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Impfnachweis: Genesene schauen in die Röhre

Die Kanzlerin preist den digitalen Impfnachweis als Erfolg, verschweigt aber, dass ihn geimpfte Genesene bisher nicht bekommen. Auch Spahn betrifft es.

Nicht alle können den digitalen Nachweis bisher bekommen
Nicht alle können den digitalen Nachweis bisher bekommen © Stefan Puchner/dpa

Von Georg Ismar

Der Apotheker regt sich richtig auf. „Das versteht kein Mensch, aber mich überrascht nichts mehr“. In der Apotheke in Berlin-Kreuzberg muss er täglich Bürger abweisen, die schon einmal eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben, deshalb nur eine Impfung brauchten und nun das digitale Impf-Zertifikat für eine vollständige Immunität per QR-Code erstellen lassen wollen. „Ich weiß nicht, wann es hierfür eine Lösung gibt.“

Die Bundesregierung hatte per Verordnung festgelegt, dass Genesene, deren Infektion länger als sechs Monate zurückliegt, nur eine Impfung brauchen, das betrifft schlussendlich mehrere Millionen Menschen; insgesamt wurden in Deutschland bisher über 3,7 Millionen Corona-Infektionen registriert. Laut Robert-Koch-Institut und der Ständigen Impfkommission haben Genesene, die 6 Monate nach ihrer Erkrankung einmal geimpft werden, einen vollen Impfschutz.

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Diejenigen, die aber deshalb nur die eine Impfung erhielten, schauen bisher in die Röhre, da Apotheken und Hausärzte diese digitalen Nachweise nur für Bürger erstellen können, die regulär zwei Impfungen oder eine mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson bekommen haben. Für jeden erstellten QR-Code gibt es eine Vergütung von 18 Euro.

Spahn bittet um Geduld

Das Bundesgesundheitsministerium von Minister Jens Spahn (CDU) betont auf Tagesspiegel-Anfrage, der Status solle auch für die andere Gruppe der Genesenen und nur einmal Geimpften „voraussichtlich bis Ende Juni“ auch in der Corona-Warn-App und der App CovPass eingetragen werden können. Doch Ende Juni ist bald und die Apotheken haben keinerlei Information bisher hierzu, wann auch für die Gruppe der Genesenen & Geimpften ein QR-Code erstellt werden kann.

Auch Spahn selbst, der an Covid-19 erkrankt war und einmal geimpft wurde, ist betroffen. Am Freitag wird er darauf auch bei einer Pressekonferenz zur Corona-Lage angesprochen und betont etwas vorsichtiger als zuvor sein eigenes Ministerium, Ziel sei ein Update bis Ende Juni/Anfang Juli, so dass das dann auch in der App abgebildet werden könne. Er bitte da um Geduld.

Da in Bundesländern wie Berlin aber jetzt die Sommerferien beginnen, ist das Problem besonders virulent. Denn ab Juli wird EU-weit das digitale Impfzertifikat gelten, um damit problemloser - und ohne dauernde Tests in Hotels und Restaurants - Urlaub zu machen. Ob aber bei diesen Personengruppen dann statt digitalem Nachweis der gelbe oder rote Impfpass (diese Farbe trug er in der DDR) plus der Nachweis einer durchgestandenen Corona-Infektion akzeptiert wird, gilt aber als fraglich.

Unsicherheit für Sommerreisen

Dazu Spahns Ministerium etwas wolkig: „Auf internationaler Ebene laufen Bemühungen seitens der EU zur gegenseitigen Anerkennung der jeweils gültigen Impfschemata. Die Harmonisierung der teils unterschiedlichen Regelungen begleitet die Bundesregierung aktiv, die Federführung aber liegt hier bei der EU“. Da stellt sich die Frage, warum das nicht rechtzeitig zum Ferienbeginn in ersten Bundesländern geregelt werden konnte.

Und andere große Staaten wie zum Beispiel die USA verlangen auch zwei Impfungen für bereits Infizierte und danach Genesene. In Spahns Ministerium wird die Frage, ob die Festlegung auf nur eine Impfung für Corona-Genesene aus Gründen der Impfstoffknappheit erfolgt sein könnte, als Quatsch abgetan.

Merkel blendet das Problem aus

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) blendete diese Problematik in ihrer wohl letzten Regierungserklärung am Donnerstag im Bundestag komplett aus und stellte die ohnehin erst sehr spät gekommene digitale Lösung als große Erfolgsgeschichte dar. Wörtlich sagte sie: „Technisch wurde das Zertifikat rechtzeitig zur Sommerzeit umgesetzt. Ab dem 1. Juli wird es EU-weit verbindlich gelten. Deutschland hat seine nationalen Hausaufgaben gemacht (…): Inzwischen wurden bereits fast 30 Millionen digitale Zertifikate vergeben.“ Was sie nicht sagte: Das betrifft in der Regel nur die Zweifach-Geimpften.

Die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus ist fassungslos. „Diese Fälle zeigen, wie planlos die Bundesregierung beim Thema Digitalisierung handelt“, sagt sie auf Tagesspiegel-Anfrage.

„Dass es technisch nicht möglich ist, einen solchen QR-Code zu erzeugen belegt, dass hier wieder einmal ohne Weitsicht und Problembewusstsein gehandelt wurde.“ Dass an Covid-19 Erkrankte nur eine Dosis benötigen, sei lange bekannt. „Denn wir impfen bereits seit Dezember 2020.“ Es müsse eine möglichst einheitliche europäische Linie gefunden werden, damit die deutsche Regelung auch überall anerkannt werde - notfalls auch auf Papier.

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Auch die SPD-Gesundheitspolitikerin Bärbel Bas meint: "Es ist keine Überraschung, dass auch die Millionen von Genesenen mit nur einer erforderlichen Impfung, ihren vollen Impfschutz digital nachweisen wollen." Hier müsse Spahn endlich mal liefern. "Dass der Nachweis der Impfung für Genesene in den Apps so spät kommt, ist nicht nachvollziehbar."

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