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"Die Politiker hatten nicht die Eier"

Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim spricht über Corona-Leugner, Konsens in der Forschung, ein Leben voller Risiken und kotzende Astronauten.

Ganz schön kompetent: Mai Thi Nguyen-Kim klärt über Wissenschaft auf, auch über Corona. Dafür wird sie von vielen geliebt, aber auch mit Hass überschüttet.
Ganz schön kompetent: Mai Thi Nguyen-Kim klärt über Wissenschaft auf, auch über Corona. Dafür wird sie von vielen geliebt, aber auch mit Hass überschüttet. © funk

Mai Thi Nguyen-Kim, 33, ist promovierte Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin, Bundesverdienstkreuz- und jetzt auch Grimmepreisträgerin. Aufgewachsen ist sie in Baden-Württemberg. Ihre Eltern stammen aus Vietnam, ihr Vater ist auch Chemiker, genau wie ihr älterer Bruder. Statt nach dem Studium in die Wirtschaft zu gehen, begann Mai Thi Nguyen-Kim, mit Youtube-Videos Wissenschaftsthemen verständlich zu erklären. Die Mailab-Folge „Corona geht gerade erst los“ war mit bislang 6,5 Millionen Zuschauern das erfolgreichste in Deutschland produzierte Video des Jahres 2020. Ihr Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ (Droemer) ist ein Bestseller.

Frau Nguyen-Kim, ein Dreijähriger will Pancakes nicht essen, weil er nicht glaubt, dass sie abkühlen. Fühlt es sich so an, mit Wissenschaftsleugnern zu diskutieren?

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Wenn man verlangt, eine gewisse Evidenz als Basis zu nehmen, kommt manchmal: „Die eine Wissenschaft gibt’s doch gar nicht!“ Es gibt aber sehr wohl wissenschaftliche Evidenz, in den Naturwissenschaften kann die verdammt stark sein. Überrollt eine Gravitationswelle die Erde, wird die Erde für einen kurzen Moment in die eine Richtung gestaucht und in die andere lang gezogen. Hat man gemessen. Jetzt wissen wir felsenfest: Das ist so. Bei der psychologischen Forschung wiederum ist man zum Beispiel auf Umfragen angewiesen. Deren Ergebnisse haben größere Unsicherheiten. Alles über einen Kamm zu scheren und zu behaupten, man wisse gar nichts sicher, ist Quatsch.

Es gibt also durchaus so etwas wie einen wissenschaftlichen Konsens?

Nur weil Forschung sich naturgemäß um offene Fragen und Unsicherheiten dreht, heißt das nicht, dass nicht schon viele Fragen beantwortet sind. Damit tun sich viele schwer – weil Wissenschaft etwas ist, womit sich die Menschen nicht beschäftigen. Während der Pandemie ist sie in den Fokus gerückt, ohne dass die Grundprinzipien verstanden wurden. Wissenschaftlicher Konsens wurde dann als Unterdrückung der Meinungsfreiheit geframt. Nein!

Was könnten Medien Ihrer Meinung nach besser machen?

Ein Problem ist die „False Balance“ bei wissenschaftlichen Inhalten. Schauen Sie sich eine Talkshow an: Wenn eine Person von zweien eine krasse Minderheitenmeinung vertritt, dann ist das schon rein visuell eine Verzerrung der Realität. Man sieht 50:50 und denkt, die eine Hälfte der Bevölkerung ist dieser Meinung, die andere Hälfte der anderen Meinung. Umfragen belegen, dass recht konstant zwei Drittel der Deutschen die Maßnahmen zwar nicht immer gut finden, aber als notwendig erachten. Etwa ein Drittel findet sie übertrieben. Doch ein Großteil der Leute nimmt an, dass sie mit der Befürwortung der Maßnahmen in der Minderheit sind. In der Wissenschaft ist das besonders problematisch, weil da der Konsens nicht durch Umfragen zustande kommt, sondern eben durch Evidenz. Wenn du dem Konsens widersprichst, brauchst du eine bessere Evidenz. Die Medien lieben aber Personen, auch Wissenschaftler, die dem Konsens auch ohne Evidenz widersprechen. Viele wollen sich ja empören.

Wären Sie gerne Forschungsministerin?

Nein. Die Wissenschaftler, die ich kenne, sind dankbar dafür, keine Politiker sein zu müssen. Beispiel Schulen: Alle hatten Verständnis dafür, dass sie zum Teil geöffnet wurden. Doch die Politiker hatten nicht die Eier, es auf ihre Kappe zu nehmen. Stattdessen verdrehten sie die Wissenschaft so, dass ihre Entscheidung tragfähig wurde.

Letzten Sommer gab es eine hitzige Debatte um die Rolle von Schülern: „Kinder sind keine Pandemie-Treiber“, hieß es.

Die Hypothese war, wenn wir allein Superspreading-Events vermeiden, „Treiber“ kontrollieren, ist die Pandemie kontrollierbar. Dann stellte sich die Annahme als falsch heraus. Letztlich infizieren sich Leute überall, wo sie zusammenkommen. Der Treiber-Begriff hat sich trotzdem festgesetzt. Natürlich sind Kitas und Schulen eine Gefahr. Politik darf sich Wissenschaft nicht zurechtbiegen.

Die Kommunikation um Astrazeneca war auch kein Glanzstück.

Da ist unglaublich viel schiefgelaufen. Das ist vielleicht auch ein Versäumnis der Wissenschaftler, die kommunizierten: Impfstoffe sind sicher, Punkt. Doch natürlich gibt es ein Restrisiko. Genau wie es eines gibt, dass ich im Lotto gewinne. Die Leute können nicht gut mit Unsicherheiten umgehen.

Wie lernt man, mit dem Risiko zu leben?

Die Frage ist doch: Wie lernen wir, mit dem Virus zu leben – wenn wir es schon nicht ausrotten können? Lasse ich mich nicht impfen, kriege ich es irgendwann. Da kann jeder für sich überlegen, wie groß sein individuelles Risiko ist, sich anzustecken.

In der Zeitschrift Spiegel hat der Hamburger Arzt und Musiker Mark Tavassol über Astrazeneca gesagt: Hätte man 18 Millionen Briten ein Käsebrot geschenkt, hätten sich garantiert auch sieben verschluckt. Ist das gute Kommunikation?

Es ist gut, um zu verstehen, wie selten das ist. Aber wenn mir jetzt jemand ein Brötchen geben würde mit den Worten, mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit würde das eine Sinusvenenthrombose auslösen, würde ich es wohl nicht essen.

Auch, wenn’s nur 0,000039 Prozent sind?

Ich brauche das Käsebrötchen nicht. Der Sicherheitsgurt ist die bessere Analogie. Man kann sich daran sogar das Schlüsselbein brechen, aber deshalb abschnallen? Man denkt immer, wenn ich nichts mache, passiert mir auch nichts. Das ist der Denkfehler bei dieser Pandemie. Du kriegst es irgendwann! Es läuft durch, es wird nicht ganz ausgerottet werden. Ist ja ganz selten bei Viren. Daraus darf man aber nicht spinnen, dass man sich abfinden muss. Ganz falsche Schlussfolgerung. Wirksame Impfungen sind unsere Waffe.

Die britische Impfkampagne heißt „Join the resistance“, die deutsche „Ärmel hoch“.

Das Allerwichtigste bei Kampagnen ist eine umfassende Aufklärung, die kann ein Slogan gar nicht vermitteln. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass man das machen muss.

Die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern wendet sich an ihr „Team of Five Million“ per Videobotschaft. Brauchten wir das auch?

Das ist genau das, was jetzt wichtig wäre: uns als Team zu verstehen. Ich warte noch auf meinen Impftermin, aber ich freu mich für jede Person, und ich freu mich, dass die Impfquote steigt. Je geschlossener wir uns als Team verstehen, desto weniger Schäden haben wir alle. Vor allem die, die nicht privilegiert sind.

Macht Sie das aggressiv, wenn sich Leute beschweren, dass in Köln-Chorweiler ein Impfmobil 600 Leute immunisiert?

Eher traurig und besorgt. Dieser Diskussionsklimawandel ist beunruhigend. Braucht es eine Art Grundrecht auf verlässliche Information? Wenn ich mich frei entscheiden möchte, ob ich Globuli nehme oder eine Chemotherapie, bin ich wirklich frei, solange ich nicht verlässlich informiert bin? Nur wäre ein Recht auf verlässliche Information in der Praxis ja gar nicht umsetzbar, ohne dass jemand bestimmt, was richtig ist und was falsch. Nein, am Ende läuft es auf so langwierige Lösungen wie Aufklärung und Bildung hinaus.

Wie gehen Sie mit Hass im Netz um?

Ich lass nichts an mich ran, hab eine Firewall um mich. Ich schau selten in meine Mentions bei Twitter, hab niemanden geblockt, weil das voraussetzen würde, dass ich mir niveaulose Beschimpfungen durchlese. Mach ich aber nicht.

Können Sie gut lockerlassen?

Zunehmend. Es fällt mir leichter, seit ich Mutter bin. Ich war schon immer gut darin, abzuschalten. Handy aus – das kann ich. Ich hab Besseres zu tun. Erst vergangenes Jahr hab ich mir ein Management zugelegt. Und jetzt bekomme ich einen Dopamin-Boost, wenn ich eine E-Mail weiterleiten kann, ohne sie zu lesen. Supergeil.

Warum sollen Astronauten im All noch mal nicht rülpsen?

Weil die Luft auf der Erde nur wegen der Gravitation nach oben steigt. In der Schwerelosigkeit bringt die Luft alles Mögliche aus dem Magen raus. Und so wird aus Rülpsen Kotzen im Weltraum.

Das Gespräch führten Felix Denk und Esther Kogelboom.

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