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Wenn die Schule nach Hause kommt

Mit viel Einsatz bringt Daniela Stramke von der freien Oberschule Großdubrau ihren Unterricht ins Kinderzimmer ihrer Schüler. Doch dabei gibt es Defizite.

Irgendwie unwirklich wirkt es, wenn Daniela Stramke in einem leeren Klassenzimmer der Großdubrauer Oberschule digitalen Englischunterricht erteilt. Diese neue Form des Lernens fordert viel Einsatz von Schülern und Lehrkräften.
Irgendwie unwirklich wirkt es, wenn Daniela Stramke in einem leeren Klassenzimmer der Großdubrauer Oberschule digitalen Englischunterricht erteilt. Diese neue Form des Lernens fordert viel Einsatz von Schülern und Lehrkräften. © SZ/Uwe Soeder

Großdubrau. Daniela Stramke hatte keinen guten Start in den Tag. Gleich am Morgen, erzählt sie bei einem schnellen Kaffee, sei sie aus ihrer ersten Unterrichtsstunde geflogen. Die Internetleitung war zusammengebrochen. Zu allem Überfluss sei die Kamera ihres Laptops vergangenen Freitag kaputtgegangen. Ihre Schüler werden die junge Pädagogin, die an der freien Oberschule in Großdubrau Englisch unterrichtet, deshalb vorerst nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Aber Improvisieren ist Daniela Stramke inzwischen gewohnt. Für den Unterricht aus der Ferne nutzt sie, genau wie ihre Kolleginnen und Kollegen, das freie Kursmanagementsystem Moodle. Die Lernplattform ist mit einem Programm namens Big Blue Button ausgestattet. Das ermöglicht das Abhalten von Videokonferenzen im Klassenverbund. Daniela Stramke war eine der ersten Lehrerinnen ihrer Schule, die sich die Möglichkeit zunutze machten und ihren Schülern über diesen Weg digitale Schulstunden anbieten.

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So auch am Mittwoch dieser Woche. Kurz vor Unterrichtsbeginn betritt Daniela Stramke einen leeren Klassenraum. Die Stühle sind hochgestellt, jeder Schritt hallt. Einzig auf dem Lehrertisch sammeln sich die Unterrichtsmaterialien. Neben Arbeitsheft und Englischbuch gehört dazu auch ein Laptop.

Technische Probleme sind an der Tagesordnung

Den klappt Stramke zehn Minuten vor dem Stundenklingeln auf, wählt sich in die Videokonferenz ein. "Guten Morgen, ihr Lieben! Hört ihr mich", fragt sie fröhlich. Die Teilnehmerliste am linken Bildschirmrand beginnt sich zu füllen. 18 Namen müssen dort erscheinen, dann kann der Unterricht beginnen. Daniela Stramke begrüßt jeden ihrer Schützlinge einzeln mit einigen netten Worten, hakt nebenbei die Anwesenheitsliste ab. Mit Verweis auf das Malheur vom Vormittag warnt sie ihre Klasse vor: "Wenn ich plötzlich nicht mehr online bin, bleibt ihr weiter in der Leitung," bittet sie, bevor sie in den Stoff einsteigt.

Damit ihre Schüler selbst aktiv werden können, baut Daniela Stramke kleine Umfragen in ihre Stunde ein, lässt den Klassenchat nicht aus den Augen, spricht einzelne Schüler gezielt an, beantwortet Nachfragen. Routiniert lenkt sie dabei die Maus auf dem Bildschirm hin und her, blättert nebenbei in ihren Büchern, erklärt Grammatik. Während die Klasse neue Vokabeln paukt, sagt Daniela Stramke Dinge wie: "Bitte schalte dein Mikrofon ein" oder "Ich habe leider grad gar kein Gefühl, wie lange ihr noch braucht." Dabei fährt sie sich immer wieder mit den Händen durch die blonden Haare.

Die Konzentration ist ihr ins Gesicht geschrieben. Der Ton ihren Schülern gegenüber bleibt locker und freundlich. Die ihrerseits zeigen sich aufmerksam und lernwillig. Viele von ihnen bleiben nach der Stunde noch einen Moment in der Konferenz, haben Fragen, zur angekündigten Leistungskontrolle, wollen Vokabeln durchsprechen oder persönliche Probleme klären.

Und dennoch: "Richtiger Unterricht ist damit nicht zu ersetzen", sagt Daniela Stramke. Dabei seien es neben den unterschiedlichen technischen Voraussetzungen vor allem zwei Dinge, die die Lehrkräfte fordern.

Zum einen sei die benötigte Zeit für Vor- und Nachbereitung der einzelnen Unterrichtseinheiten enorm. Stramke, selbst Mutter zweier kleiner Kinder, saß bis zur Erweiterung der Notbetreuung für ihren Nachwuchs oft bis in die Nacht an ihrem Unterrichtsstoff, fuchste sich in die Technik ein und suchte nach Wegen, um analoge Aufgaben in die digitale Welt zu holen. So dauere es schon einmal fünf Stunden, bis ein Englischtest vorbereitet sei, sagt sie.

Soziales Miteinander bleibt auf der Strecke

Schwerer aber noch wiegt Stramkes Erzählung über der Verlust des sozialen Miteinanders mit den Schülern. Ihre Klassenleitersprechstunde hält sie jetzt digital ab; erst letzte Woche hat sie allen Kindern aus ihrer Klasse Postkarten geschickt. "Damit sie merken, dass ich an sie denke und hoffe, dass wir uns bald wiedersehen", wie sie sagt. All das ist mühsam: "Während ich früher ganz einfach in der Pause mit den Schülern ein paar Worte wechseln konnte, schreibe ich jetzt jeden einzeln an. Das dauert", erklärt Daniela Stramke. Danach sei sie platt, gibt sie zu.

Obwohl noch gar nicht klar ist, wann die jüngeren Klassen wieder in die Schulen zurückkehren dürfen, bereitet sich das Kollegium der freien Oberschule in Großdubrau derzeit auf den erwarteten Wechselunterricht vor. Vergangene Woche, erzählt Daniela Stramke, hätten sie deshalb bereits die Einrichtung einer Videoschalte getestet. Der Erfolg des digitalen Unterrichts, das wird im Gespräch klar, lastet zu großen Teilen auf den einzelnen Einrichtungen und ihren Pädagogen.

Das betont auch Schulleiterin Tina Koppatsch immer wieder. Wenn den Schulen öffentlich vorgeworfen wird, beim Fernunterricht zu versagen, fühlt sie sich und ihre Kollegen zu Unrecht verurteilt: "Allein durch die Vor- und Nacharbeit kommt man manchmal auf die doppelte Arbeitszeit", sagt sie. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen seien um die 60 Jahre alt. Gerade bei ihnen dauert die Unterrichtsvorbereitung unter den Bedingungen der Corona-Pandemie häufig lange.

Rückkehr in die Normalität wird lange dauern

Was beide Frauen sich wünschen, ist klar: eine möglichst schnelle Rückkehr zur Normalität. Die, denkt Tina Koppatsch, wird sich erst Wochen nach der regulären Schulöffnung wieder einstellen: "Die Schüler haben sich unter den Bedingungen des digitalen Unterrichts verändert. Manche wachsen zur Zeit über sich hinaus, andere werden träge. Diese Unterschiede aufzuarbeiten und gemeinsam in den gewohnten Rhythmus zurückzufinden, wird die nächste Aufgabe sein, der Lehrkräfte sich stellen müssen."

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