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Dresden: Astrazeneca-Impfstoff bleibt liegen

Hunderte Termine sind in dieser Woche abgesagt oder nicht wahrgenommen worden. Ärzte werden sogar beschimpft, wenn sie nicht einen anderen Stoff impfen.

Seit dem vergangenen Wochenende darf wieder mit dem Astrazeneca-Impfstoff geimpft werden. Doch im Dresdner Impfzentrum sind in dieser Woche schon Hunderte Termine abgesagt oder nicht wahrgenommen worden.
Seit dem vergangenen Wochenende darf wieder mit dem Astrazeneca-Impfstoff geimpft werden. Doch im Dresdner Impfzentrum sind in dieser Woche schon Hunderte Termine abgesagt oder nicht wahrgenommen worden. © Christian Juppe (Archiv)

Dresden. Kein Anruf, nicht einmal eine Absage per E-Mail: Impfberechtigte Dresdner, die ihre Impfung schon sicher hatten, lassen ihren Termin in der Messe einfach sausen. Auffällig: Es handelt sich ausnahmslos um geplante Impfungen mit dem Stoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca.

Es geht nicht um zwei, drei Termine, betont Ulrike Peter, Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Dresden. Sie rechnet vor: Derzeit stünden am Tag rund 800 Dosen der Impfstoffe von Astrazeneca und Biontech-/Pfizer zur Verfügung, sowohl für Erst- als auch für Zweitimpfungen. Somit könnten im Dresdner Impfzentrum 800 Menschen jeden Tag geimpft werden. Theoretisch. Denn aktuell würden etwa 100 Termine täglich abgesagt oder gar nicht erst wahrgenommen. "Es ist alles nicht mehr so einfach wie noch vor ein paar Wochen", so Peter.

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Offenbar große Sorge vor Blutgerinnsel

Wie kommt es zu den vielen geplatzten Terminen? Der Astrazeneca-Impfstoff hat in den vergangenen Tagen noch einmal stark an Vertrauen verloren. Der Bundesgesundheitsminister hatte vergangene Woche einen deutschlandweiten Impfstopp angeordnet. Vorangegangen waren mehrere Fälle von Thrombosen, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung des Astrazeneca-Impfstoffs standen.

Bisher sind 16 Fälle in Deutschland dokumentiert, bei denen es zu einem Blutgerinnsel im Gehirn kam. Betroffen waren 15 Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren sowie ein Mann, wie das zuständige Paul-Ehrlich-Institut mitteilte. Vier Patienten starben.

Seit vergangener Woche enthält der Beipackzettel zwar einen Hinweis über diese Beobachtungen. Und da es sich statistisch gesehen lediglich um einen Fall pro 100.000 Geimpfte handelt, ist der Impfstopp inzwischen wieder aufgehoben worden. Doch die Sorge, insbesondere von Frauen im jüngeren und mittleren Alter, sie könnten ebenfalls ein Blutgerinnsel bekommen, ist offenbar groß.

Termine können nicht auf die Schnelle neu vergeben werden

Wie groß, das bekommen die impfenden Ärzte in der Messe nicht nur durch abgesagte und geplatzte Termine zu spüren. Manche, die einen Termin haben, kreuzten auf und versuchten vor Ort, den Biontech-/Pfizer-Impfstoff einzufordern, beschreibt Ulrike Peter die Arbeit im Impfzentrum. "Wenn wir ihnen dann erklären, dass es keine freie Impfstoffwahl gibt, werden die Patienten teilweise sehr unverschämt und beschimpfen die Kollegen."

Man könne den Unmut verstehen, der durch die Astrazeneca-Debatte entstanden ist. "Aber wir sind nicht der Auslöser, und es ist sicher nicht der richtige Weg, andere zu beschimpfen", so Ulrike Peter weiter. Tatsächlich verließen viele Impfberechtigte das Zentrum wieder und warteten lieber auf eine Impfung bei ihrem Hausarzt, in der Hoffnung, dort den "richtigen" Impfstoff zu bekommen.

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Die ganze Situation sei nicht nur deshalb ärgerlich, weil Mitarbeiter einer Hilfsorganisation angegangen werden, die zum Ende der Pandemie beitragen wollen. Nicht abgesagte Termine bedeuten, dass Impfstoff einfach liegen bleibt und sich anhäuft. Wäre abgesagt worden, hätten die Termine wieder zur Buchung freigegeben werden können.

"Menschen hätten geimpft werden können, die kein Problem damit haben, den Astrazeneca-Impfstoff zu bekommen", so Peter. Es gebe durchaus die Möglichkeit, abzusagen. Online über die Buchungsseite sowie telefonisch über die Terminhotline (0800 0899 089), betont die Sprecherin und appelliert, diesen Weg bitte zu nutzen.

Ungenutzter Impfstoff häuft sich an

Aktuell dürfen sich in Sachsen alle Menschen ab 70 Jahren impfen lassen. Darüber hinaus sind bestimmte Berufsgruppen berechtigt, einen Termin zu vereinbaren - darunter Lehrer und Erzieher. In dieser Woche haben im Dresdner Impfzentrum sowie durch die mobilen Teams in den Alten- und Pflegeheimen gut 600 Menschen ihre Erstimpfung erhalten. Das sind deutlich weniger als in den vorangegangenen Wochen. Weitere 3.200 Menschen haben ihre Zweitimpfung bekommen, die einen größtmöglichen Schutz gegen eine schwere Covid-19-Erkrankung bringen soll. Hier ist hauptsächlich der Biontech-/Pfizer-Impfstoff zum Einsatz gekommen.

Immerhin, vernichtet werden muss der vorbereitete Astrazeneca-Impfstoff nicht, sollten Termine nicht wahrgenommen werden. Er sei nicht so sensibel wie der von Biontech und Pfizer, der - einmal aufgetaut - innerhalb weniger Stunden verbraucht werden muss. Allerdings häuft sich das Vakzin an. Laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland lagerten in Deutschland am Dienstag rund 1,5 Millionen Dosen des Astrazeneca-Impfstoffes. In Sachsen waren es etwa 124.800 der bisher 189.600 gelieferten Dosen, wobei ein Teil davon für die Zweitimpfungen zurückgelegt worden ist.

Update, 26.03.2021: In einer vorherigen Fassung dieses Beitrags hieß es, in Sachsen würden noch 1,5 Millionen ungenutzte Impfdosen des Herstellers Astrazeneca lagern. Diese Zahl, die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland stammt, bezieht sich auf ganz Deutschland, nicht nur auf Sachsen. In Sachsen wird die Zahl des Lagerbestandes mit 124.800 Dosen angegeben. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Verzeihung.

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