SZ + Dresden
Merken

Dresdner Gesundheitsamt stellt neue Leute ein

Dresdner Infizierte berichten, sie würden vom Gesundheitsamt gar nicht oder erst nach Wochen kontaktiert. Nun hat die Stadt reagiert.

Von Julia Vollmer & Sandro Rahrisch
 8 Min.
Teilen
Folgen
Das Dresdner Gesundheitsamt wurde personell aufgestockt.
Das Dresdner Gesundheitsamt wurde personell aufgestockt. © Christian Juppe

Dresden. Das Dresdner Gesundheitsamt wurde personell aufgestockt. Seit Mitte Januar arbeiten nun fast 300 Mitarbeiter an den Corona-Aufgaben, teilt die Stadt mit. Zum Vergleich: Vor der Pandemie arbeiteten im Infektionsschutz gerade einmal zehn Personen.

Zu den helfenden Händen gehört Personal aus der Kernbelegschaft des Gesundheitsamtes, das sonst andere Aufgaben hat. Außerdem sind Beschäftigte aus anderen Ämtern der Stadtverwaltung dabei, Landes- und Bundesbedienstete, Angehörige der Bundeswehr sowie Studierende der Hochschule Meißen (FH).

"Wir sind sehr dankbar für diese Unterstützung", sagt Dr. Frank Bauer, Leiter des Gesundheitsamtes. "Wir haben die Kollegen geschult und den neuen Teams zugeordnet. Diese beschäftigen sich unter anderem schwerpunktmäßig mit der Kontaktnachverfolgung, dem Erstellen von Bescheiden, der Beantwortung von Anfragen oder mit Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen, Gemeinschaftseinrichtungen oder sonstigen Unterkünften."

Man arbeite nun mit dem Mehrpersonal auch Altlasten aus der Zeit auf, als die Zahlen exponentiell anwuchsen. "Es kann also durchaus sein, dass Betroffene vom November und Dezember noch einen Bescheid erhalten, den sie als Nachweis für den Arbeitgeber benötigen. Die Verzögerung tut uns leid. Wir können hier nur das Verständnis einwerben."

Mobile Teams kontrollieren Quarantäneauflagen

Allein 140 Personen würden sich auf die Kontaktnachverfolgung in privaten Haushalten konzentrieren. "Wir versprechen uns davon, infizierte Personen und Kontaktpersonen wieder zügiger zu erreichen und damit effizienter die Infektionsketten zu durchbrechen", so Bauer.

Ergänzt wird diese Arbeit durch Kontrollen, die das Ordnungsamt in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt durchführt. Aktuell sind mehrere mobile Teams täglich unterwegs, die neben den hier auftretenden Fällen auch verstärkt Rückreisende aus den Gebieten Großbritannien und Südafrika aufsuchen und sich von der Einhaltung der Quarantäneauflagen überzeugen. Bei Missachtung kann ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro fällig werden.

Neu ist auch das kostenfreie Angebot der Hygieneberatung für stationäre Pflegeeinrichtungen in Dresden. Zu dem Leistungsspektrum gehören die Vor-Ort-Begehung mit Überprüfung des gegenwärtigen Standes, von internen Unterlagen und Plänen – insbesondere zu SARS-CoV-2 – die Protokollierung der kritischen Punkte, die Unterbreitung von Verbesserungsvorschlägen zum Management unter Berücksichtigung der gesetzlichen Grundlagen nach Infektionsschutzgesetz und Lebensmittelrecht sowie die Belehrung der Mitarbeiterschaft vor Ort.

Dresdner berichten von spät verschickten Quarantänebescheiden

Vergangene Woche hatte es massive Kritik am Gesundheitsamt gegeben. Vor fünf Wochen wurde sie positiv auf Corona getestet und bis heute habe das Gesundheitsamt sie nicht kontaktiert, um ihre gemeldeten Kontakte nachzuverfolgen, schrieb eine junge Dresdnerin im sozialen Netzwerk Twitter.

Ein anderer Dresdner berichtete, er sei selbst positiv getestet worden, aber erst drei Wochen nach dem Ende der Quarantäne hätten seine Kontaktpersonen - Ehefrau und Kind - per Mail die Information bekommen, dass mit eben dieser Mail vom Amt ein kostenloser Test beim Hausarzt möglich sei. Andere Infizierte bekommen Wochen nach Ende ihrer Quarantäne erst den amtlichen Bescheid. Was ist da los im Gesundheitsamt?

Wie reagiert das Gesundheitsamt auf die Kritik?

Das Gesundheitsamt bestätigt, dass jetzt noch teilweise Quarantänebescheide für Menschen verschickt werden, die sich im November infizierten. "Wir wollen auch die noch offenen Bescheide ausstellen", teilt Stadtsprecher Karl Schuricht auf SZ-Anfrage mit. "Wenn auch leider mit teils großem Zeitverzug, soll damit nachträglich der Nachweis gegenüber dem Arbeitgeber ermöglicht werden."

Außerdem räumt das Gesundheitsamt ein, die Kontakte nicht immer schnell nachverfolgen zu können. "Wir sind im Verzug", heißt es. Beziffern lasse sich dieser jedoch nicht, da man einzelne Fälle betrachten müsste. Wie lange die Nachverfolgung aller Kontakte eines Infizierten im Schnitt dauert, beantwortet die Behörde nicht klar.

"Der Zeitaufwand für Kontaktverfolgungen ist sehr unterschiedlich. Er hängt von der Bereitschaft zur Mithilfe der Betroffenen, der korrekten und umfangreichen Übermittlung von Daten, der Anzahl der Kontakte, Erreichbarkeiten, persönlicher Situation und auch sehr persönlichen Bedürfnissen wie beispielsweise Redebedarf der einzelnen Personen zusammen."

Fehlt noch immer Personal im Gesundheitsamt?

Rund 290 Menschen sind im Gesundheitsamt mit der Corona-Pandemie beschäftigt, sagt Schuricht. Dazu gehört die Kernbelegschaft des Gesundheitsamtes. Darüber hinaus seien Mitarbeiter anderer Ämtern der Stadtverwaltung, Landes- und Bundesbedienstete, Bundeswehr-Soldaten sowie Studierende der Fachhochschule Meißen im Einsatz.

Die 20 Soldaten sind vorerst bis zum 15. Januar im Gesundheitsamt tätig. "Wir hoffen auf eine weitere Unterstützung bis Ende März", so Schuricht weiter. Neu eingestellt wurde bislang aber niemand. Warum nicht, sagt der Rathaussprecher nicht.

Er betont aber, dass stetig neue Mitarbeiter hinzukommen und geschult würden. "So wurden beispielsweise die Quarantäne-Kontrollen mit Unterstützung des Ordnungsamtes ausgebaut", so Schuricht. Seit Anfang dieser Woche werde verstärkt überprüft, ob sich infizierte Menschen sowie enge Kontakt- sowie Verdachtspersonen auch wirklich zu Hause befinden.

Ebenfalls seit Anfang dieser Woche seien 139 Personen mit der Verfolgung von Kontakten außerhalb von Gemeinschaftseinrichtungen beschäftigt. "Damit wird der Schlüssel, der fünf Mitarbeiter pro 20.000 Einwohner empfiehlt, von Seiten der Landeshauptstadt Dresden erfüllt."

Wie bewerten die Stadträte die Lage im Gesundheitsamt?

"Sollte es Probleme hinsichtlich der telefonischen Erreichbarkeit der Corona-Hotline oder bei der Kontaktnachverfolgung geben, so sollte die zuständige Beigeordnete dies gegenüber dem Stadtrat anzeigen", fordert SPD-Stadtrat Richard Kaniewski. Was nicht passieren dürfe, ist, dass Menschen mit dem Virus und den zu treffenden Maßnahmen alleine gelassen werden.

Zudem sollte die Stadtverwaltung in ihrer Corona-Kommunikation stärker auf klassische Medien und Außenwerbung zurückgreifen. "Meine Sorge ist, dass wichtige Bekanntmachungen einige Dresdner - gerade die Älteren - gar nicht erreichen, da sie Facebook und Twitter nicht nutzen.“

Auch Linken-Stadtrat Christopher Colditz sieht Verbesserungsbedarf. "Dass das Gesundheitsamt zehn Monate nach Beginn der Pandemie noch immer nicht über die notwendige technische Infrastruktur verfügt, um reibungslos und schnell die Bescheide der Betroffenen zu erstellen, ist ein Armutszeugnis für die Pandemiepolitik des Oberbürgermeisters.“

Auch dass, nach seinem Kenntnisstand, nur ein geringer Teil der Belegschaft im Gesundheitsamt mit einem Laptop ausgestattet sei, um sicher im Homeoffice arbeiten zu können, könne er nicht nachvollziehen. Gerade die Mitarbeiter im Gesundheitsamt würden besonders jetzt zur Nachverfolgung von Infektionsketten benötigt, sie sollten besser geschützt und ihnen das Homeoffice ermöglicht werden, so Colditz.