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Lingnermarkt ohne Maske: "Hau ab, halte Abstand!"

Der Dresdner Reinhard Hoffmann trägt beim Einkaufen wegen seines Asthmas keinen Atemschutz. Deswegen riskiert er böse Blicke - und verbale Attacken.

Ich kann nicht oder ich will nicht? Reinhard Hoffmann ist vom Masken-Tragen befreit - und riskiert dennoch böse Blicke.
Ich kann nicht oder ich will nicht? Reinhard Hoffmann ist vom Masken-Tragen befreit - und riskiert dennoch böse Blicke. © Sven Ellger

Dresden. Hauptsache Birnen. Die essen Reinhard Hoffmann und seine Frau besonders gern. Deswegen stehen sie auch jede Woche auf seiner digitalen Einkaufsliste, die sich übers Handy automatisch mit der seiner Frau synchronisiert.

An diesem Freitag gibt es auf dem Lingner-Wochenmarkt am Hygienemuseum wieder reichlich Auswahl. Nur eine Sache noch: Freundlich weist der Verkäufer Hoffmann darauf hin, doch bitte seinen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen, so wie alle anderen hier.

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Stattdessen zieht der 68-Jährige ein laminiertes Dokument in Postkartengröße aus seiner Tasche und erklärt, dass er wegen seines chronischen Asthmas vom Tragen einer Maske befreit sei.

Das allerdings will ein anderer Kunde am Stand nicht gelten lassen. "Solche Betrüger wie Sie gefährden hier alle guten Menschen", schimpft er. Und diesen Zettel da, den habe er sich doch nur aus dem Internet ausgedruckt.

Am Obststand auf dem Lingner-Wochenmarkt kam es zuletzt zum lautstarken Streit.
Am Obststand auf dem Lingner-Wochenmarkt kam es zuletzt zum lautstarken Streit. © Henry Berndt

Meistens behält Hoffmann in solchen Situationen die Ruhe. Er kennt das ja schon zur genüge. Diesmal aber ist es zu viel. Er schreit zurück, so dass die anderen Marktbesucher für einen Moment erstarren. "Ich kann mir ja nicht alles gefallen lassen", wird er später sagen. Er sei auf den Mann zugegangen, um ihn nach seinem Namen zu fragen. Daraufhin habe der geschrien: "Hau ab, halte Abstand, du Schwein!"

An diesem Freitag ist die Lage ruhiger. Manch einer schaut ihn streng an und dreht sich dann schnell weg, andere schütteln leise mit dem Kopf. Viele Händler kennen Hoffmann inzwischen. "Heute habe ich die großen, Matschigen für Sie", sagt die Gemüsefrau. "Wunderbar", freut er sich. Auch die sauren Gurken stehen auf seiner Liste.

Angst, sich selbst mit Corona zu infizieren, hat Hoffmann nicht, und mit Risiko kenne er sich aus. Beruflich betreute er früher kerntechnische Anlagen. "Da habe ich gelernt, Gefahren zu analysieren", sagt er. Die Maßnahmen der Regierung in der Corona-Krise hält er für übertrieben, doch er halte sich an die Regeln und habe keinesfalls vor, irgendjemanden zu provozieren.

Auf der anderen Seite wolle er sich aber auch nicht zu Unrecht zum Schuldigen an dieser Krise machen lassen. All diese bösen Blicke, die Leute, die erschrocken einen großen Bogen um ihn machen. "Das tut mir weh."

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Das Dokument in seiner Tasche ist eine "Bescheinigung einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung". Normalerweise dient sie vor allem dazu, die Zuzahlungen für die Krankenkasse zu begrenzen.

In Corona-Zeiten ist sie zugleich die Erlaubnis, auch dort keine Maske tragen zu müssen, wo es für andere Pflicht ist. Zum Beispiel auf dem Wochenmarkt.

Zutritt nur mit Mund-Nasen-Bedeckung! Viele Händler auf dem Wochenmarkt weisen auf die aktuellen Corona-Regeln hin.
Zutritt nur mit Mund-Nasen-Bedeckung! Viele Händler auf dem Wochenmarkt weisen auf die aktuellen Corona-Regeln hin. © Henry Berndt

Regelmäßig und bereitwillig zeige Hoffmann die Bescheinigung Verkäufern und Polizisten. Damit sei die Sache in der Regel erledigt. Laut aktueller Sächsischer Corona-Schutzverordnung ist bei Verstößen gegen die Maskenpflicht eine Geldbuße von 60 Euro fällig.

Für kleine Kinder und aus medizinischen Gründen gibt es allerdings Ausnahmen. "Zur Glaubhaftmachung einer Befreiung von der Pflicht nach Absatz 1 genügt die Gewährung der Einsichtnahme in einen Schwerbehindertenausweis oder in ein ärztliches Attest", heißt es dazu in der Verordnung.

Das Asthma wird auf seiner Bescheinigung nicht explizit genannt. "Das fällt dann wohl unter den Datenschutz", sagt Hoffmann, der nicht mit den schwarzen Schafen in einen Topf geworfen werden will, die sich die Blanko-Atteste besorgen oder selbst fälschen.

Seit seinem 25. Lebensjahr leide er unter dem Asthma, dass ihm seine Mutter vererbte. Schon bei der Armee habe er deswegen keine Masken tragen müssen.

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In Zeiten von Corona sei die Maskenpflicht nun aber ein solch bestimmendes Thema, dass er ständig darauf angesprochen werde.

"Wenn das freundlich geschieht, dann antworte ich auch freundlich", sagt Hoffmann. "Ich verstehe ja, was die Leute umtreibt." Zuletzt seien die Kommentare allerdings vermehrt unhöflich und beleidigend gewesen.

Wenn ihm jemand nur "Maske!" zuzische, dann erinnere ihn das an einen Hundehalter der "Sitz!" ruft. Er habe Angst, dass er irgendwann in Dresden auch körperlich angegriffen werden könnte. "Zum Glück bin ich recht groß und kräftig. Vielleicht habe ich nur deswegen noch keine Prügel bekommen."

Seine Idee: Könnte es nicht ein einheitliches, äußerlich sichtbares Zeichen geben, das eine Maskenbefreiung auf den ersten Blick deutlich mache? Eine Armbinde vielleicht, einen Sticker oder ein Schild.

Auf seinen Bummel über den Wochenmarkt will Reinhard Hoffmann jedenfalls nicht freiwillig verzichten. Der Freiheit wegen. Und der Birnen.

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