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Sozialarbeiter: "Es wird mehr Schulschwänzer geben"

Schulfrust, Ärger mit den Eltern, Drogen: Die Pandemie verschärft die Situation von Jugendlichen in Dresdner Problemvierteln wie Reick und Prohlis.

Jennifer Trebeljahr, Martin Albert (l.) und Johann
Wiederanders von der Mobilen Jugendarbeit Dresden-Süd: "Explosive Gemengelage"
Jennifer Trebeljahr, Martin Albert (l.) und Johann Wiederanders von der Mobilen Jugendarbeit Dresden-Süd: "Explosive Gemengelage" © Sven Ellger

Dresden. Der Lockdown hinterlässt Spuren. Besonders tief sind sie dort, wo die Lebensverhältnisse ohnehin prekär sind: wenig Geld, enger Wohnraum, Probleme in der Schule. Für viele Familien in den großen Dresdner Plattenbaugebieten ist das Alltag.

Müssen dann die Kinder daheim lernen und fällt der Lohn in Kurzarbeit noch schmaler aus als sonst, liegen nicht selten die Nerven blank. Davon hören auch die Streetworker der Mobilen Jugendarbeit Süd immer wieder, wenn sie in den Wohngebieten in Reick und Prohlis unterwegs sind.

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In den vergangenen Monaten waren Martin Albert (30), Jennifer Trebeljahr (30) und Johann Wiederanders (27) besonders gefragt, ihre Arbeit ist auch in Lockdown-Zeiten erlaubt. "Seit letztem Jahr sind alle Jugendhäuser geschlossen, Treffen in großen Gruppen sind verboten, die Schulen waren zu. Die Jugendlichen wissen einfach nicht, wohin", sagt Jennifer Trebeljahr, die seit viereinhalb Jahren zum Team der Streetworker gehört und so eine Situation noch nicht erlebt hat.

Mehr Drogen, mehr Schulschwänzer

Mit Masken und Abstand ist das Trio dennoch in den Vierteln unterwegs, die Gespräche drehen sich oft um Probleme beim Homeschooling, Stress in den Familien, die auf engem Raum wochen- und monatelang ohne größere Auszeiten voneinander auskommen mussten, mehr Gewalt, gravierende Geldprobleme.

Das Gefühl, einer ausweglosen Situation nicht entkommen zu können, hat Folgen bei den jungen Menschen. "Wir beobachten, dass die Jugendlichen mehr Drogen konsumieren", sagt Martin Albert, der erst Anfang des Jahres zum Team dazugestoßen ist.

Besonders massiv seien die Auswirkungen im schulischen Bereich. Oft fehle es an Technik, noch häufiger die Unterstützung der Eltern, die bei den Schulaufgaben nicht helfen können. "Die Bildungsbenachteiligung der Kinder in diesen Familien wird nun noch sichtbarer", sagt Johann Wiederanders.

Für das Trio der Mobilen Jugendarbeit eine frustrierende Erkenntnis - kämpfen sie doch seit Jahren genau dagegen an. Nun mussten sie sehen, wie Jugendgruppen schon mittags vor den Supermärkten abhingen und bis spät draußen unterwegs waren, auch, um dem Stress daheim zu entfliehen.

"Das Problem ist, und das haben wir schon nach dem ersten Lockdown beobachtet: Viele der Jugendlichen finden den Weg zurück in die Schule nicht mehr", sagt Jennifer Trebeljahr.

Aus Scham, weil sie in der häuslichen Lernzeit nichts erledigt haben. Oder mit der Einstellung: Das bringt doch eh nichts mehr. Auch Schulsozialarbeiter und Eltern berichten darüber, dass es mehr Schulschwänzer gibt.

Corona-Zeit wird sich in Biografien widerspiegeln

Beim Schulverwaltungsamt, das für die Überwachung des Schulbesuchs zuständig ist, wurden indes keine steigenden Zahlen festgestellt, allerdings bezieht sich das auch auf die Zeit des Homeschoolings und der ausgesetzten Schulpräsenz.

So wurden im vergangenen Jahr insgesamt 560 Verletzungen gegen die Schulpflicht zur Anzeige gebracht, teilt das Schulverwaltungsamt mit. "Aufgrund der pandemiebedingten Schulschließungen sind die Fallzahlen im Jahr 2020 somit im Vergleich zum Vorjahr - 2019 waren es insgesamt 636 Meldungen - leicht gesunken."

Sollte ein Schüler über längere Zeit unentschuldigt fehlen, wird das vom Schulleiter zur Anzeige gebracht. "Dabei kann das Schulverwaltungsamt nicht prüfen, ob und inwieweit die unentschuldigten Fehltage während des Homeschoolings oder des Präsenzunterrichtes aufgetreten sind."

Die Jugendarbeiter sind sich sicher, dass sich die Corona-Zeit mit ihren erheblichen Einschränkungen im Bildungs- und Arbeitsbereich in den Biografien vieler junger Menschen in diesen Wohnvierteln niederschlagen wird. So erzählen sie von einem 21-jährigen jungen Migranten, der auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz war und ein Vorpraktikum dafür machen wollte.

Dafür musste die Ausländerbehörde ihre Zustimmung geben, was aber länger als drei Wochen dauerte. "Begründet wurde das mit Personalmangel in der Corona-Pandemie."

Viele Mitarbeiter der Verwaltung wurden etwa im Gesundheitsamt eingesetzt, um bei der Kontaktnachverfolgung zu helfen. Den jungen Mann kostete das den Praktikums- und damit den Ausbildungsplatz. "Für diesen jungen Menschen ist das fatal."

Andere haben ihre Jobs in der Gastronomie verloren, wurden in der Probezeit gekündigt, haben finanzielle Schulden, die Wohnungskündigung droht.

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