merken
PLUS Sachsen

„Die ohne Maske machen uns das Leben schwer“

Wenn es um die Maskenpflicht geht, werden Einzelhändler derzeit stark auf die Probe gestellt. Vor allem in Bio-Läden gibt es ein Problem.

Stündlich müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verbrauchergemeinschaft Dresden in den Läden Menschen ansprechen, die keine Maske tragen. Das Personal sei sehr angespannt, sagt Vorstandsmitglied Peter Jacobi.
Stündlich müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verbrauchergemeinschaft Dresden in den Läden Menschen ansprechen, die keine Maske tragen. Das Personal sei sehr angespannt, sagt Vorstandsmitglied Peter Jacobi. © Thomas Kretschel

Diesen einen gibt es doch immer. Den, der im Supermarkt ohne Mundschutz durch die Regalreihen schlendert, als ob ihn das alles nichts anginge. Dieses Coronavirus, die Pandemie, der Schutz von sich selbst und anderen. Wenn es gut läuft für die Mitarbeiter, dann zieht er an der Kasse noch seinen fusseligen Wollschal übers Gesicht und signalisiert damit: Ist ja schon gut. Ich mache keinen Stress. Wenn es schlecht läuft, dann gibt es Ärger. Notgedrungen.

Seit Mitte April gilt in Sachsen laut Corona-Schutz-Verordnung eine Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung beim Einkaufen. Was am Anfang noch befremdlich wirkte, war schon nach wenigen Wochen für die meisten Routine. Maske auf, einkaufen, Maske ab. So einfach ist das, um andere zu schützen, falls man selbst das Virus in sich trägt. Wobei der einfache Mund-Nasen-Schutz im Unterschied zu FFP2- und FFP3-Masken nur helfen kann, die gröbsten Speicheltröpfchen aufzuhalten, die beim Sprechen oder Niesen herausgeschleudert werden. Den Mindestabstand von 1,50 Metern ersetzt der einfache Schutz nicht, wie Ärzte immer wieder betonen. Wer also in der Schlange an der Kasse und am Leergutautomaten jemanden im Nacken sitzen hat, der sollte lieber freiwillig noch eine Extrarunde mit seinem Wagen drehen.

Anzeige
Sachsen krempelt die #ärmelhoch
Sachsen krempelt die #ärmelhoch

Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Die meisten Menschen halten sich an die Maskenpflicht, die in Läden sowie Einkaufsstraßen gilt. Immer häufiger jedoch wird ein zweifelhaftes Attest gezückt, das angeblich von der Pflicht befreit.
Die meisten Menschen halten sich an die Maskenpflicht, die in Läden sowie Einkaufsstraßen gilt. Immer häufiger jedoch wird ein zweifelhaftes Attest gezückt, das angeblich von der Pflicht befreit. © Jürgen Lösel

Dennoch: Die Maske ist das Symbol schlechthin für den Schutz vor Corona, für die Eindämmung der Pandemie, für das Befolgen der Regeln. Sie ist für diejenigen, die das alles übertrieben finden, zugleich das Zeichen für die unverhältnismäßigen Beschränkungen, die Einschränkung der Freiheit gar. An der Maske erhitzen sich in diesem Land immer wieder die Gemüter.

Immerhin: Nach acht Monaten hält sich im Supermarkt die überwiegende Mehrheit mehr oder weniger freiwillig an die Maskenpflicht. Und gibt es sie, die Menschen, sich wahlweise Maskenverweigerer oder etwas zärtlicher Maskenmuffel genannt werden und immer wieder Händler in die Bredouille bringen. Klar freuen die sich über jeden Kunden, gerade in diesen Zeiten. Dennoch müssen sie eingreifen, um nicht selbst Strafen zu riskieren.

Will man sich in Dresden in Filialen der großen Supermarktketten zu diesem Reizthema umhören, trifft man zunächst auf viel Schweigen. „Wir dürfen dazu gar nichts sagen“, antwortet eine Mitarbeiterin im Rewe in der Dresdner Altmarktgalerie stellvertretend für ihre Kollegen in all den Aldis, Lidls und Nettos. „Bitte wenden Sie sich an unsere Zentrale.“ Die Zentralen allerdings wissen nicht, ob in irgendeiner Obstabteilung gerade wieder jemand die Tomaten anhustet. Das erleben nur die Mitarbeiter vor Ort.

© Jürgen Lösel

Peter Jacobi hat regelmäßig mit Kundinnen und Kunden zu tun, die mit viel Selbstbewusstsein und ohne Maske in den Laden kommen. Oftmals sind die dann auch nach Aufforderung nicht bereit, eine aufzusetzen. Jacobi ist Vorstand der Verbrauchergemeinschaft, die in Dresden mittlerweile sechs Bio-Märkte betreibt. Unter anderem ist er verantwortlich für den Arbeits- und Gesundheitsschutz. „95 Prozent der Leute halten sich klaglos an die Maskenpflicht“, sagt der 58-Jährige, „aber die wenigen anderen machen uns seit Monaten das Leben schwer.“

Stündlich müssten in seinen Läden im Schnitt zwei, drei Kunden angesprochen werden. Erst freundlich, notfalls bestimmter. In der Filiale in Dresden-Mitte gebe es vergleichsweise selten Beschwerden, in der Neustadt und in Strehlen deutlich häufiger. „Viele ältere Leute merken es gar nicht und entschuldigen sich, wenn wir sie ansprechen“, sagt Jacobi. „Bei anderen merkt man aber sofort, dass sie bewusst auf die Maske verzichten.“ Im Zweifel würden die dann selbst mit prall gefülltem Einkaufswagen an der Kasse stehen gelassen. Auch Hausverbote seien schon verhängt worden.

Nur selten erlebt man Kunden, die andere auf die fehlende Maske hinweisen. Die allgemeine Angst vor einem eskalierenden Streit oder gar Handgreiflichkeiten ist spürbar. „Auch die Psyche unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist deswegen sehr angespannt“, sagt Jacobi. Konfliktsituationen wie diese würden nicht jedem liegen und wer sich damit nicht wohl fühle, der müsse auch niemanden ansprechen. Das würden dann höhergestellte Mitarbeiter übernehmen.

© Jürgen Lösel

Sein Personal sei allerdings ausdrücklich angewiesen, sich auf keine Diskussion über Sinn oder Unsinn der Maske einzulassen. „Gegen die oft pseudojuristischen oder vermeintlich wissenschaftlichen Thesen kommt man mit Argumenten sowieso nicht an“, sagt er. „Viele wollen ja gar nicht überzeugt werden.“

Wer in Ruhe einkaufen und trotzdem provozieren will, der zieht seine Maske unter die Nase. Fortgeschrittene, die vielleicht mit der „Querdenken“-Bewegung sympathisieren, schreiben Kampfbegriffe wie „Maulkorb“ oder „Diktatur“ darauf oder schneiden wahlweise kleine Löcher in den Stoff.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Peter Jacobi die Auseinandersetzung mit einer etwa 50-jährigen Frau, die zur Reichsbürgerszene gehört, wie sich später herausgestellt habe. „Sie ist Mitglied bei uns und hat uns mehrfach in allen Läden belästigt“, sagt er. Dabei habe sie nicht nur keine Maske getragen, sondern sei auch andere Kunden verbal angegangen und wollte sie von ihrer Wahrheit überzeugen. Nachdem ihr deswegen Hausverbot erteilt wurde, habe sie Anzeige bei der „zuständigen Staatsanwaltschaft der Alliierten“ erstattet und zwei Million Euro Schadenersatz verlangt. „Wir haben uns da beraten lassen und die Schreiben ignoriert“, sagt Jacobi. „Und trotzdem macht das was mit einem.“

© Jürgen Lösel

Seiner Beobachtung nach sei die Tendenz, sich nichts vorschreiben lassen zu wollen, in der äußerst vielschichtigen Klientel der Biomärkte stärker ausgeprägt als in normalen Supermärkten. Es ist kein Geheimnis, dass es größere Schnittmengen zwischen Impfgegnern, „Querdenken“-Anhängern und Menschen aus der alternativen Szene gibt, die gern ungespritztes Gemüse essen. Was nicht heißt, dass jeder Bio-Käufer gern Aluhut trägt.

Doch der Vergleich mit anderen Läden zeigt schon, dass es in Bio-Läden offenbar ein größeres Problem gibt als in anderen Supermärkten. Der Konsum Dresden teilt zum Beispiel auf Anfrage mit, dass es in seinen 34 Konsum- und Frida-Märkten nur selten Probleme mit der Einhaltung der Maskenpflicht gebe. Auch im Edeka im Stadtteil Cotta gebe es nur selten Ärger. „Das sind nur ganz wenige“, sagt Marktleiter John Scheller. „Dafür wird bei den wenigen die Stimmung aber gereizter.“ Im Notfall würde aber auch er von seinem Hausrecht Gebrauch machen. Ganz ähnlich wird das im Edeka von Christina Zschabran in Dresden-Pieschen gehandhabt. Sie hat vor ihren Eingang einen großen gelben Aufsteller mit der unmissverständlichen Warnung gestellt: „Wer in diesen Zeiten seine Kinderstube verliert, den begleiten wir gern persönlich zu Tür.“

Es gibt auch diese anderen Geschäfte; die, in denen es die Inhaber nicht ganz so genau mit der Maskenpflicht nehmen. Oder – noch extremer – die sie ablehnen, obwohl sie zur Einhaltung der Schutzregeln verpflichtet sind. Neben den vielen Geschäften, die auf die Maskenpflicht hinweisen, stechen sie heraus. „Hier sind auch Menschen ohne Maske willkommen“, steht zum Beispiel auf Schildern, die einige Ladeninhaber in Bautzen und Görlitz an ihren Türen angebracht haben – oder hatten. In der Zwischenzeit hat das Bautzener Kreis-Ordnungsamt die Geschäfte kontrolliert und auch einen Bußgeldbescheid erlassen. Einige Geschäftsinhaber haben die Schilder nun abgenommen.

© Jürgen Lösel

Dass ihre Position gefestigt ist, haben sie dennoch ganz deutlich gezeigt. „Ich kann es mir nicht leisten, dass Leute nicht zu mir kommen, weil sie eine Maske tragen müssen“, erklärte zum Beispiel Andreas Schaal vom gleichnamigen Reformeck in Bautzen, als das Schild noch hing. Für ihn steckt aber mehr dahinter als nur die Angst vor einem Einnahmeverlust. Er zweifelt die Corona-Pandemie an. Die Debatte dazu sei hochgezüchtet, so seine Meinung. Und weiter: Wirtschaftliche Interessen stünden dahinter. Um das zu verstehen, solle man zu den Bilderberg-Konferenzen oder Bill Gates recherchieren. Aussagen und Begriffe, die von Expertinnen und Experten als Schlagworte der Verschwörungsideologie eingeordnet werden.

Auch ein anderes Geschäft in Bautzen, an dem solch ein Schild noch immer hängt, ist dafür bekannt, dass der Inhaber seit Langem Verschwörungsmärchen verbreitet. Konkret danach gefragt, sagt die Inhaberin eines dritten Geschäfts: „Verschwörungen gibt es nicht. Ich habe meine Meinung und Sie Ihre.“

Dazu passt auch der Aufdruck der sogenannten „Klagepaten“ auf dem Schild. Hinter den „Klagepaten“ steckt der Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig, ein Szene-Anwalt der coronakritischen „Querdenken“-Bewegung. Deren Demonstrationen sorgen regelmäßig für Schlagzeilen, weil Leute dicht an dicht und ohne Masken demonstrieren – oder weil Rechtsextreme mitlaufen. Auffällig ist: Auch in Bautzen scheint es diese Nähe zur Bio-Szene zu geben; zwei von vier Geschäften lassen sich in diese Kategorie einordnen. Da ist zum einen ein Naturkostladen, in dem Bioartikel und regionale Produkte verkauft werden. Da ist zum anderen das Reformeck Schaal; ebenfalls ein Bioladen.

© Jürgen Lösel

Doch nicht nur in die Geschäfte, an deren Pforten die Inhaber solche Schilder befestigt haben, können Maskengegner selbstsicher hereinstapfen. Einen Trumpf können sie auch anderswo ziehen: das Attest. Wer glaubwürdig versichern kann, dass er aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen muss, ist laut Gesetz von der Pflicht entbunden. Allerdings ist die Zahl der Menschen mit schweren chronischen Atemwegserkrankungen in den vergangenen Wochen auf wundersame Weise sprunghaft angestiegen.

Ein mehr oder weniger schlecht gefälschtes Attest zum Ausdrucken ist im Internet schnell gefunden. Und wer will das an der Supermarktkasse schon nachprüfen? „Da sind auch uns dann die Hände gebunden“, sagt Peter Jacobi von der Verbrauchergemeinschaft. „Leider kommt das in letzter Zeit immer häufiger vor.“ Einige Maskenverweigerer würden sich darüber hinaus weigern, ihre Atteste vorzuzeigen. Das falle schließlich unter den Datenschutz, hieße es dann oft. „Im Gegenzug können wir uns aber auf unser Hausrecht berufen“, sagt Jacobi, der damit keinesfalls jeden Kunden mit Attest unter Generalverdacht stellen wolle. Vor jeder VG-Filiale ist ein Hinweis angebracht, dass Atteste auf Verlangen im Original vorzuzeigen sind.

Wer auf Nummer sicher gehen will, braucht also ein echtes Attest. Aber stellt die der freundliche Lungenfacharzt auf Anfrage auch bereitwillig aus? „Die Anfragen erreichen uns täglich“, sagt Pneumologe Frank Schmidt vom Schlafmedizinischen Zentrum Dresden, „aber in der Regel ist das medizinisch nicht begründbar“. Diejenigen, die wirklich schwer betroffen seien, würden sich meist gar nicht melden, sondern sich freiwillig selbst isolieren. Schmidt geht sogar so weit, dass er Patienten, die mit Attesten von anderen Ärzten maskenlos in seine Praxis wollen, den Zutritt verweigert.

Auch den Dresdner Lungenfacharzt Jakob Bickhardt erreichen inzwischen jeden Tag Anfragen nach Attesten. „Bei Patienten mit nur leicht verminderter Lungenfunktion lehnen wir die Attestwünsche in der Regel ab“, sagt er. „Wir halten das Tragen von Masken für eine zumutbare Zumutung und im Kontext mit der inzwischen erwiesenen Schutzwirkung für dringend nötig.“ Peter Jacobi von der Dresdner Verbrauchergemeinschaft kennt dennoch zahlreiche Fälle von renitenten Maskenverweigerern, die nach mehreren Diskussionen plötzlich ein Attest hervorgezaubert hätten.

Weiterführende Artikel

Corona: Vorerst keine neuen Impftermine in Sachsen

Corona: Vorerst keine neuen Impftermine in Sachsen

787 Neuinfektionen in Sachsen, Dresden hat neue Quarantäne-Regeln, Pharmariese Bayer prüft Impfstoff-Herstellung - unser Newsblog.

„Bitte setzen Sie Ihre Maske auf“

„Bitte setzen Sie Ihre Maske auf“

Wie reagiere ich, wenn ich auf Menschen treffe, die keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen? Tipps, wie Gespräche nicht eskalieren.

Bio boomt - auch wegen Corona

Bio boomt - auch wegen Corona

Regionale Ökoprodukte sind in diesen Zeiten sehr gefragt. Auch die Hofläden im Rödertal und in Dresden erleben gerade einen Aufschwung.

Neue Corona-Regeln beim Einkaufen in Dresden

Neue Corona-Regeln beim Einkaufen in Dresden

In Dresdner Läden dürfen nun weniger Kunden gleichzeitig shoppen. Wie das umgesetzt wird und welche Folgen das für Käufer und Händler hat.

Oft werde ihm vorgeworfen, er würde in blindem Gehorsam den Anordnungen folgen. „Das stimmt aber nicht. Ich bin selbst davon überzeugt, dass dieses Virus gefährlich ist, und sehe es daher als meine Pflicht an, die Gesundheit meiner Mitarbeiter und Kunden zu schützen.“

Mitarbeit: Theresa Hellwig.

Mehr zum Thema Sachsen