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"Die schlimmsten Tage in meinem Leben"

Nach einer Krebs-OP in Dresden infizierten sich die Eltern einer Georgierin mit Corona. Der Vater musste beatmet werden. Nun erdrückt die Familie ein Schuldenberg.

Am Leben, aber noch immer in Not: Vater Zelimkhan Tchankoshvili (l.) und seine Frau Nanuli (M.) sind zurück in Georgien. Seine Tochter Irma (r.) erreichen nun die Rechnungen aus den Kliniken.
Am Leben, aber noch immer in Not: Vater Zelimkhan Tchankoshvili (l.) und seine Frau Nanuli (M.) sind zurück in Georgien. Seine Tochter Irma (r.) erreichen nun die Rechnungen aus den Kliniken. © Sven Ellger

Dresden. Sein Leben lang war der Vater gesund gewesen. Doch nun zählte plötzlich jeder Tag. Die Leistenschmerzen entpuppten sich als Krebs im Rückenmark, der das Leben von Zelimkhan Tchankoshvili bedrohte. Der Tumor drückte bereits auf einen Nerv, was seine Beine lähmte.

Schnell war klar: In seiner Heimat Georgien konnte die Operation nicht stattfinden. Auch in der Türkei fanden sich nicht schnell genug Experten.

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Kurzerhand holte Tchankoshvilis Tochter Irma ihre Eltern zu sich nach Dresden, um den Vater hier am Uniklinikum auf eigene Kosten operieren zu lassen. Die 40-jährige Irma floh bereits 2012 gemeinsam mit ihrem Freund und zwei Kindern wegen politischer Unruhen in Georgien nach Deutschland.

Bis dahin hatte sie in ihrer Heimatstadt für den Bürgermeister gearbeitet, der nach einem Machtwechsel in die Schusslinie geriet. Zunächst landete Irma in Zschopau im Erzgebirge. Dort bekam sie zwei weitere Kinder und arbeitete als Sozialpädagogin. Vor zwei Jahren zog die Familie nach Dresden, um ihrem Nachwuchs bessere Berufschancen bieten zu können.

Im vergangenen Herbst nahm sie nun vorübergehend ihre Eltern und ihre Schwester bei sich auf. Ihr Vater Zelimkhan wurde erfolgreich operiert. Das Geld dafür - rund 30.000 Euro - lieh sich die Familie bei Freunden. Außerdem nahmen sie eine Hypothek auf ihr Haus in Georgien auf. "Nach der Operation konnte mein Vater schon wieder laufen", sagt Tochter Irma. "Wir dachten, jetzt würde alles gut werden."

Per Notarzt ins Krankenhaus

Direkt im Anschluss an die OP sollte der erste Teil der Reha in Kreischa erfolgen. Danach sollte es planmäßig in Georgien weitergehen. Als Zelimkhan Tchankoshvili jedoch von Corona-Fällen in der Klinik erfuhr, kündigte er bereits nach wenigen Tagen den Vertrag. Aus Angst von einer Infektion, wie seine Tochter sagt.

Kurz vor dem geplanten Rückflug nach Georgien ergab der geforderte Corona-Test, dass der Vater bereits positiv war. "Bis dahin hatte er nur geringe Symptome wie Appetitlosigkeit", sagt Tochter Irma. Wenige Tage später jedoch habe sich sein Zustand über Nacht dramatisch verschlechtert. Er bekam hohes Fieber. Per Notarzt wurde der 64-Jährige ins Neustädter Krankenhaus eingeliefert, wo er tagelang im künstlichen Koma lag und beatmet werden musste.

"Die Ärzte haben uns nicht viel Hoffnungen gemacht, dass er überleben würde", sagt Irma, die zu dieser Zeit bereits ebenfalls mit dem Virus infiziert war, genauso wie ihre gesamte Familie. "Deswegen konnte ich ihm nicht helfen. Das waren die schlimmsten Tage in meinem Leben."

"Die Situation ist nicht gut"

Auch ihre Mutter Nanuli musste mit Atemproblemen zeitweise im Krankenhaus behandelt werden, wenngleich der Verlauf bei ihr weniger schwer war und sie nicht beatmet wurde.

Zelimkhan Tchankoshvili schaffte es. Nach drei Wochen im Neustädter Krankenhaus wurde er in eine Reha-Klinik nach Coswig überwiesen. "Für die Hilfe dort und in Neustadt sind wir sehr dankbar", sagt Irma. "Niemand hat dort über Geld gesprochen, bevor man uns geholfen hat." Dabei war die abgeschlossene Auslandskrankenversicherung bereits ausgelaufen.

Nach dem Ende der Reha in Coswig flogen ihre Eltern Mitte Dezember zurück nach Georgien. "Die Situation ist nicht gut", sagt Irma heute. "Die Reha-Kliniken sind wegen Corona geschlossen. Mein Vater ist zu Hause und kann sich kaum bewegen."

Gleichzeitig drücke die Familie eine Schuldenlast von insgesamt mindestens 70.000 Euro. Das sind die Kosten für den Notarzt, zwei Krankenhausaufenthalte und die Reha in Coswig. Während sie das Geld für die Krebs-OP noch mit Mühe zusammengebracht hatten, wissen Irma und ihre Eltern nun nicht, wie sie diese Summe jemals zurückzahlen sollen.

Hilfe über Spenden

Über den Ausländerrat kam die Familie in Kontakt mit dem Medinetz Dresden, einem Verein, der Geflüchteten und Menschen ohne Papiere in Dresden in Notfällen eine medizinische Versorgung vermittelt. "Wir haben bereits alle möglichen Kostenträger eruiert, jedoch ist niemand für visumfreie Personen in Deutschland zuständig", sagt Leonie Imberger vom Medinetz. "Uns an die Öffentlichkeit zu wenden, sehen wir als letzte Möglichkeit, die Familie finanziell zu unterstützen."

Inzwischen sind bei Irma Tchankoshvili die ersten Rechnungen angekommen. "Natürlich ist das Wichtigste, dass mein Vater lebt", sagt sie. "Aber wie sollen wir uns nun von dieser Schuldenlast befreien? Wir wissen nicht weiter."

Wer Zelimkhan Tchankoshvili und seiner Familie helfen möchte, kann unter dem Verwendungszweck "Hilfe für Zelimkhan" Spenden auf folgendes Konto überweisen: Irma Tchankoshvili, Volksbank Mittleres Erzgebirge, IBAN: DE63 8706 9075 0212 1155 09, BIC GENODEF1MBG.

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