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"Wir haben Sorge um unsere Patienten"

Warum der Dresdner Lungenfacharzt Jakob Bickhardt in einem Brief an den OB die Absage der Querdenker-Demo forderte und was er von Masken-Attesten hält.

Jacob Bickhardt, Lungenfacharzt aus der Neustadt, sieht derzeit keine Alternative zum Mund-Nasen-Schutz.
Jacob Bickhardt, Lungenfacharzt aus der Neustadt, sieht derzeit keine Alternative zum Mund-Nasen-Schutz. © Sven Ellger

Dresden. Der Text ist kurz aber deutlich: In einem Brief an Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und andere Stadtverantwortliche hat der Dresdner Lungenfacharzt Jakob Bickhardt Anfang der Woche das Verbot der Querdenken-Demo gefordert. Im Interview mit der SZ erklärt der Mediziner, der in einer Gemeinschaftspraxis in der Neustadt praktiziert, warum er nicht mehr stillhalten wollte und warum es ihm vor dem kommenden Wochenende graut.

Herr Bickhardt, die Querdenken-Demo am Samstag wurde vorerst abgesagt. Für wen ist das eine gute Nachricht?

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Das ist eine gute Nachricht für ganz Dresden und natürlich besonders für die Menschen, die stärker gefährdet sind, sich mit Corona zu infizieren. Wenn bei großen Demonstrationen die Hygieneregeln nicht eingehalten werden, dann muss man damit rechnen, dass das Infektionsgeschehen sich weiter verschlechtert. Und es ist schon dramatisch.

Sie haben diese Woche einen Brief an Oberbürgermeister Hilbert geschrieben. Warum?

Meine Kollegin und ich haben in dem Brief gefordert, diese Demonstration aus medizinischen Gründen zu untersagen. Die Lage ist weitaus schlimmer als im Frühjahr. Die Kliniken sind überlastet. Als Lungenärzte haben wir Sorge um unsere Patienten, unabhängig davon, wie man politisch denkt. Wir sehen in der eigenen Praxis, dass Menschen krank geworden sind. Auch wenn viele zum Glück nicht ins Krankenhaus müssen, so sind drei Tage mit 40 Grad Fieber und sechs Wochen Abgeschlagenheit doch nichts, was man so eben wegsteckt.

Ist die Lage in Dresden besonders zu bewerten?

Das medizinische System in Dresden ist hervorragend aufgestellt, aber es kommt jetzt dennoch an seine Grenzen. Unter diesen Bedingungen kann ich mir nicht vorstellen, dass eine solche Demonstration in Dresden stattfinden darf.

Zuletzt demonstrierten Anhänger der Querdenken-Bewegung am 31. Oktober in der Dresdner Innenstadt.
Zuletzt demonstrierten Anhänger der Querdenken-Bewegung am 31. Oktober in der Dresdner Innenstadt. © René Meinig

Haben Sie schon eine Antwort auf Ihr Schreiben erhalten?

Wir haben keine Antwort erhalten, aber im Endeffekt ist das verhängte Verbot, das einen Tag nach und sicher unabhängig von unserem Schreiben kam, ja auch Antwort genug. Ich hoffe nun, dass die Gerichte, die sich möglicherweise noch damit befassen müssen, ebenso im Sinne der Patienten entscheiden.

Aber was ist mit dem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit?

Wir glauben, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit im Moment wichtiger ist, als das Recht auf Versammlungsfreiheit. Noch dazu, wenn bei den Quer- oder besser Schrägdenkenden besonders viele Infizierte zu erwarten sind. Ohne Maske. Ohne Abstand. Es macht mich richtig wütend, wenn ich höre, dass es Menschen gibt, die das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz aus Nazizeiten gleichsetzen.

Trotz Absage der Demo wird es in den nächsten Tagen vermutlich voll werden in der Stadt. Ist das nicht genauso heikel?

Massenaufläufe in irgendwelchen Warenhäusern in Dresden sollten unbedingt vermieden werden, das ist ganz klar. Dieses Virus liebt Kälte und Feuchtigkeit. Wir haben keine andere Wahl, als strikt auf Maske und Abstand zu achten. Ich würde das ganz pragmatisch sehen: Schenken wir uns Gutscheine und schenken wir uns Infektionsschutz.

Wo kaufen Sie ihre Weihnachtsgeschenke?

Ich war gestern mit meiner Frau in einem Eine-Welt-Laden. Ihren Parfüm-Wunsch werde ich ihr über einen Gutschein oder online erfüllen. Aber ich habe auch gerade noch einen Tipp bekommen, wo ich unterwegs in einem ganz kleinen Laden noch was kriegen könnte.

Wie bereiten Sie Ihre Patienten auf die kommenden Monate vor?

Die allermeisten Patienten sind sehr sorgsam und sehr vernünftig. Nur selten kommt jemand in die Praxis, der keine Maske tragen möchte. Das finde ich sehr positiv. Trotzdem können vor allem die Abstandsregeln und der Sinn des Maske-Tragens in der Öffentlichkeit nicht oft genug wiederholt werden.

Gibt es bei Ihnen in der Praxis überhaupt noch ein anderes Thema?

Ja, natürlich. Wir haben ein großes Spektrum an Erkrankungen, wobei die Corona-Problematik viele Dinge überlagert. Es gibt hier keinen Tag, an dem wir damit nichts zu tun haben.

Wie häufig werden Sie nach einem Attest gegen das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes gefragt?

Die Anfragen haben zuletzt zugenommen. Allein heute Vormittag gab es schon wieder zwei. In beiden Fällen war ein Attest jedoch nicht erforderlich, weil die Lungenfunktion gut war. Ich sage dann gern: Die Maske ist eine zumutbare Zumutung. Natürlich nervt sie, aber im Moment gibt es dafür keine Alternative.

Wie oft vergeben Sie noch Atteste und in welchen Fällen?

Erst gestern haben sich die Dresdner Kliniken mit einem Appell an die Bevölkerung gewandt, weil sie an der Grenze der Kapazität arbeiten. In einer solchen Situation würde ich ein Maskenattest nur noch in ganz ausgeprägten Fällen ausstellen. Bei wirklich schwer eingeschränkter Lungenfunktion, bei schwerem Sauerstoffmangel, bei Kohlendioxiderhöhung im Blut. Das betrifft aber zumeist nur Patienten, die so krank sind, dass sie sowieso nicht in der Altmarktgalerie unterwegs sind. Im Übrigen steht bei dem Attest immer dabei, dass der Aufenthalt in der Öffentlichkeit auf das aller notwendigste Maß zu reduzieren ist.

Leider gibt es auch Kollegen, die immer noch Maskenatteste aus Gefälligkeit ausstellen. So etwas kann man im Moment nicht tolerieren und das ist mit unserem ärztlichen Auftrag auch nicht zu vereinbaren.

Und wer fragt am häufigsten nach Attesten?

Sagen wir es so: Die Leute, die das Maskenattest bekommen, sind die, die kaum oder gar nicht danach fragen. Für die Menschen, die eine Covid-Infektion durchgemacht haben stellt sich diese Frage übrigens auch nicht. Die haben alle Respekt davor.

Derzeit wird viel über die Prioritäten bei den Impfungen diskutiert.

Ich bin sehr froh, dass wir als ambulante Mediziner diese Priorisierung vorerst gar nicht vornehmen müssen. Ein Corona-Impfstoff, der bei minus 70 Grad gelagert wird, kann nur in großen Impfzentren effektiv eingesetzt werden.

Würden Sie Ihre Praxis schließen, um in einem Impfzentrum zu arbeiten?

Wir haben viel zu tun, sodass eine komplette Schließung der Praxis nicht infrage kommt. Aber meine Kollegin und ich könnten uns vorstellen, dass wir je einen halben Tag in der Woche in so einem Impfzentrum helfen könnten. Dafür muss man dann eben die eigenen Abläufe in der Praxis anpassen. Bisher gab es noch keine Anfragen, aber die werden sicher kommen.

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