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"Keine Kraft mehr für Homeschooling"

Eine alleinerziehende Mutter aus Dresden berichtet vom schwierigen Alltag mit zwei Kindern und der Notbetreuung.

Wenn beide Kinder zu Hause sind und Aufgaben am Rechner erledigen sollen, wird es schwer: Die Familie hat nur einen Laptop.
Wenn beide Kinder zu Hause sind und Aufgaben am Rechner erledigen sollen, wird es schwer: Die Familie hat nur einen Laptop. © imago images

Dresden. Matheaufgaben am Küchentisch, ständiges Jonglieren am Tag zwischen Kind und Job - das gehört seit Mitte Dezember zum Alltag bei Dresdner Eltern von Schulkindern.

So geht es auch Marion Brehme. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist mit den Nerven am Ende. "Ich habe langsam keine Kraft mehr für das Homeschooling", sagt sie. Ihre Tochter geht in die 4. Klasse, ihr Sohn in die 9. Klasse.

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"Ich arbeite Vollzeit in einer Arztpraxis, daher geht meine Tochter in die Notbetreuung der Grundschule", so Brehme, die eigentlich anders heißt.

Doch es läuft alles andere als rund mit dem Lernen der Kinder. "In der Notbetreuung kann meine Tochter nur die Aufgaben in den Lehrbüchern oder Arbeitsheften machen, die Online-Aufgaben muss sie am Nachmittag zu Hause erledigen, da es in der Schule kein Internet gibt", sagt Brehme.

Doch ihre Viertklässlerin nach Feierabend dabei zu unterstützen und zu motivieren, dazu fehlen ihr oft die Kraft und die Nerven. "Ich sehe das so: Wenn meine Tochter in der Notbetreuung ist, sollte ihr doch dort auch geholfen werden und sie sollte dort alles schaffen an Aufgaben."

Pädagogische Hilfe auch in der Notbetreuung nötig

Doch so ist es nicht. Am Nachmittag müssen sich Mutter und Tochter noch mit Mathe, Deutsch und Sachkunde beschäftigten. Beide müde, beiden fehlt die Motivation. Ähnlich geht es dem 14-jährigen Sohn.

Für ihn gibt es keine Betreuung mehr, er ist seit Mitte Dezember zu Hause, isoliert von seinen Freunden und den Lehrern. "Er hat wie viele Teenager natürlich auch nicht immer Lust auf Schule, aber er bemüht sich sehr und erledigt pünktlich seine Aufgaben", sagt seine Mutter.

Aber es werde zunehmend schwierig, ihn zu motivieren. Helfen könne sie beim Stoff der Klasse 9 immer seltener. Wenn beide Kinder zu Hause sind und Aufgaben am Rechner erledigen sollen, wird es schwer: Die Familie hat nur einen Laptop.

Zur Betreuung der Kinder durch die Lehrer in der Notbetreuung sagt Susann Meerheim, Sprecherin im Kultusministerium: "Grundsätzlich übernimmt das die Schule. Lehrer sollten anwesend sein. Die Notbetreuung an Grundschulen ist aber kein Unterricht."

In der Regel sei auch nicht unbedingt die Klassenleiterin anwesend. Schüler in der Notbetreuung sollen aber eine pädagogische Begleitung und Unterstützung bekommen.

Kein flächendeckendes WLAN an Dresdner Grundschulen

Bildungsbürgermeister Jan Donhauser (CDU) beteuert zum Thema Internet an Schulen: "Es gibt an allen Dresdner Grundschulen wenigstens ein PC-Kabinett und überwiegend auch PC-Arbeitsplätze in den Klassenräumen." An diesen Rechnern könnten die Schüler jederzeit auch Onlineaufgaben bearbeiten. "Fehlendes WLAN ist bei der Erfüllung der Aufgaben in den Schulen während der Notbetreuung also kein Hindernis. Derzeit ist in keiner Dresdner Grundschule wirklich flächendeckendes WLAN vorhanden."

Auch SPD-Bildungsexpertin Dana Frohwieser berichtet von den Sorgen einiger Dresdner Eltern, deren Kinder die Notbetreuung nutzen. "Mir schreiben auch viele, bei denen es Probleme mit Internet oder Endgeräten an den Schulen gibt. Aber da muss man halt auch sagen, jetzt wird alles Mögliche getan, aber man kann das Versagen von Jahrzehnten nicht in Monaten beseitigen."

Internet für Schulen sei bis vor Kurzem noch nicht für wichtig erachtet worden, jetzt werde gebuddelt und geschachtet, um Schulen anzuschließen, Laptops würden "en masse" über die Schulen verteilt. "Aber die Ressource Mensch ist begrenzt. Die Geräte einrichten und die Schulen ans Internet anschließen - das geht in einer Stadt wie Dresden mit 150 Schulen und 60.000 Schülern eben nicht in ein paar Monaten", kritisiert Frohwieser.

Digitale Ausstattung startet in diesem Jahr

Fast 28 Millionen Euro hat die Stadt im vergangenen Sommer von Bund und Land erhalten, um 145 Schulen digital auszustatten. Damit soll jedes Schulhaus mit WLAN ausgestattet werden.

Außerdem können sich die Schulen mit entsprechender Technik eindecken, etwa Tablets oder interaktiven Tafeln. Die Fördermittel müssen bis Ende 2024 genutzt werden.

Bis alle Dresdner Schulen mit der entsprechenden Technik und vor allem mit einer schnellen und stabilen Internetverbindung ausgestattet sind, werden noch Monate oder gar Jahre vergehen.

Mit der Umsetzung der geplanten Projekte aus dem sogenannten Digitalpakt ist die städtische Tochtergesellschaft Stesad beauftragt worden. Sie beginnt in diesem Jahr.

Zumindest für eine entsprechende technische Ausstattung für das Homeschooling sollte inzwischen gesorgt sein: Bereits Ende 2020 konnte die Landeshauptstadt über ein Corona-Hilfsprogramm des Bundes 4.300 Laptops anschaffen, die die Schulen eigenständig an Familien verteilten, denen diese Technik daheim aus finanziellen Gründen fehlt.

Alleinerziehende besonders belastet

Dennoch kommt es beim Homeschooling nicht nur auf die Technik an - auch die Unterstützung innerhalb der Familien ist wichtig. "Als berufstätige Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern arbeite ich seit Wochen an der Belastungsgrenze, obwohl ich das Glück habe, auf die Unterstützung meines Mannes zählen zu können", berichtet Linken-Bildungsexpertin Anne Holowenko.

Aber sie weiß auch: "Alleinerziehende haben es im Lockdown besonders schwer."

Der tägliche Spagat zwischen Job und Kinderbetreuung sei für Alleinziehende eine enorme Herausforderung. Denn sie sind nicht nur allein für alles verantwortlich, auch sind die Bedingungen mitunter schlechter, als in einer Familie mit zwei Verdienern.

Alleinerziehende lebten überdurchschnittlich oft auf beengtem Wohnraum und verfügten über ein relativ geringeres Einkommen, was sich auch negativ auf die technische Ausstattung für den Distanzunterricht auswirken könne, so Holowenko. „Kinder von Alleinerziehenden sollten deshalb bei einer stufenweisen Öffnung der Kitas und Schulen bevorzugt behandelt werden.“

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