merken
PLUS Dresden

Mehr als 1.000 Corona-Tote in Dresden

Die Zahl der pandemiebedingten Todesopfer übersteigt eine traurige Grenze. Doch was wissen wir darüber? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Viele Corona-Patienten liegen wochenlang auf der Intensivstation. Knapp die Hälfte verliert den Überlebenskampf.
Viele Corona-Patienten liegen wochenlang auf der Intensivstation. Knapp die Hälfte verliert den Überlebenskampf. © dpa/Frank Molter

Dresden. Vor reichlich einem Jahr forderte die Pandemie das erste Todesopfer in Dresden: Eine Frau, über 80 Jahre alt, verlor Mitte März 2020 ihr Leben. Ein Jahr und ein Monat später drohen die einzelnen Schicksale zu verblassen, so hoch ist die Zahl der Verstorbenen inzwischen, es sind mehr als 1.000. Was wir über sie wissen.

Wie viele Menschen sind bisher verstorben?

Sechs neue Sterbefälle hat das Gesundheitsamt am Montag mitgeteilt. Damit wird der Tod von 1.006 Dresdnern auf eine Infektion mit dem Coronavirus zurückgeführt. Im Klartext heißt das: Knapp vier Prozent aller nachweislich Infizierten in Dresden sind gestorben.

TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen

Was ist los in Sachsen und Umland? Wo gibt es was zu erleben? Unsere Top-Veranstaltungen der Woche!

Die erste Welle zwischen März und Mai 2020 forderte elf Opfer. Zwischen September und Februar starben mehr als 900 Menschen, besonders viele um Weihnachten herum. Die zweite Welle markiert damit den bisherigen, traurigen Höhepunkt der Corona-Pandemie. Seit März – in der dritten Welle, wenn man so will – verloren weitere 65 Dresdner ihr Leben.

Was weiß man über die Verstorbenen?

Die meisten Verstorbenen waren hochbetagt. Gut 740 gehörten der Altersgruppe „80 plus“ an. Knapp 240 waren zwischen 60 und 79 Jahre alt. Das ist nicht verwunderlich, denn mit steigendem Alter nimmt das Risiko für schwere Krankheitsverläufe zu, da das Immunsystem schwächer wird und sich Vorerkrankungen wie Diabetes und Gefäßerkrankungen häufen.

Ein Großteil der älteren Verstorbenen ihnen lebte in einem Alten- oder Pflegeheim. Mit Stand von Mitte Februar, damals zählte Dresden reichlich 800 Corona-Tote, waren etwa 500 Heimbewohner unter den Opfern, teilt die Stadtverwaltung auf eine Anfrage der AfD-Stadträtin Monika Marschner mit.

Doch es trifft nicht nur die Älteren. 20 Opfer hatten noch nicht einmal das Rentenalter erreicht – sie waren zwischen 35 und 59 Jahre jung.

Starben mehr Männer als Frauen?

Bei den unter 80-Jährigen ist das tatsächlich der Fall. So haben in der Gruppe der 60- bis 79-Jährigen mehr als doppelt so viele Männer ihr Leben wegen Corona verloren wie Frauen. Und das, obwohl es in Dresden weniger Männer in dieser Altersklasse gibt als Frauen. Bei den über 80-Jährigen sind die Frauen etwas häufiger vertreten, was auch damit zusammenhängt, dass es aufgrund der allgemeinen Lebenserwartung weniger hochbetagte Männer gibt.

Wie sicher ist es, dass diese Menschen an Corona starben?

Bei den inzwischen mehr als 1.000 Corona-Toten handelt es sich um Menschen, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion starben. Somit stellt sich die Frage, ob das Virus für das Ableben ausschlaggebend war oder eine andere Erkrankung zum Tod führte, während der Patient möglicherweise infiziert war, allerdings keine oder nur leichte Symptome entwickelte. Die Frage wird in der politischen Diskussion gern instrumentalisiert, um das potenzielle Gesundheitsrisiko bei einer Ansteckung zu marginalisieren.

Mit Bezug auf die über 500 verstorbenen Heimbewohner erklärt das Gesundheitsamt: „Eine eindeutige Unterscheidung zwischen Personen, welche an Corona verstarben und Personen, die mit Corona verstarben, ist nicht ohne Weiteres möglich, da die genauen Umstände des Todes nicht immer eindeutig auf dem Toten schein dokumentiert sind. Bei 472 der 502 Toten spreche das klinische Bild, also die Beschwerden, dafür, dass die Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit an Corona starben.

Bei den verbleibenden 30 Fällen sei anzunehmen, „dass hier eine andere Ursache ausschlaggebend für den Tod war“, so die Stadt. Wobei bei einem Teil dieser Fälle gar keine Informationen vorliegen würden und die Todesursache gänzlich unbekannt sei.

Sind auch Obduktionen durchgeführt worden?

Durch die Verwaltung sind bislang lediglich drei Sektionen angeordnet worden. Warum genau und mit welchem Ergebnis, teilt die Stadt nicht mit.

Weitere Untersuchungen sind am Dresdner Uniklinikum durchgeführt worden. Am Institut für Pathologie seien bisher 65 Verstorbene obduziert worden, bei denen auf dem Totenschein Covid-19 angegeben war, so Institutsdirektor Professor Dr. Gustavo Baretton und Bereichsleiterin Dr. Jessica Pablik. Das Klinikum kooperiere in einem bundesweiten Obduktionsnetzwerk aus Pathologen und Rechtsmedizinern verschiedener Uniklinika, die Daten sammeln, um diese neue Krankheit besser zu verstehen. "Die Pathologen leisten somit einen bedeutsamen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie", so die beiden Mediziner. Die bisherigen Befunde stützten andere Autopsie-Studien aus Deutschland, wonach mehr als 80 Prozent der Verstorbenen tatsächlich an einer Covid-19-Erkrankung starben, also nicht nur mit.

Theoretisch dürfen auch Angehörige auf eine Obduktion bestehen. Diese kostet allerdings zwischen 1.000 und 1.500 Euro, sollte man kein besonderes öffentliches Interesse daran nachweisen. Ob der Wunsch tatsächlich an Ärzte oder Krankenhäuser herangetragen wurde, wisse das Gesundheitsamt nicht.

Könnte es auf der anderen Seite Menschen geben, die unbekannterweise an Corona starben?

Diese Überlegung haben zumindest Forscher der der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) angestellt. Denn eines ist sehr auffällig: Mit Beginn der zweiten Corona-Welle im Herbst baute sich eine Übersterblichkeit auf. Das heißt: Zwischen September und Dezember starben deutlich mehr Dresdner als in denselben Monaten der vorherigen Jahre. Diese Übersterblichkeit hat sich im Januar und Februar dieses Jahres fortgesetzt und sank erst im März wieder auf ein übliches Niveau.

Ja, Corona, könnte man anführen, um diese Übersterblichkeit zu begründen. Doch die Zahl der „zusätzlichen“ Todesfälle liegt um einiges höher als die Zahl der gemeldeten Corona-Toten. Die Forscher regten eine genauere Untersuchung an, ob und warum in Sachsen eine extreme nicht-Covid-19 bedingte Übersterblichkeit besteht oder ob diese durch fehlende Post-mortem Tests, falsch ausgestellte Todesursachen, reine Datenfehler oder anderweitig begründet werden kann", heißt es in dem Bericht, der Anfang Januar erschienen ist.

Mögliche Ursachen für eine erhöhte Sterblichkeit können auch andere Krankheiten sein. Mediziner warnten bereits im vergangenen Jahr davor, Patienten könnten aus Angst vor einer Ansteckung den Arztbesuch vermeiden, wodurch Herzinfarkte und Tumoren zu spät diagnostiziert würden. Für Dresden liegen allerdings noch keine Statistiken für 2020 vor. Klar ist aber, dass die Grippewelle in diesem Jahr ausgeblieben ist und als Ursache ausscheidet.

Auch natürliche Gründe spielen beim Anstieg der Sterbezahlen eine Rolle. So altert Dresden. Das heißt, die Zahl der Hochbetagten nimmt zu.

Wie hat sich das Alter der Todesopfer in den vergangenen Wochen entwickelt?

Obwohl die dritte Corona-Welle bereits eingesetzt hat, ist die Zahl der Corona-Sterbefälle aktuell niedrig. Verloren im Februar 114 Dresdner ihr Leben und im März 58, so sind im April bislang sieben Menschen in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben. Optimistisch gedacht machen sich die Impfungen in den höheren Altersgruppen positiv bemerkbar, die vor schweren Covid-19-Verläufen schützen sollen. Zuversichtlich stimmt auch, dass das Gesundheitsamt am Dienstag keine einzige aktive Infektion in einem Pflegeheim gemeldet hat. Laut Deutschem Roten Kreuz haben inzwischen alle impfwilligen und impffähigen Heimbewohner ihre Impfung erhalten.

Pessimistisch betrachtet muss man sagen, dass zwischen einer Infektion, einer Einweisung ins Krankenhaus und dem Tod oft mehrere Wochen vergehen. Das heißt, der Beginn der dritten Welle könnte sich erst noch in den Leichenhäusern bemerkbar machen.

Dafür spricht die wieder zunehmende Zahl von Corona-Intensivpatienten in Dresden. 50 sind am Dienstagmittag gemeldet worden – sechs mehr als noch am Montag. In der zweiten Welle starben im Schnitt zwischen 20 und 40 Prozent der Infizierten, die eine intensivmedizinische Versorgung benötigten. Somit muss mit steigenden Todeszahlen in den nächsten Tagen und Wochen gerechnet werden. Auch deshalb, weil bei weitem noch nicht alle Älteren geimpft sind, die sich das wünschen.

Update: 19. April 2021, 15.30 Uhr: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, lediglich drei der mehr als 1.000 verstorbenen Dresdner seien obduziert worden. Dabei handelte es sich lediglich um Sektionen, die durch das Gesundheitsamt veranlasst wurden. Darüber hinaus sind am Dresdner Uniklinikum mehr als 60 Obduktionen durchgeführt worden. Diesen Umstand haben wir im Beitrag konkretisiert.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Weiterführende Artikel

Dresden gedenkt Corona-Todesopfern

Dresden gedenkt Corona-Todesopfern

Zentraler Ort dafür ist der Urnenhain in Tolkewitz. Auch im Stadtzentrum sind Veranstaltungen geplant.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden