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"Die Impfzentren müssen offen bleiben"

Eine Bautzener Ärztin kritisiert die Entscheidung des Freistaates, die meisten Zentren Ende Juni zu schließen. Damit steht sie nicht alleine da.

Die Bautzener Allgemeinmedizinerin Dr. Susann Vanryssel warnt davor, die Impfzentren Ende Juni zu schließen. Die Hausarztpraxen allein können das Impfen gegen Corona nicht stemmen, sagt sie.
Die Bautzener Allgemeinmedizinerin Dr. Susann Vanryssel warnt davor, die Impfzentren Ende Juni zu schließen. Die Hausarztpraxen allein können das Impfen gegen Corona nicht stemmen, sagt sie. © Steffen Unger

Bautzen. Als die ersten Impfdosen in die Praxis kamen, berichtet Dr. Susann Vanryssel, habe sich das Team gefreut. „Wir waren in Feierlaune“, sagt die Allgemeinmedizinerin, die in der Bautzener Bertolt-Brecht-Straße ihre Praxis hat. Glücklich darüber, dass sie – genauso wie viele andere Ärzte auch – nun an der Impfkampagne teilhaben kann, ist sie noch immer. Aber sie sieht ein Problem kommen.

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Was sie meint, hatte sich in der letzten Zeit schon angedeutet. Am Dienstag nun wurde es offiziell verkündet. „Der Freistaat passt zum 1. Juli 2021 seine Impfstruktur an“, heißt es in einer Pressemitteilung des Sozialministeriums. „In Betrieb bleiben die Impfzentren in den drei Großstädten Chemnitz, Dresden und Leipzig.“ Im Umkehrschluss bedeutet das: Die anderen Impfzentren müssen schließen, also auch die in Kamenz und Löbau.

Praxen schaffen pro Woche 30 bis 50 Impfungen

Susann Vanryssel warnt jedoch davor. „Mit den wenigen Spritzen, die wir bekommen“, sagt sie, „können wir Bautzen nicht durchimpfen.“ Das Problem sei nicht nur die Menge des Impfstoffs. Vielmehr spricht sie von einem zeitaufwendigen Impf-Prozedere. „Wir haben in der Praxis ausgerechnet: Wir schaffen nicht mehr als 30 Impfungen pro Woche.“ Und auch auf diese Zahl komme sie momentan nur, weil ihre Praxis derzeit mittwochs länger öffnet.

„Wir impfen immer mittwochs. Auch zu Zeiten, zu denen die Praxis sonst geschlossen hat“, erklärt sie. „Das kann ich nicht ewig so durchhalten, meine Schwestern machen dafür Überstunden.“ Warum sie die Impfungen nicht einfach zwischendurch verabreicht? Die Corona-Impfung stelle die Praxis vor ganz andere Herausforderungen als beispielsweise eine Grippe-Impfung, erklärt die Ärztin. „Die Corona-Impfung ist eine logistische und organisatorische Herausforderung.“

Telefonieren, Impfstoff aufziehen, aufklären

Das gehe damit los, dass sie immer erst sehr knapp erfahre, wie viel und welchen Impfstoff sie in der entsprechenden Woche bekommt. „Wenn wir das wissen, beginnt das Telefonieren“, berichtet die Bautzener Ärztin. „Wir müssen die Leute anrufen, die in der Warteliste stehen – und alles organisieren, auf die jeweiligen Impfstoffe anpassen.“

Astrazeneca sei dabei ein Problem. „Schwierig ist für uns, dass insbesondere die über 60-Jährigen, die diesen Impfstoff ja bekommen sollen, ihn oft von Vornherein ablehnen.“ Sie hoffe, da bald mehr auf Akzeptanz zu stoßen – beispielsweise auch bei jüngeren Männern.

Biontech-Impfstoff "wie ein rohes Ei behandeln"

Auch das Impfen an sich sei zeitaufwendiger als bei einer Grippeimpfung. Denn anders als viele andere Impfstoffe wird das Corona-Vakzin noch nicht fertig in den Spritzen geliefert. „Bei Astrazeneca ist das nicht ganz so kompliziert. Der darf einen Augenblick liegen – wir ziehen eben die zehn bis elf Spritzen auf, die wir aus den Flaschen bekommen“, erklärt Susann Vanryssel. Diesen Impfstoff verteile sie meistens bei Hausbesuchen.

Komplizierter sei es beim Biontech-Impfstoff. „Das Pulver wird aufgetaut und darf dann nur fünf Tage lang verwendet werden“, sagt Susann Vanryssel. „Wir müssen dann Kochsalzlösung dazugeben und das Ganze vorsichtig schwenken. Wir müssen den Impfstoff wie ein rohes Ei behandeln, damit die mRNA nicht zerfällt.“ In diesem Zustand halte sich der Impfstoff nur wenige Stunden. „Es ist bei beiden Impfstoffen wichtig, dass wir genau die richtige Zahl an Patienten bestellen“, erklärt Susann Vanryssel. Das sei kein einfaches Unterfangen.

Ärzte haben auch ohne Impfungen mehr zu tun

„Wir freuen uns wirklich, impfen zu dürfen“, das wiederholt Susann Vanryssel mehrfach. „Aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt, und wir schaffen das nicht alleine.“ Schließlich müsse sie ja nebenher noch den normalen Arztalltag im selben Umfang wie vorher bewältigen. Ohne die Impfzentren sei das nur schwer möglich, warnt sie .

Die Bautzener Hausärztin ist mit dieser Meinung nicht alleine. So hat sich auch der Ärztesprecher des Impfzentrums Löbau bereits mit Kritik an die Öffentlichkeit gewandt.

In der Praxis von Dr. Daniela Schoch in Kirschau gibt es zwei Impftage, sie schaffe dadurch – je nachdem, wie viel Impfstoff sie bekommt – bis zu 50 Impfungen, schätzt sie. Auch sie verweist auf hohen logistischen Aufwand und spricht sich dafür aus, dass die Impfzentren weiterbetrieben werden.

Dr. Daniela Schoch aus Kirschau konnte in dieser Woche 48 Corona-Impfungen verabreichen. Mehr werde eng, sagt sie.
Dr. Daniela Schoch aus Kirschau konnte in dieser Woche 48 Corona-Impfungen verabreichen. Mehr werde eng, sagt sie. © Symbolfoto: Steffen Unger

Dr. Anna Reiche aus Kleinwelka sagt: „Ich kann mich der Meinung meiner Kollegen nur anschließen. Mit maximal 50 Erstimpfungen und ab Mai zusätzlich 50 Zweitimpfungen, also 100 Impfungen pro Woche, fahren wir absolut am Limit.“ Sie merke, dass auch schon ohne die Impfung mehr zu tun sei, weil immer mehr Menschen zu ihr in die Praxis kommen – auch wegen psychischer Probleme.

Selbst das Deutsche Rote Kreuz warnt davor, die Zentren zu schließen. „Die Impfzentren fahren derzeit auf Volllast“, sagt eine Sprecherin. „Im Impfzentrum Kamenz wurden gestern 672 Erst- und Zweitimpfungen durchgeführt“, sagt sie. Das bedeute eine maximale Kapazitätsauslastung. „Eingestellte Termine sind innerhalb kurzer Zeit verbucht.“

Aber es gibt auch Ärzte, die es etwas lockerer sehen. Dr. Germar Kayser aus Pulsnitz spricht sich zwar auch dafür aus, dass die Impfzentren wenigstens noch eine Weile offen bleiben. Ab Sommer sieht er aber andere Lösungen als sinnvoller an. Zum Beispiel die Einbindung von mehr Fachärzten in die Impfkampagne, etwa Gynäkologen, oder mehr mobile Impfteams. Auf Letzteres will auch der Freistaat jetzt vermehrt setzen.

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