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Mit dem Krankenwagen zum Corona-Test

In einer Dresdner Kita wird Anfang März das Virus nachgewiesen. Eine alleinerziehende Mutter lässt ihr Kind testen - und erhält Monate später eine hohe Rechnung.

Linda Kühnert mit ihrer Tochter Lotta. Foto: Sven Ellger
Foto: Sven Ellger
Linda Kühnert mit ihrer Tochter Lotta. Foto: Sven Ellger Foto: Sven Ellger © Sven Ellger

Dresden. Eigentlich schien für die zweijährige Lotta, ihre Mutter Linda und deren Vater Thomas alles gut gegangen zu sein. Lotta besucht die Kita Mäuseburg im Dresdner Stadtteil Tolkewitz. Hier wohnt auch ihr Opa, der sich oft um das Mädchen kümmert, wenn die alleinerziehende Mutter arbeiten muss. 

Die Einrichtung ist die erste Kita in der Landeshauptstadt, in der Anfang März Corona ausbricht. Alles beginnt mit einem Elternteil, das von einem Urlaub zurückkehrt und anschließend Symptome zeigt. Auch dessen Kind, das in die Mäuseburg geht, wird am 9. März dieses Jahres positiv getestet. 

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Das Dresdner Gesundheitsamt reagiert und schließt die komplette Einrichtung am Freitag, den 13. März, für zehn Tage. 160 Kinder und 29 Beschäftigte müssen in Quarantäne, darunter auch Lotta.

Ihr Großvater Thomas Kühnert macht sich Sorgen um seine Enkelin. Er ruft bei der damals neu eingerichteten Corona-Leitstelle der Stadtverwaltung an, um das weitere Vorgehen zu erfragen. "Das war damals alles neu, bei der Leitstelle ging erst nach Stunden jemand ans Telefon, weil die Warteschlange plötzlich so voll war", erzählt der gelernte Altenpfleger. 

Als er dort jemanden erreicht, rät man ihm, nach dem Wochenende Lottas Kinderarzt zu kontaktieren, um dort einen Test machen zu lassen. Weil Lotta in Quarantäne sei, solle der Arzt am besten zu ihr nach Hause kommen, habe die Person am anderen Ende der Leitung gesagt, so erinnert sich Kühnert. 

Beim Kinderarzt: "Die Wartezimmer waren voll"

Doch als Kühnert beim Kinderarzt anruft, heißt es dort, man habe keine Kapazitäten für einen Hausbesuch. "Ich mache unserem Doktor keinen Vorwurf, die Wartezimmer waren einfach voll", sagt Kühnert. 

Also ruft der kümmernde Großvater wieder bei der Leitstelle an. "Dort hieß es, ich solle einen Krankentransport rufen. Der würde Lotta zum Test fahren", sagt Kühnert. Er folgt den Anweisungen. Kurze Zeit später bringen Rettungssanitäter in Schutzausrüstung die kleine Lotta in Begleitung ihrer Mutter zur Uniklinik, wo ihr ein Abstrich entnommen wird. 

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Bei Linda Kühnert hingegen wird kein Test gemacht, der Großvater darf die beiden abholen und nach Hause fahren. "Dass ich plötzlich selber kommen sollte, war schon kurios", sagt er. Zwei Tage später erhalten die Kühnerts den erleichternden Befund: Lotta ist negativ. 

Eigentlich hätte die Familie damals gedacht, dass die Sache glücklicherweise ausgestanden sei, sagt Thomas Kühnert. Doch dann flattert im Oktober eine Rechnung der Stadtverwaltung ins Haus. 

Linda Kühnert soll den Transport zum Test selbst bezahlen. Kostenpunkt: 170 Euro. Für die Alleinerziehende nicht wenig Geld. "Ich finde, das ist eine Sauerei", sagt der Großvater. 

"Es gab schließlich eine Anweisung, dass ich den Transport holen soll." Er habe lediglich helfen wollen, weil er durch seine Pflegetätigkeit die Kommunikation mit Ärzten, Kliniken und Rettungssanitätern kenne. 

Kühnert meldet sich bei der Stadtverwaltung. "Dort hat man mir gesagt, dass nicht mehr nachzuvollziehen ist, ob der Transport angewiesen wurde oder nicht. Sie haben mir aber bestätigt, dass am 16. März ein Abstrich bei Lotta gemacht wurde." 

Am 29. Oktober liegt bei Lottas Mutter eine Mahnung im Briefkasten. Der Rechnungsbetrag ist auf rund 183 Euro gestiegen, die Stadtkasse hat Mahngebühren und einen Säumniszuschlag erhoben. 

Rettungswagen: Nur ein Angebot oder eine Anweisung?

Nachfrage beim Katastrophen- und Brandschutzamt. Hier sieht man die Sachlage anders. "Es gab keine Aufforderung der Leitstelle einen Rettungswagen zu nutzen. Es war vielmehr ein Angebot, da der Bürger nach eigener Aussage keine andere Möglichkeit für einen eigenständigen Transport in das Uniklinikum sah", sagt Leiter Andreas Rümpel. 

Außerdem sei der Bescheid gegen Lina Kühnert als Mutter und gesetzliche Vertreterin von Lotta ergangen. Diese habe sich jedoch nicht bei der Stadt gemeldet oder Widerspruch eingelegt, so Rümpel. 

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Stattdessen habe sich Thomas Kühnert erst Anfang November nach Ablauf der Fälligkeit gemeldet und Widerspruch eingelegt. "Herr Kühnert ist allerdings nicht widerspruchsbefugt, da ihn der Verwaltungsakt nicht belastet. Eine Vollmacht wurde nicht vorgelegt. Zudem ist der Bescheid bestandskräftig", resümiert Rümpel.

Doch offenbar will die Stadt den Fall doch nicht so stehen lassen. "Herrn Kühnert wurde bereits im telefonischen Kontakt erläutert, das wir an einer Lösung arbeiten und uns um Kostenübernahme durch einen anderen Kostenträger bemühen", sagt Rümpel. 

Es sei sogar schon eine Lösung gefunden worden, die man Thomas Kühnert mitgeteilt habe. Kühnert selbst sagt jedoch, er habe bisher noch nichts von der Stadt gehört. 

Abseits dieser Details bleibt aber eine Grundsatzfrage: Können sich die Bürger auf das verlassen, was ihnen die Mitarbeiter der Stadtverwaltung per Telefon raten? 

Gerade in Zeiten, in denen die Infektionszahlen so stark steigen, dass das Gesundheitsamt Unterstützung aus anderen Verwaltungsbereichen und sogar der Bundeswehr braucht, bleiben oft nur ein, zwei Wochen für die Einarbeitung in das neue Fachgebiet. 

Gesundheitsamt: "Falschaussagen menschlich"

Die Qualitätssicherung werde durch Schulungen und fachliche Anleitungen sichergestellt, heißt es dazu aus dem Dresdner Gesundheitsamt. "Gleichwohl können Missverständnisse auch im Einzelfall zu einer Falschaussage fühlen. Das soll nicht passieren, kann aber. Es ist schlicht menschlich", so die Behörde auf Anfrage.

Am Donnerstag hat die Stadt Dresden in den sozialen Medien selbst eingeräumt, dass es "aufgrund des dynamischen Infektionsgeschehens" dem Gesundheitsamt aktuell nicht möglich sei, "kurzfristig den Kontakt zu betroffenen Personen aufzunehmen". 

Damit sich weniger Menschen im Gesundheitsamt telefonisch melden, ruft die Verwaltung positive Testfälle und Kontaktpersonen jetzt dazu auf, sich selbst auf der Internetseite der Stadt zu informieren. 

Und Katastrophenschutzamtsleiter Rümpel rät dazu, "sofort nach Erhalt einer Rechnung, zu der man Widerspruch anmelden will, zu reagieren." Nach Ablauf von Fristen werde das schwierig. 

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