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Corona an Schulen: Schulleiter übt Kritik

An Dresdner Schulen sind über 200 Kinder und Lehrer in Quarantäne geschickt worden. Hätte das am Cottaer Gymnasium verhindert werden können?

In Dresden sind gut eine Woche nach Beginn des neuen Schuljahres drei Schulen von Coronafällen betroffen.
In Dresden sind gut eine Woche nach Beginn des neuen Schuljahres drei Schulen von Coronafällen betroffen. © dpa/Matthias Bein (Symbolbild)

Dresden. Mehr als 100 Schüler des Cottaer Gymnasiums sind am Dienstag in Quarantäne geschickt worden. Damit steht nun fest, dass alle Elftklässler der Schule zu Hause bleiben müssen, nachdem ein Schüler der Klassenstufe positiv auf das neuartige Coronavirus getestet wurde. Schulleiter Jürgen Karras bezeichnet die Umstände im Gespräch mit der SZ als unglücklich.

So habe der Schüler Kontakt zu einem Reiserückkehrer gehabt, der mutmaßlich infiziert ist. Zwar soll das Gesundheitsamt davon gewusst haben, anhand der Richtlinien des Robert-Koch-Instituts einen Test aber nicht für nötig gehalten haben. Die Eltern entschieden sich demnach aus eigenen Stücken dafür. Am Donnerstag vergangener Woche sei der Schüler schließlich getestet worden. Das Ergebnis sollte Karras' Informationen zufolge am Sonnabend übermittelt werden. Mit dem Schüler sei vereinbart worden, dass er das Testergebnis sofort der Schule mitteilt. Doch das Wochenende verstrich und die Familie erhielt keine Information darüber, ob sich der Jugendliche nun mit Corona infiziert hat oder nicht. 

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Also sei er am Montag wieder zur Schule gegangen. Erst an diesem Tag sei schließlich das positive Testergebnis bekanntgeworden. Daraufhin habe das Gymnasium sämtliche Kontaktlisten dem Gesundheitsamt übermittelt.

Zwar sind dem Schulleiter zufolge die Schüler in die Quarantäne geschickt worden, nicht aber die Lehrer, die mit dem Jugendlichen in einem Klassenzimmer standen. Bislang gebe es für sie keine Quarantäneanordnung, so Karras. Das Gesundheitsamt bestätigte am Dienstag, dass für die Lehrer keine Isolation angedacht sei. Sie hätten keinen relevanten Kontakt zu dem Schüler gehabt. Dabei orientiere man sich an die Regeln des Robert-Koch-Instituts. Dort heißt es, dass Personen, die sich zwar im selben Raum wie ein Infizierter, zum Beispiel einem Klassenzimmer, aufgehalten haben, aber keinen Gesichtskontakt mit ihm hatten, der länger als 15 Minuten dauerte, nur einem geringen Infektionsrisiko ausgesetzt gewesen seien. Eine Quarantäne wird demnach nicht empfohlen.

Schüler müssen zu Hause lernen

Die Risikobeurteilung von Kontaktpersonen sei äußerst aufwendig. Das Gesundheitsamt nehme zu jedem einzelnen positiv Getesteten persönlich Kontakt auf. "Akribisch werden die Kontakte erfragt und diese wiederum mit fundiertem fachlichem Wissen beurteilt", so die Behörde. Diese Gespräche würden teilweise Stunden in Anspruch nehmen. "Diese Art der Kontaktermittlung ist nicht nur etwas, worum uns viele andere Länder beneiden, sie hat auch in Dresden dafür gesorgt, dass die Fallzahlen so niedrig sind."

Die Elftklässler müssen hingegen nun zu Hause lernen, denn sie sind während der häuslichen Isolation weder krankgeschrieben noch von der Schulpflicht befreit. Der Freistaat Sachsen besitzt dafür die Internet-Lernplattform Lernsax, auf der Schüler und Lehrer kommunizieren, lernen beziehungsweise lehren können. Die Plattform sei bereits während der ersten Welle genutzt worden. "Insofern sind wir durch den ersten Lockdown alle vorbereitet." 

Karras stellt aber auch klar, dass dies personell nur schwer zu stemmen sein wird. Denn die Lehrer können sich nicht ausschließlich um die daheim gebliebenen Schüler kümmern. Sie haben darüber hinaus noch Präsenzunterricht in der Schule. Karras spricht von doppelter Belastung. "Wir werden schauen, wie wir zusammen mit den Eltern weitermachen", sagte er am Dienstag. Günstiger wäre es, wenn die komplette Schule - Schüler und Lehrer - unter Quarantäne stehen würde, um den Heimunterricht abzusichern. Die Schüler sollen bis einschließlich 16. September zu Hause bleiben. Sie dürfen das Haus nicht verlassen und keinen Besuch empfangen.

Die Eltern der isolierten Kinder können allerdings arbeiten gehen. Aus infektiologischer Sicht spreche nichts dagegen, so das Gesundheitsamt. Anders sei das bei Eltern, deren Kind infiziert sei. Sie müssten sich ebenfalls in Quarantäne begeben.

Kreiselternrat: "Klare Richtlinien nötig"

Martin Raschke, Vorsitzender des Kreiselternrates Dresden, fordert, dass klare Richtlinien kommuniziert werden, wer wann in Quarantäne geschickt wird. "Es muss geklärt werden, wie genau die Kontaktermittlung funktioniert." Es sei sehr unglücklich, dass nun die Schüler so kurz nach Schuljahresbeginn wieder zu Hause lernen müssten. Darunter leide auch die Motivation.

In Dresden ist gut eine Woche nach Schuljahresbeginn nicht nur das Gymnasium Cotta betroffen. Vergangene Woche war bereits ein Corona-Fall am Benno-Gymnasium bekannt geworden. Dort sind die elfte Klassenstufe, weitere drei Schüler der zwölften Klasse und drei Lehrer sowie die Familie des betroffenen Schülers seit 2. September und noch bis 16. September unter Quarantäne gestellt. Insgesamt betrifft das hier 110 Personen.

Der betroffene Schüler hatte sich auf dem Rückweg aus dem Urlaub testen lassen. Das bestätigte Michael Baudisch, Sprecher des Bistums Dresden Meißen, Träger des Gymnasiums, in der vergangenen Woche. Die Schüler bekommen nun Online-Unterricht. 

Unterschiedliche Regeln an Dresdens Schulen

In der 25. Grundschule befinden sich seit vergangenem Freitag die Schüler einer dritten Klasse sowie eine Lehrerin und eine Hort-Erzieherin als Kontaktpersonen in Quarantäne. Das betrifft insgesamt 24 Menschen, die noch bis zum 18. September isoliert bleiben müssen. An der Einrichtung war im Rahmen einer Studie der Dresdner Universitätsmedizin, bei der Schulkinder stichprobenartig untersucht werden, ein Schüler festgestellt worden, der das Coronavirus hat oder hatte. Zumindest konnten bei ihm Antikörper nachgewiesen werden.

Während an den meisten weiterführenden Schulen in Dresden - wie etwa am Gymnasium Bürgerwiese oder an der 32. Oberschule in Tolkewitz - zumindest auf den Schulhausfluren eine Maskenpflicht für Schüler und Lehrer gilt, haben die meisten Grundschulen darauf verzichtet. Auch werden Klassen nicht mehr strikt voneinander getrennt, auch auf dem Schulhof teilen sie sich oft das gesamte Gelände. 

In Sachsen dürfen Schulleiter selbst darüber entscheiden, wie streng sie Hygieneregeln handhaben. Einige Dresdner Grundschulleiter setzen nach wie vor auf die Regeln, die schon vor den Sommerferien galten: In der 15. Grundschule in der Dresdner Neustadt etwa versucht Schulleiter Olaf Böttger mit Blick auf die Reiserückkehrer und mögliche Corona-Infektionen zu erreichen, dass sich die einzelnen Klassen nicht durchmischen. Auf dem Schulhof spielen die Kinder in getrennten Bereichen, in den ersten beiden Schulwochen unterricht nur der Klassenlehrer. 

Auch an der 122. Grundschule in Prohlis geht Schulleiter Karsten Reisinger zunächst auf Nummer sicher: Dort beginnt der Unterricht am Morgen gestaffelt, auch der Schulhof wird nicht gleichzeitig von allen Klassen genutzt. Sollte es in seiner Schule ein infiziertes Kind geben, verweist Reisinger auf den Vier-Stufen-Plan des Kultusministeriums. Der Plan sieht vor, dass gestaffelt vorgegangen wird. Demnach werden zunächst die Kontakte ermittelt und einzelne Kinder oder Gruppen in Quarantäne geschickt. So wie es derzeit die Dresdner Schulen mit Corona-Fällen praktizieren.

Update, 9. September, 18 Uhr: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, die Eltern der infizierten Kinder könnten gehen. Selbstverständlich muss es heißen, die Eltern der isolierten Kinder könnten ihrem Job nachgehen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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