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Dubiose Corona-Flyer in Dresden im Umlauf

In Dresdner Briefkästen finden sich zur Zeit Heftchen voller Falschinformationen zur Mund-Nasen-Maske. Doch dagegen vorzugehen, ist kaum möglich.

"Banale Infekte werden chronisch", heißt es unter anderem in dem "Ratgeber". Dass lungenkranke Kinder gar keine Masken tragen sollen, wird hingegen nicht erwähnt.
"Banale Infekte werden chronisch", heißt es unter anderem in dem "Ratgeber". Dass lungenkranke Kinder gar keine Masken tragen sollen, wird hingegen nicht erwähnt. © Leserzusendung

Dresden. Als Konrad Gerber-Fischbach am Montag vorvergangene Woche seinen Briefkasten öffnet, liegt dort ein Flyer mit der Überschrift "Mund-Nasen-Bedeckung". In dem "Ratgeber für Eltern" wird mit eindringlichen Worten vor dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes für Kinder gewarnt. Banale Infekte würden durch die Masken verschlimmert oder gar chronisch, dazu kämen möglicherweise Klaustrophobie und Angstzustände. 

Auch wird in dem Text eine Hausmitteilung des Bundestags zitiert, die von "einem signifikanten Anstieg der CO2-Werte im Blut" spricht, die sich bereits nach 30 Minuten Tragedauer einstellen könne. 

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Und weiter: "Ein ständiges Aus- und wieder Anziehen der Mund-Nasen-Bedeckung ist aber auch nicht sinnvoll, da so das Risiko einer Kontamination erhöht wird." Dazu der Verweis auf einen Artikel des Magazins Focus. Liest man den Sachverhalt nach, wird schnell klar, dass in der Broschüre ein entscheidender Hinweis aus der Mitteilung fehlt. 

Tatsächlich wurde den Parlamentariern empfohlen, die Maske zum Durchatmen zwischendurch "eher unters Kinn" zu schieben, sie aber weiter zu tragen. Ein Bundestagssprecher hatte verdeutlicht, dass die Mitteilung keine "Behauptung einer Gesundheitsgefährdung" beinhalte.

Vielmehr bestehe "gelegentlich das Bedürfnis, in geeigneten Situationen einen kurzen Moment durchzuatmen." Die Behörde musste zurückrudern, auch weil ein erhöhter CO2-Anstieg bei Alltagsmasken längst widerlegt ist. Auch für Kinder ab dem Grundschulalter seien sie "längerfristig zumutbar", wie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin informiert.

Mehr Aufklärung gefordert

Gerber-Fischbach ist besorgt. Auch seine Nachbarn haben das Blatt erhalten. "Ich halte es für eine bodenlose Frechheit und überaus gefährlich, gerade in der heutigen Zeit, dass solche Flyer in Umlauf gebracht werden", sagt der Dresdner. Er wünsche sich Aufklärung, damit "die Menschen nicht darauf hereinfallen". 

Bei der Stadt Dresden ist der Flyer bereits bekannt, wie Stadtsprecher Kai Schuricht sagt. Die Verwaltung bewertet den Text als "unseriös, schon alleine, weil das Impressum fehlt".  

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Auf der Broschüre finden sich kaum Informationen über die Herausgeber. Zusammengestellt sei der Ratgeber von "Katrin", die angegebene Internetadresse führt zu einem Blog, der sich "Cottbuser Summphonie" nennt. Slogan: "...denn Summen stärkt unser Immunsystem..." Erst hier findet sich auch der volle Name der Autorin mit einer Adresse.

"Genau ansehen, woher die Informationen stammen"

Anders als in Bayern herrscht in Sachsen keine Pflicht, auf Flyern einen Verantwortlichen im Sinne des Presserechts zu benennen. Auch sonst dürfte das Papier nicht strafrechtlich relevant sein, sagt Schuricht. Man könne maximal Unterlassung gegen die Zustellung fordern. 

Generell ist das deutsche Recht kaum gegen Fake News gewappnet. "Lügen ist grundsätzlich nicht verboten", sagt Jörg Herold, Sprecher des sächsischen Justizministeriums. "Ansonsten wären Polizei und Staatsanwaltschaft auch restlos überlastet." 

Die Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven sieht juristischen Nachbesserungsbedarf. Ein Vorbild könne Italien sein. Hier wird die Veröffentlichung falscher Informationen als "Störung der Öffentlichen Ordnung" unter Strafe gestellt. Allerdings bewege sich die Sanktionierung von Fake News in "einer gefährlichen Nähe zu Zensur", schreibt die Juristin.

Im Sozialministerium rät man stattdessen dazu, den Blick zu schärfen. "Jeder Bürger sollte sich genau ansehen, woher und von wem die Informationen stammen und welche Quellen dem zugrunde liegen", sagt eine Sprecherin. Faktenchecks: Sie werden in Corona-Zeiten immer wichtiger. 

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