeit schadeten Q nicht. Anhänger mutmaßen, sie seien bewusst gewählt gewesen und hätten einen tieferen Sinn, der vorerst unergründlich bleibe.

Auch Tamara K., die Heilpraktikerin und Anheizerin des Berliner Reichstagstreppensturms, zieht keine Schlüsse aus dem Fakt, dass ihnen Trump im entscheidenden Moment doch nicht zur Seite sprang – ja dass er sich nicht einmal in Berlin aufhielt. Zwar gibt K. zu, ihre Behauptung habe sich im Nachhinein „leider als etwas unrichtig“ herausgestellt. Sie besteht aber weiterhin darauf, über geheime Kontakte in hohe diplomatische Kreise zu verfügen.

Qs Hass richtet sich vor allem gegen die demokratische Partei in den USA, gegen Hollywood und die Medien. Nüchtern betrachtet ist QAnon eine vulgäre, recht plumpe Schmutzkampagne gegen sämtliche Kritiker Trumps. Warum hat die Bewegung in Deutschland dennoch so viele Anhänger?

Es ist die Idee vom „Aufstand gegen verborgene Eliten“, die so viele reizt, sagt der Buchautor und GWUP-Sprecher Bernd Harder am Telefon. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Verschwörungsmythen, beobachtet auch deren Verbreitung unter deutschen Coronaleugnern.

QAnon bediene alle Bedürfnisse, wegen derer sich Menschen überhaupt zu Verschwörungsmythen hingezogen fühlten. „Einerseits ermöglicht es Selbstaufwertung“, sagt Harder. Die Überzeugung, ein Geheimnis zu kennen, hinter die Kulissen zu blicken und Zusammenhänge zu verstehen, die der Bevölkerungsmehrheit verborgen seien, fühle sich gut an.

Nüchtern betrachtet ist QAnon eine vulgäre, recht plumpe Schmutzkampagne gegen sämtliche Kritiker von Donald Trump.
Nüchtern betrachtet ist QAnon eine vulgäre, recht plumpe Schmutzkampagne gegen sämtliche Kritiker von Donald Trump. © Andrew Harnik/AP/dpa

Andererseits erfülle QAnon den Wunsch nach Komplexitätsreduktion: „Was auf der Welt auch passiert, ob Kriege, Armut, Flüchtlingsbewegungen oder die Frage, warum Trump Präsident geworden ist – das alles lässt sich scheinbar mit einer einzigen Theorie erklären.“

Zudem verspreche QAnon neben der Selbstaufwertung auch noch Selbstwirksamkeit. Man könne Teil einer Bewegung sein, und schon allein dadurch, dass „ich die Botschaften Qs weiterleite, werde ich zum Widerstandskämpfer gegen das Böse“.

Die zentrale Annahme des Q-Lügengebildes – der Glaube an einen von Satanisten und Juden organisierten Kindesmissbrauchsrings – fußt auf einen Verschwörungsmythos aus dem Herbst 2016. Damals hatte Wikileaks den gehackten E-Mail-Verkehr von Hillary Clintons Wahlkampfleiter veröffentlicht. Internetnutzer durchkämmten die Nachrichten nach Hinweisen auf eventuelle kriminelle Aktivitäten oder sonstige Vergehen – und suchten, als sie keine fanden, nach möglichen geheimen Codes.

In einigen Mails hatte der Wahlkampfleiter mit dem befreundeten Besitzer der Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington kommuniziert – auch über Essen. Ein Forennutzer spekulierte, mit dem Wort „cheese pizza“, Käsepizza, sei eigentlich „child pornography“, Kinderpornographie, gemeint – wegen der identischen Anfangsbuchstaben.

Lügengeschichte um Kinderhandel-Lokal

Andere glaubten diese Theorie und überboten sich mit Deutungen. So entstand das Gerücht, unter der Pizzeria befänden sich Katakomben, von denen aus die Demokraten einen Kindermissbrauchsring betrieben. Am Ende stürmte ein Schwerbewaffneter die Pizzeria und schoss um sich. Vor Gericht meinte der Täter, er habe eigene Forschungen anstellen wollen, ob an den Gerüchten etwas dran sei.

Die Pizzeria hat keinen Keller.

In der Coronakrise haben Q-Anhänger die Lügengeschichte um das Kinderhandel-Lokal wiederbelebt und weiterentwickelt. Die verhängten Ausgangssperren etwa hätten nichts mit dem Virus zu tun, das existiere sowieso nicht, sondern seien nötig, damit Trumps Leute ungestört abertausende missbrauchte Kinder aus Folterkellern befreien könnten.
Es kam zu neuen Hasswellen gegen den Besitzer der Pizzeria. Der ist verwundert, dass inzwischen so viele der Beschimpfungen und Drohungen aus Deutschland kommen.

In den USA häufen sich die Fälle, in denen Q-Anhänger Gewalt anwenden. Das FBI warnt vor „verschwörungstheorie-getriebenen inländischen Extremisten“ und nennt ausdrücklich QAnon. Beobachter fürchten, die Situation könnte eskalieren, falls Trump die Wahl knapp verliert und seine Niederlage nicht anerkennt. Für Q-Anhänger könne es dann Notwehr sein, sich zu wehren. 

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Soziale Netzwerke reagieren. Im Juli sperrte Twitter 7.000 Accounts, die regelmäßig Qs Inhalte verbreiteten. Facebook hat etliche Gruppen gelöscht. Qs Anhänger treibt das zu neuen Theorien. Auch Tamara K., die Heilpraktikerin aus der Eifel, hat auf ihrem Kanal davon gesprochen. Dass Twitter, Facebook und Youtube so viele Konten sperren ließen, habe einen einfachen Grund: „Weil Q real ist. Weil Q eine Geheimdienstorganisation ist und weil Q wahre Informationen veröffentlicht.“

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