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Die letzte Party in Sachsens Clubs

Sachsens Clubs schließen wegen der neuen Corona-Regeln - schon wieder. Wie groß ist der Frust? Zwölf Stunden im Dresdner Club Objekt klein a.

Von Franziska Klemenz
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Nur Geimpfte und Genesene lässt das OKA rein. Zusätzlich lässt es alle Gäste vor Einlass testen. Das verlängert die Wartezeit.
Nur Geimpfte und Genesene lässt das OKA rein. Zusätzlich lässt es alle Gäste vor Einlass testen. Das verlängert die Wartezeit. © Matthias Rietschel

Nikita schließt die Augen. Sie lächelt, lässt ihre Hände durch die Luft gleiten, als strich sie etwas glatt. Lichtkreise wandern über Wangen und Augen. Einige Takte verzichtet der sphärische Sound auf Bass. Die Welt verschwindet, der Augenblick siegt. Corona scheint sehr weit weg zu sein.

Seinen Anfang nimmt der Abend auf einem Gehsteig. Das Dresdner Industriegelände, eine Reihe von Clubs ist hier Zuhause. Das Objekt klein a (OKA) schmiegt sich an eine Kurve in der Meschwitzstraße. Es ist vorerst wohl die letzte Partynacht, die OKA und andere Clubs erleben. In Sachsen sind nach dem Wochenende Masken, Abstand und eine geminderte Auslastung Pflicht.

Vor allem die vielen Ungeimpften treiben die Infektionswerte, wegen denen der Freistaat handelt. Ausnahmen von den Regeln gibt es nicht. Finanzierbar ist Clubbetrieb damit kaum noch, heißt es etwa von der Live-Initiative Sachsen LISA. Der Frust ist groß. „Wir werden sicher nicht so tun, als könne man mit Abstand und Maske feiern, bis vielleicht eines der angekündigten Kontrollteams kommt und das Gegenteil feststellt“, sagt Felix Buchta vom OKA.

Alle Getesteten erhalten ein Bändchen mit Nummern. Bis sie bei den Türstehern sind, liegt denen das Ergebnis vor.
Alle Getesteten erhalten ein Bändchen mit Nummern. Bis sie bei den Türstehern sind, liegt denen das Ergebnis vor. © Matthias Rietschel

Das Anstehen nervt

Design-Student Tim würde lieber mit Maske als gar nicht tanzen, „Aber viele sehen das anders.“ Tims Freund Tom kommt an, die beiden umarmen einander. Sie wohnen im gleichen Wohnheim, gehen das erste Mal seit Pandemiebeginn in einen Club. „Ich gehe eigentlich oft und gerne feiern, aber war sehr vorsichtig“, sagt Tom.

„Eigentlich wollte ich heute gar nicht feiern, aber dann habe ich gehört, dass es zum letzten Mal geht. Ich find’s schlimm, ich bin 22 und fühle mich unverstanden von der Politik.“ Viele in der Schlange sind gekommen, weil es das letzte Mal ist. Ganz hinten teilen sich zwei Mütter, 33 und 34, eine Teigtasche. Sie waren zwei Jahre nicht mehr feiern. „Nachdem wir von der Entscheidung erfahren haben, war klar, dass wir es heute durchziehen.“

Wer vor Corona zu Partybeginn um Mitternacht da war, wartete kurz und kam dann rein. Seit das OKA Ende August wieder die erste Innenraumparty gefeiert hat, ist das anders. Diesen Samstag warten um 23 Uhr etwa 250 Menschen. Wer ins OKA will, muss nicht nur geimpft oder genesen sein. Der Club lässt zusätzlich alle vor Ort testen. Das verlängert die Wartezeit, aber erhöht die Sicherheit. Gesetzlich ist zuletzt nur 2G nötig gewesen, um auf Masken und Abstand zu verzichten.

Das OKA hat selbst über den zusätzlichen Schutz entschieden. „Ich mag die Ansteherei nicht“, schimpft ein Georg, der eigentlich anders heißt. Mit ihren echten Namen stehen die wenigsten Gäste in diesem Text. Es wird enger in der Schlange, einige quetschen sich vorne rein. „Hinten anstellen, asozial!“, ruft eine Frau. Das Tor öffnet, alle müssen Personal- und Impfausweis zeigen. Menschen mit weißen Anzügen und Plastikhandschuhen legen Bändchen mit Nummern um Handgelenke und stecken Teststäbchen in Nasen.

Keine Fotos, keine Videos

Eine Discokugel wacht über den leeren Innenhof des Clubs, Lichtpunkte huschen über die bemalte Wand. 23.45 Uhr, Soundcheck, DJs spielen Teile ihrer Sets. Josie hat die vorerst letzte Bar-Schicht vor sich. „Niemand hat damit gerechnet. Wir haben ein Konzept, können Leute aussieben, wenn sie positiv sind. Sonst würde ich mich selbst nicht hinter die Bar stellen.“ Die 23-Jährige ist die Jüngste im Team. „Ich lebe echt für diesen Club. Er bedeutet Familie, Struktur, bestimmt meine Woche, bedeutet Ausbruch aus dem Alltag.“ Am Anfang habe sie Verständnis gehabt, wenn Menschen sich nicht impfen ließen. „Jetzt nicht mehr. Es gibt so viele Studien. Die Wut wird immer größer. Wir haben heute das letzte Event, weil die Leute sich nicht impfen lassen. Wir sind nicht der Ort, wo Inzidenzen steigen.“

Der Moment kurz vor Beginn, bevor die ersten Gäste für die letzte Party kommen.
Der Moment kurz vor Beginn, bevor die ersten Gäste für die letzte Party kommen. © Franziska Klemenz

Josie arbeitet an der Uni und zehn Stunden pro Woche im OKA. „Ich verdiene hier genau das, was ich für meine Miete ausgebe. Am Montag werde ich sofort alle Cafés und Bars, zu denen ich je Connections hatte, anrufen und nach Jobs fragen.“

Bis die Gäste die Tür erreichen, sind die Testergebnisse da. Ein Türsteher prüft sie, der andere blickt in die Taschen. „Wenn ihr euch unwohl fühlt oder Grenzen überschritten werden, gebt bitte Bescheid“, sagt er. Sexismus, Rassismus, Diskriminierung würden nicht geduldet. „Und keine Fotos, keine Videos.“ Kurz nach Mitternacht stapfen erste Gäste die Stufen empor. Lampions malen bunte Bilder in die Äste über ihren Köpfen, auf den Scheiben der krummen Holz-Kassenhäuschen klebt neben Stickern mit „antiracism“ und „solidarity“ ein QR-Code zum Einchecken in die Corona-App.

Georg aus der Schlange gehört zu den Ersten. „Mit Tricksereien. Aber Obergrenze meiner Geduld ist trotzdem erreicht.“ Kleingeld klimpert in der Garderobenkasse, als Entschädigung für die drei Euro Test-Aufpreis kriegen alle einen Shot.

Ein Schlag für die Clubkultur

Der Club füllt sich, Menschen küssen einander, lachen, die Ersten schwingen wie Seeanemonen in einem Korallenriff mit der Musik. Die Lautstärke steigt, Stimmen versinken im Sound. Josie lehnt sich über die langgezogene Theke, damit sie hören kann, was Leute ordern. Sie und die anderen tänzeln umeinander. Kühlschranktüren fliegen auf, Bier und Mate wandern über die Theke. Bunte Fensterscheiben, DJ-Pult, Bar und eine Bankreihe aus schwarzen Fliesen rahmen den Raum.

„Boah ist so geil hier, hab es mir ganz anders vorgestellt“, schwärmt einer im Vorbeilaufen. Eine Skultur aus einem Bärtigem, Brüsten und Händen schwebt über dem Raum zwischen den Floors. „Feiern gehen ist so wichtig. Man kommt mit so viele Leuten zusammen, die andere Ansichten haben“, sagt ein 19-Jähriger. Während der Pandemie war er fast ausschließlich in dem Dorf, aus dem er kommt. „Du stürzt in nichts Neues, stürzt null aus deiner Komfortzone raus. Clubkultur heißt für mich: Man vergisst sich selber und kommt trotzdem an.“

Josie muss sich einen neuen Job suchen. Im OKA hat sie genau das verdient, was ihre Mietet kostet.
Josie muss sich einen neuen Job suchen. Im OKA hat sie genau das verdient, was ihre Mietet kostet. © Franziska Klemenz

Menschen verbinden sich zu einem Knäuel, das über den Dancefloor schwingt. Als würden Wellen die Seeanemonen aufrütteln. Viele tanzen synchron, manche schließen die Augen, ihre Hände ziehen über den Köpfen Schnörkel. Einige bilden Spiegelbilder voneinander, imitieren Hände und Hüften des Gegenübers.

Töne werden härter, Bewegungen markanter, der Bass schlägt durch. Einzelne Hände und Fäuste ragen aus dem rot-blauen Nebel, der sich über die Menge legt. Der DJ drückt, zieht, dreht an Reglern und Knöpfen, nickt mit dem Kopf zu seinem Sound. Rgenbogenfarben leuchten und blinken auf dem Mischpult. Nikita tanzt in der ersten Reihe, ihre braunen Haare wischen über ihr bauchfreies Top. Der DJ pausiert den Bass, helle Lichter strahlen in Nikitas Gesicht, dann peitscht der Bass wieder durch den Raum. Nikita legt ihre Hände flach aneinander und hebt sie gen Decke, als würde sie die Musik anbeten.

"Die Leute sind richtig am Ausrasten"

Max‘ Modus ist anders. Der Night-Manager verhindert Katastrophen vor der Tür, im Club und Backstage. Sein Walki Talki knistert. „Geht es schneller? Die Leute werden unruhig. Wie viele sind gerade drinnen?“, fragt ein Türsteher. „143“,erwidert Max. „Geht nicht schneller“, heißt es aus der Teststation. „Ist schon ein bisschen doof, dass es draußen so lange dauert“, sagt Max. „Aber wir haben alle Stellschrauben gedreht, um es zu beschleunigen.“ Um 3 Uhr warten noch 100 Menschen. Alle werden es nicht schaffen. Rund 500 fasst der Club. „Die meisten bleiben lang“, sagt Max.

Die DJs am Barfloor mischen „Oh la la la“ ins Set, Köpfe springen aus der Menge. Mia legt ihren Leoparden-Mantel ab, wischt ihre glatten schwarzen Haare nach hinten. „Die Wartezeit war viel zu lange“, sagt die 21-Jährige und nippt am Strohhalm ihres Drinks. „Aber ich bin eine Partymaus, geh gern feiern. Wir sind hier, ums noch mal mitzunehmen.“ Ein anderer Gast schimpft: „Es gab so viele Modellprojekte, die gezeigt haben, dass es sicher sein kann. Wegen dieser Kartoffeln, die sich nicht impfen lassen, heißt es jetzt einfach: Ne, geht nicht.“

Hinter dem DJ blinken Lichtpunkte auf, an den Säulen des Raums zischen rote Striche entlang. Auf dem hinteren Floor ist alles dunkler, härter und schneller. Die Musik treibt, die Menschen folgen. „Wir waren die ganze Zeit nur da hinten“, sagt Tom und strahlt. „Die Leute sind richtig am Ausrasten.“ Es ist 4 Uhr. Schweiß teilt Toms schulterlange Haare in Strähnen, sein gestreiftes Hemd hat er aufgeknöpft.

Ein sicherer Ort

Unterhalb des Podests, auf dem Tim und Tom Pause machen, vibrieren die hölzernen Bänke. Die Rhythmen der Floors begegnen einander im Zwischenraum. David ist mit einem alten Freund da, der ihn besucht. „Die Leute sind alle eine Einheit, es ist wunderbar. Unsere Freundschaft erlebt eine ganz neue Güte.“ Line wirft einem Freund im Vorbeigehen einen Luftkuss zu. Ein anderer Freund umarmt sie, bevor er geht: „Es war mir ein Fest.“

Line, eine Studentin mit filigranem Lidstrich über ihren Augen, sagt, dass sie sich als Frau in Technoclubs sicherer fühle. „Hier feiern zu gehen, ist so schön. Hier hat mich noch nie jemand angetatscht, ich kann tanzen und frei sein. In anderen Clubs sind teilweise gefühlt 80 Prozent Männer, die darauf warten, dass sie was aufreißen können.“

Alle Getesteten tragen ein Bändchen - sonst kommt man nicht rein.
Alle Getesteten tragen ein Bändchen - sonst kommt man nicht rein. © Matthias Rietschel

Viele Gäste haben Outfits ausgeführt, für die der Alltag wenig Raum hat. Retro-Schweißerbrillen und Netztops, hautenge Tiger-Schlaghosen und Ledergeschirre.

Durch die bunten Fenster des Bar-Floors dringt um 6 Uhr die Dämmerung. Bunte Lichter durchkreuzen die Vorboten des Tags, Nebelschwaden steigen auf. Schichten an Bar und Technik wechseln. Auf dem Floor mischen sich Discoströme der 1970er ins Set. Zwei Frauen tanzen eng verschlungen auf einer Bank, küssen sich. Zwei andere lehnen an der roten Ziegelwand, blicken einander tief in die Augen.

Manche Lider sinken, mancher Eyeliner ist Schweiß oder Küssen gewichen. Füße baumeln vom Podest im Zwischenraum, unter dem ein Mann schläft.

Ein Euro für den Spielzeug-Automaten

Auf dem hinteren Floor gibt es keine Zeit, nur Dunkelheit und Bass. Musik fließt und zuckt durch Körper, deren Umrisse schwarze Schemen bilden. Hier und da flammt ein Feuerzeug auf, fliegt ein Pferdeschwanz vor einen Scheinwerfer. Ein Drittel der Leute hat die Helligkeit um 7 Uhr vom vorderen Floor gescheucht. Die Frauen von der Bank nutzen den freigewordenen Platz, hüpfen runter, werfen ihre Arme von sich.

Josi ist nach ihrer Schicht so warm, dass sie im rückenfreien Top nach draußen geht. Sie lässt sich auf eine Bank aus Holzlatten fallen, dreht sich eine Zigarette. „Es war super schön. Vielleicht auch ein bisschen Abschiedsschmerz. Sollte es die letzte Party sein, war es ein gebührender Abschied. Ich hatte das Gefühl, dass alle versucht haben, nicht darüber zu reden.“

In den nächsten Wochen - vielleicht sogar Monaten - bleibt die Tür des OKA geschlossen.
In den nächsten Wochen - vielleicht sogar Monaten - bleibt die Tür des OKA geschlossen. © Franziska Klemenz

Scherben klirren vor roten Borsten her, als ein Mitarbeiter den Steinboden des hinteren Floors fegt. Er hat um 8 Uhr geschlossen, die Menschen spült es zurück zum anderen Floor. Die Musik zieht an, die Menge wirbel durcheinander. Manchmal schneidet jemand eine Schneise hinein, die sich sofort wieder schließt. Menschen säumen die Bar wie eine Perlenkette aus Köpfen. Eine Frau wickelt sich ihren Schal um die dunklen Locken, hält einen Moment inne, lauscht der Musik und tanzt doch weiter. Im Innenhof nestelt ein Mann mit blondem Kurz-Vokuhila am Automat mit Spielzeug-Kugeln rum. „Hast mal n Euro?“, fragt er Leute. Er hat Erfolg.

"Nichts besseres als dieser Floor"

50 Leute sind noch da. Der DJ legt eine Platte zur Seite, mischt neue Klänge ein. Er lächelt. Seine Haare kleben in verschwitzten Strähnen auf der Stirn. Die Stimmung spult sich weiter hoch. Der DJ singt mit, malt Stufen in die Luft, die erste Reihe kreischt. Dreadlocks, goldene Ketten, glänzende Hemden schweben vor ihm. Manchmal versinkt alles im Rauch. Verschnaufpausen folgt der nächste Kick. „Bitte spiel so lange du kannst“, fleht ein Tänzer. Im Innenhof klappen Leute Kinositze mit Samtbezügen runter. Ein letzter Drink. Sekt-Mango: „Wie Frühstück.“ „Mit einer Nacht für die ganze Woche weggeschossen, aber das war’s wert“, sagt eine Frau.

Ein abruptes Ende kann der DJ den Menschen nicht zumuten, erst recht nicht nach dieser Nacht. Sein Beat wird langsamer. Noch ein paar sphärische Schlaufen. Er fährt sich durch die Haare, die Menschen wanken, der Beat dröhnt in den Ohren. Viele schließen die Augen, wiegen sich im Sound. Der DJ nimmt seine Arme hinter den Rücken, eine Zigarette qualmt in seiner Hand. Er verbeugt sich. Jubel, Rufen, Klatschen. „Danke!“ Viele bleiben gerührt stehen, manche legen ihre Hände auf ihre Herzen. Es ist 11.04 Uhr, der Himmel grau. „Man kann sich nichts Besseres vorstellen, als auf diesem Floor zu spielen“, sagt der DJ. Die Musik verstummt. Die Party ist zu Ende.