merken
PLUS Politik

Die Nadelprobe: Der Corona-Impfstart bei den Briten

Euphorisch startete Großbritannien vorige Woche mit Corona-Impfungen. Was kann der Rest der Welt davon lernen? Protokolle von der Einstichstelle.

In Großbritannien geht es nach dem Alter: Über-80-Jährige zuerst. Die, für die eine Infektion Lebensgefahr bedeutet.
In Großbritannien geht es nach dem Alter: Über-80-Jährige zuerst. Die, für die eine Infektion Lebensgefahr bedeutet. © Dan Charity/AFP

Von Deike Diening, Sarah Neder und Susanne Kippenberger

In diesen Tagen baut sie sich auf, die neue Widerstandskraft Großbritanniens, in den Körpern Tausender Staatsbürger, auf kleinster Ebene mit größter Wirkung – bis nach drei Wochen die zweite Dosis des neu entwickelten Impfstoffs verabreicht wird und nach etwa vier Wochen hoffentlich Immunität einsetzt gegenüber der zurzeit akutesten Plage der Menschheit.

TOP Jobs
TOP Jobs
TOP Jobs

Finden Sie bei Top Jobs jetzt Ihren Traumjob in der Region! Attraktive Arbeitgeber Ihrer Region suchen Sie!

Als am 8. Dezember, nationalistisch markiert als „V-Day“, Vaccine-Day, die ersten Nadeln ihren Weg in Oberarme älterer Briten fanden, wurde zugleich der Rest des Landes, ja wenn nicht sogar der Welt, mit Hoffnung geimpft.

Der Gesundheitsminister Matt Hancock weinte im Fernsehen, „das hier ist der Anfang vom Ende der Pandemie!“ Und als die frisch Geimpften ihre kleinen Kärtchen erhielten mit dem Termin für ihre zweite Dosis in drei Wochen, fragten sich wohl viele im Rest der Welt: Sind sie nun die Glücklichen, die zuerst erlöst werden? Oder fühlen sie sich wie die Versuchskaninchen des Planeten?

Anthony Balden, (Name geändert), 53, Anästhesist in einer Klinik im Süden Englands:

„Bei uns weiß eigentlich niemand Bescheid, wie das mit dem Impfen laufen soll. In unserem Krankenhaus haben wir keine Informationen bekommen. Diese Kommunikationsprobleme sind verheerend. Und wir sitzen ja eigentlich an der Quelle: Ich arbeite als Anästhesist in der Akut- und Intensivmedizin, das sind genau die Bereiche, die mit den schwersten Fällen zu tun haben.

„Das hier ist der Anfang vom Ende der Pandemie!“ Matt Hancock, Gesundheitsminister von Großbritannien.
„Das hier ist der Anfang vom Ende der Pandemie!“ Matt Hancock, Gesundheitsminister von Großbritannien. © Alberto Pezzali/PA Wire/dpa

Am 8. Dezember wurden in 53 ausgewählten Krankenhaus-,Hubs‘, also Zentren, die Kühltruhen mit dem Impfstoff aufgebaut, und es wurde mit dem Impfen begonnen. Eine Woche vorher habe ich versucht herauszufinden, ob unser Krankenhaus einer dieser Hubs ist, aber nirgendwo eine Antwort bekommen. Ursprünglich sollten Mitarbeiter des NHS, des National Health Service, die an der Front arbeiten – also in der Intensivmedizin, im OP und auf den Akut- und Aufnahmestationen –, parallel zu Mitarbeitern und Bewohnern von Pflege- und Seniorenheimen geimpft werden. Die Entscheidung wurde dann kurzfristig revidiert.

Bei den Heimen dauert das ja sehr lange: Man muss erst mal erfassen, wer da lebt, dann mit den Bewohnern sprechen, die oft selber gar nicht in der Lage sind zuzustimmen. Also müssen erst die Angehörigen kontaktiert und die Menschen dann in die Zentren gebracht werden, die möglicherweise 50, 100 Kilometer entfernt sind. Der Transport muss erst mal organisiert werden, du kannst ja nicht ein ganzes Altenheim in einen Bus stopfen. Das wird dauern.

Parallel hätte man das Pflegepersonal in den Kliniken schon impfen lassen können. Die Mitarbeiter sind vor Ort, die Namen sind bekannt, sie können der Impfung schnell zustimmen – das ist eine Sache von fünf Minuten. Damit schützt du ja nicht nur diese, sondern auch die Patienten und deren Angehörige.“

Der 81-jährige William Shakespeare (l) bekommt im Universitätskrankenhaus Coventry zu Beginn der Impfkampagne den Pfizer/BioNtech-Impfstoff gegen das Coronavirus.
Der 81-jährige William Shakespeare (l) bekommt im Universitätskrankenhaus Coventry zu Beginn der Impfkampagne den Pfizer/BioNtech-Impfstoff gegen das Coronavirus. © Jacob King/PA Wire/dpa

Wer zuerst geimpft werden soll, wird in allen Ländern anders verhandelt. Am ersten Tag traf es in Coventry und Cardiff, in Bristol, Belfast und Brighton, in Edinburgh, London und Newcastle unter anderem eine ältere Frau, die seit März keinen Laden betreten hatte, einen Kriegsveteranen und ein Ehepaar indischer Herkunft, das die Impfung als seine „Pflicht“ bezeichnetet – es wirkte wie ein kuratierter Querschnitt durch die Bevölkerung, die Impfung wie eine Anerkennung von Lebensleistung.

Tatsächlich geht es nach dem Alter: die Über-80-Jährigen zuerst. Die, die am meisten gefährdet sind, dass das Virus für sie tödlich wäre. Damit dämmen die Briten das Sterberisiko ein, weniger das der Verbreitung. Für beides gibt es Gründe. Doch die Zahlen würden erst runtergehen, sagte die Epidemiologin Maria Van Kerkhove, technische Leiterin des Covid-19-Teams bei der WHO, wenn man beginne, die Jungen zu impfen. Das sind die mit dem größten Risiko, zu Superspreadern zu werden.

Anthony Balden:

„Im Moment fehlt bei uns ungefähr ein Drittel des Personals. Wenn es auf einer Intensivstation eine neue Corona-Welle gibt, stehen viele Menschenleben auf dem Spiel. Seit dem Frühjahr hat sich vom Personal keiner mehr richtig erholt.

Immerhin haben wir jetzt adäquate Schutzkleidung. Im Frühjahr herrschte hier dramatischer Mangel. Als Antwort auf diese Lücke wurden die Standards reduziert. Alle Mitarbeiter auf den Normalstationen sollten nur einfache chirurgische Schutzmasken tragen dürfen, auch wenn sie positiv auf Covid-19 getestete Patienten behandeln.

Eine Krankenschwester hat sich dann selber infiziert und ihren Mann angesteckt. Ein junger Mensch, ohne Vorerkrankung, der nach vierwöchiger Behandlung auf der Intensivstation starb. Sie war in der Folge schwer depressiv, da sie sich vorwarf, ihn infiziert zu haben. Sie fühlte sich schuldig, dass sie nicht den Mumm gehabt hatte, sich der Regierungsanordnung und den Vorgesetzten im eigenen Krankenhaus entgegenzustellen und zu sagen: Ich arbeite so nicht.

Die 90-jährige Margaret Keenan (M) wurde als erste Person im Vereinigten Königreich gegen Corona geimpft.
Die 90-jährige Margaret Keenan (M) wurde als erste Person im Vereinigten Königreich gegen Corona geimpft. © Jacob King/PA Wire/dpa

Eine sichere Maske zu tragen, selbst wenn du sie dir selbst gekauft hast, wäre ein Kündigungsgrund gewesen. Weil du andere dazu motiviert hättest, es genauso zu tun, und es nicht genügend davon gab. Nicht nur bei uns, auch in anderen Krankenhäusern haben Pflegekräfte Abmahnungen dafür bekommen.

Großbritannien hat eine brillante Forschung und einige der weltweit renommiertesten Universitäten. Aber es hapert zurzeit häufig auf der politischen Ebene.

Doch die Zulassung des Impfstoffs – das haben die Briten schon gut hingekriegt. Ich glaube auch, dass dieser sicher ist. Doch die Bevölkerung eines Landes zu impfen, ist ein logistischer Kraftakt. Die optimistische Regierungsankündigung, man werde bis Ende des Jahres einen Großteil der Risikogruppen geimpft haben, ist völlig unhaltbar.“

Großbritannien impft auf eigenes Risiko. Per „Notfallzulassung“ nämlich, die das Risiko beim Genehmiger und nicht beim Hersteller belässt. Das ist der Preis für die Geschwindigkeit. Gelernt wird im Prozess. Mit dem großen Vorteil, dass jetzt alle anderen das Vereinigte Königreich studieren können: in Bezug auf die Wirkung des Stoffes selbst, die Logistik, die Kriterien für die Verteilung, die Kommunikation.

Premierminister Boris Johnson wollte zu einem nationalen Brexit-Sieg erklären, was von Deutschen mit türkischen Wurzeln entwickelt, in Belgien hergestellt und schließlich von einer Krankenschwester mit philippinischen Wurzeln verabreicht wurde. Der Beitrag der Briten war der erste Oberarm.

Premierminister Boris Johnson wollte zu einem nationalen Brexit-Sieg erklären, was von Deutschen mit türkischen Wurzeln entwickelt, in Belgien hergestellt und schließlich von einer Krankenschwester mit philippinischen Wurzeln verabreicht wurde. Der Beitra
Premierminister Boris Johnson wollte zu einem nationalen Brexit-Sieg erklären, was von Deutschen mit türkischen Wurzeln entwickelt, in Belgien hergestellt und schließlich von einer Krankenschwester mit philippinischen Wurzeln verabreicht wurde. Der Beitra © Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Johnson hatte ja schon einmal versucht, den National Health Service, auf den die Engländer stolz sind wie auf einen runtergerockten Fußballklub, zu dem man unter allen Umständen hält, für seine Ziele zu instrumentalisieren. Wollten nicht viele Briten aus der EU austreten, weil Johnson auf einen Bus hatte schreiben lassen, damit ließe sich der NHS retten? Noch immer feuern sie ihn an: Überall hängen noch immer die genau so gemeinten Regenbogen in den Fenstern, und die Verkehrsbetriebe in Manchester schicken ihre Busse mit Leuchtschriften durch die Straße: „Thank you NHS, we love you.“

Eine dieser geliebten Krankenschwestern des NHS ist Emma Shane.

Emma Shane, 29, Ergotherapeutin an den Liverpool University Hospitals:

„Ich bin ein bisschen ängstlicher als bei anderen Impfungen oder Medikamenten, die ich bisher verabreicht bekommen habe. Ich glaube, das liegt an der Masse von Impfgegnern, Maskenverweigerern und Verschwörungstheoretikern, die Angst und Unsicherheit verbreiten. Ich habe dagegen angekämpft, indem ich mir wissenschaftliche und klinische Studien zu dem Virus und der Impfung durchgelesen habe. Ich würde jedem, der verunsichert ist, raten, die Fakten zu checken und sich auf sichere, unabhängige Quellen zu verlassen. Ich denke, dass ich auch im Umgang mit meinen Angehörigen ein ruhigeres Gewissen haben werde, sobald ich geimpft bin.

Ich bin Ergotherapeutin und das Coronavirus hat mein ganzes Arbeitsleben verändert. Die Station, auf der ich gearbeitet habe, war eine Diabetes-Klinik, aber irgendwann wurden nur noch Patienten aufgenommen, die an Corona erkrankt sind. So ging es mit den meisten der allgemeinmedizinischen Stationen.

Um die Masse an Patienten zu bewältigen, sind unsere Schichten auf zehn Stunden verlängert worden. Eine Zeit lang habe ich an einem Tag so viele Patienten zugeteilt bekommen wie sonst in einer Woche. Ich selbst habe mich Anfang April angesteckt. Wir als Krankenhausmitarbeiter sind es gewohnt, leidende Menschen zu sehen. Das ist schon schlimm genug. Mit dem Coronavirus kam noch die Belastung hinzu, dass wir uns selbst, Freunde und Familie der Ansteckungsgefahr aussetzen könnten. Einige meiner Kollegen mit gefährdeten Verwandten sind für Monate in Hotelzimmer gezogen, die das Krankenhaus gestellt hat. Im April ist eine Freundin und Kollegin von mir mit 54 Jahren an dem Virus gestorben.

Eine Frau in Belfast geht an einer Wand vorbei, an der "Victory to the NHS" ("Sieg der NHS") gesprüht steht. Auf den National Health Service sind die Engländer stolz wie auf einen runtergerockten Fußballklub.
Eine Frau in Belfast geht an einer Wand vorbei, an der "Victory to the NHS" ("Sieg der NHS") gesprüht steht. Auf den National Health Service sind die Engländer stolz wie auf einen runtergerockten Fußballklub. © Peter Morrison/AP/dpa

Im Juli war ich zwei Wochen lang krankgeschrieben. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die mit posttraumatischem Stress zu kämpfen hatte. Ich persönlich denke nicht, dass ich noch einmal auf einer Covid-Station arbeiten könnte.“

Der Grad der Euphorie, mit der die Impfung begrüßt wird, steht in direktem Verhältnis zum Grad der Verzweiflung, die sich seit März angestaut hat.

Die Logistik: Das eine ist die Kühlkette bei minus 70 Grad. Außerdem kommt der Stoff in großen Gebinden von 975 Dosen, die sich schlecht teilen lassen, weshalb es zunächst schwierig ist, kleinere Einheiten etwa zu Privatpersonen zu bringen, die an ihr Wohnhaus gebunden sind. Einige wollen warten, bis ein anderer, der Astra-Zeneca-Impfstoff zugelassen ist. Er hat etwas weniger Wirksamkeit, aber muss nicht so kalt gelagert werden. Man braucht nur eine einzige Dosis und: Er ist in Großbritannien entwickelt worden.

Laureen Wittex, (Name geändert), 56, Ambulante Krankenschwester in Oldham:

„Es gibt einige Dinge, die bei diesem Impfstoff anders sind als bei gewöhnlichen. Die Praxen bekommen spezielle Gefrierschränke gestellt. Bevor wir die Dosis in den Oberarm spritzen, müssen wir sie mit Kochsalz mischen. Der gemixte Impfstoff muss dann innerhalb von sechs Stunden verabreicht werden. Dann fragen wir die Patienten, ob sie Links- oder Rechtshänder sind und spritzen in den jeweils anderen Oberarm.

Um die Impfung verteilen zu dürfen, musste ich eine Weiterbildung machen. In einem Online-Kurs haben wir gelernt, wie man die Impfung präpariert und verabreicht. Ich bin Krankenschwester und habe früher in einem Hospiz für Krebskranke gearbeitet. Nun arbeite ich an Schulen. Ab Januar werde ich die Corona-Impfung in einer Praxis in Oldham vergeben. Ich selbst werde geimpft, bevor ich meinen ersten Dienst antrete.“

Laureen Wittex ist wie viele andere auch aus dem Vorruhestand wieder in den Dienst zurückgekehrt. Von 750.000 Freiwilligen, die sich in der Corona-Krise gemeldet hatten, wurden 600.000 akzeptiert. 30.000 werden jetzt für die Impfungen gesucht. Wo der Staat schwach ist, helfen sich die Leute selbst. Corona-Hilfen sind längst in die Liste der guten Zwecke integriert, für die Wohltätigkeitsaktionen organisiert werden. Berühmt wurde der Kriegsveteran „Captain Tom“, der im April, da war er 99, hundertmal seinen Garten durchqueren und 1.000 Pfund damit einwerben wollte. Es wurden mehr als 13 Millionen. Ein Arzt hat für die Organisation „Doctors in Distress“, die sich um Selbstmordprävention bei überlasteten Ärzten kümmert, eine Fahrradtour durch ganz England unternommen.

Gaynor Whitton, 58, Gemeindekrankenschwester in York:

„Ich bin mobile Krankenschwester und besuche ans Haus gefesselte Patienten im Bezirk South-York. Im Mai dieses Jahres bin ich in den Ruhestand gegangen, habe dann aber den Dienst wieder aufgenommen, weil der Druck auf Kollegen und das ganze System zu groß geworden ist. Die Zahl der Patienten, die wir versorgen mussten, hat sich durch das Virus verdreifacht. Zu den bettlägerigen Patienten sind die dazugekommen, die sich abschirmen müssen. Im Moment gebe ich die jährliche Grippe-Impfung aus – das ist auch für die Corona-Impfung von Bedeutung. Die beiden müssen nämlich mindestens 21 Tage auseinander liegen.

Weiterführende Artikel

Sachsen will Quarantäne-Verweigerer einsperren

Sachsen will Quarantäne-Verweigerer einsperren

Sachsen nimmt Einrichtung für Quarantäne-Brecher in Betrieb, weltweit mehr als 2 Millionen Corona-Tote, Pfizer liefert weniger Impfstoff - unser Newsblog.

Hier sind Corona-Impfzentren in Sachsen

Hier sind Corona-Impfzentren in Sachsen

Ob in alten Aldi-Märkten, in Messehallen oder Stadthallen: In jeder Großstadt und in jedem Landkreis in Sachsen gibt es jetzt Impfzentren. Eine Übersicht.

Der Impfstoff allein rettet uns nicht

Der Impfstoff allein rettet uns nicht

Wenn alles freiwillig bleibt, wie lange sollen dann noch Stadien, Theater und Sportstätten geschlossen sein? Wie wäre es mit Zwang, und welche Folgen hätte er?

Ab nächster Woche werde ich die Impfung auch an meine Patienten verteilen. Voraussichtlich werde ich zudem bei den Massenimpfungen aushelfen. Drei lokale Praxen haben dafür eine Sporthalle gemietet, die auch über einen Drive-Through-Service verfügen wird. Es ist mir egal, wie viele Stunden ich arbeiten muss, um dieser Situation endlich ein Ende zu bereiten. Viele meiner Kollegen impfen ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Wir tun alles.“

Mehr zum Thema Politik