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Dienstleister kämpfen um ihre Existenz

Für Händler Karsten Müller in Leisnig gehen die Entscheidungen in der Corona-Pandemie an der Realität vorbei. Er sieht täglich, wie Menschen darunter leiden.

Karsten Müller darf in seinem Leisniger Handelshaus nur Wäsche für eine Reinigung annehmen und zurückgeben. Vom normalen Umsatz, den er auch mit dem Verkauf von Arbeitsschutzkleidung erzielt, ist er weit entfernt.
Karsten Müller darf in seinem Leisniger Handelshaus nur Wäsche für eine Reinigung annehmen und zurückgeben. Vom normalen Umsatz, den er auch mit dem Verkauf von Arbeitsschutzkleidung erzielt, ist er weit entfernt. © Lars Halbauer

Leisnig. Schon am Frühstückstisch schauen Karsten Müller (51) und seine Frau Eva (36) in traurige Kinderaugen. Vor allem ihr dreijähriger Sohn versteht nicht, weshalb er nicht in die Kita darf, zwei seiner Freunde aber schon. Deren Eltern arbeiten beispielsweise in Pflegeberufen, die systemrelevant sind.

Karsten Müller betreibt in Leisnig unter anderem ein Handelshaus, seine Frau und eine Mitarbeiterin verkaufen dort. Im Frühjahr durfte Familie Müller ihren Jüngsten noch in die Notbetreuung bringen, derzeit nicht. Das und vieles andere stellt die Familie gerade vor große Herausforderungen.

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Corona-Infektionsschutz im Geschäft zu gewährleisten?

Seit Mitte Dezember ist das Handelshaus Müller für Kunden regulär geschlossen. Wenigstens stundenweise nehmen Karsten und Eva Müller aber für eine Wäscherei Schmutzwäsche entgegen, geben der Kundschaft gereinigte Kleidung zurück. Das darf nur noch an der Ladentür passieren, wie ein Polizeieinsatz vergangene Woche geklärt hat.

Bei der Übergabe der Wäsche schaut Eva Müller wieder in traurige Augen. „Viele unserer Kunden sind älter. Ihnen fehlen durch die Corona-Einschränkungen häufig sämtliche soziale Kontakte“, erzählt die 36-Jährige. Sie würde gern ein paar Worte mehr mit den Leisnigern sprechen, aber viel mehr ist in der Kälte zwischen Tür und Angel nicht drin.

Vergangene Woche hat sich Karsten Müller an der Aktion "Händler machen auf(merksam)" beteiligt. Weil er seinen Laden wirklich für die Kunden geöffnet hatte, kam die Polizei. Wie hoch das angekündigte Bußgeld ausfällt, weil er sich der Corona-Verordnung wi
Vergangene Woche hat sich Karsten Müller an der Aktion "Händler machen auf(merksam)" beteiligt. Weil er seinen Laden wirklich für die Kunden geöffnet hatte, kam die Polizei. Wie hoch das angekündigte Bußgeld ausfällt, weil er sich der Corona-Verordnung wi © Lars Halbauer

Die beiden sind sich sicher, dass der Infektionsschutz in ihrem Geschäft gewährleistet wäre. „Mehr als ein oder zwei Kunden waren nie gleichzeitig im Laden“, sagen die zwei. Sie dürfen im Moment auch verkaufen, was zum Infektionsschutz dient, Gesichtsmasken zum Beispiel. Aber nicht Masken, die aufgesetzt werden müssen, wenn Arbeiter gesundheitsschädigenden Dämpfen ausgesetzt sind.

Ebenfalls nicht im Laden verkaufen dürfen die Müllers Arbeitskleidung, Schuhe mit Stahlkappen etwa. „Da geht es immer um Gesundheit, manchmal auch um den Arbeitsplatz. Denn in vielen Betrieben drohen Sanktionen, wenn die Mitarbeiter nicht in entsprechender Schutzkleidung erscheinen“, veranschaulicht Karsten Müller.

Die Unterschiede, die hier von der Politik gemacht werden, kann er seinen Kunden nicht erklären. Er versteht sie schlichtweg nicht. Doch Müller ist sich sicher: „Vieles verstehen auch die Leute, die darüber entscheiden, selbst nicht.

Zerreißprobe für die gesamte Leisniger Familie

“Was ihn in dieser Situation besonders ärgerlich macht, sei die Tatsache, dass die Entscheidungsträger am Ende des Monats ihr Geld sicher haben. „Und uns, die wir Steuern zahlen, denen wird ohne Nachweis über besonders häufige Infektionen in Geschäften oder Gaststätten die Existenzgrundlage entzogen“, sagt Müller. „Das hat für mich nichts mit Demokratie zu tun.“

Eva Müller dagegen bringen die eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten auf der einen Seite und die Zusatz-Herausforderungen als Familie auf der anderen Seite an die Grenze der Belastbarkeit. „Wir fühlen uns von den Lehrern beziehungsweise vom Schulsystem uns selbst überlassen“, sagt die 36-Jährige.

Lernen daheim sei für Kinder und Eltern mehr als anstrengend. Bei den Kindern bleibe wenig bis gar nichts hängen. Ob die gestellten Aufgaben erfüllt werden, würden die wenigsten Lehrer überprüfen.

Dass daheim alle technischen Voraussetzungen erfüllt sind, davon werde einfach ausgegangen. Doch Vater Müller will Zuhause kein Wlan vorhalten. „Ich hätte da nicht mehr im Blick, auf welchen Kanälen die drei Jungs unterwegs sind“, begründet er.

Durchhalten auch für treue Kunden

Für Unternehmer Müller steht fest, dass er den Laden aufgeben müsste, wenn er die Familie einzig von dem ernähren müsste, was das Geschäft abwirft. Seine Frau ängstig der Gedanke, sie will ihren Job nicht verlieren. Sie kümmert sich auch um die Buchhaltung und ist für manch Älteren, der allein zurechtkommen muss, manchmal die letzte Rettung.

„Die Leute kommen mit vielen Dingen, bei denen sie nicht weiterwissen“, sagt Eva Müller. Für sie bestelle sie dann schon mal eine bestimmte Batterie oder Glühlampe. Besenstiele, nach denen häufiger gefragt worden ist, hat das Handelshaus ins Sortiment aufgenommen.

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„Bei uns hat sich vieles entwickelt“, sagt Karsten Müller, der seit 1992 selbstständig ist. Er möchte seiner Kundschaft für die über die Jahre gezeigte Treue etwas zurückgeben. Daher versuche er auch für die Leisniger, das Geschäft trotz coronabedingter Umsatzeinbußen am Laufen zu halten.

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