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Corona: "Wir versuchen, die Patienten zu beruhigen"

Schwester Theresa ist eine von vielen Pflegerinnen des Klinikums Dresden-Neustadt, die auch an den Feiertagen ihre Gesundheit für andere riskieren.

Theresa Richter trägt Maske nicht nur beim Einkaufen und in der Straßenbahn, sondern jeden Tag viele Stunden. Im Krankenzimmer kommen Visier, Haube, Kittel und Handschuhe dazu.
Theresa Richter trägt Maske nicht nur beim Einkaufen und in der Straßenbahn, sondern jeden Tag viele Stunden. Im Krankenzimmer kommen Visier, Haube, Kittel und Handschuhe dazu. © Marion Doering

Dresden. Ein wenig erhöhten Puls hat Theresa immer noch. Immer dann wenn die so genannte Pool-Prüfung auf ihrer Station ansteht. "Es ist für mich nicht mehr so aufregend wie am Anfang, aber Gedanken mache ich mir doch", sagt die Kranken- und Gesundheitspflegerin. Schließlich habe sie jeden Tag vor Augen, wie sich Corona auf den Körper auswirken kann.

Seit Oktober arbeitet sie auf der infektologischen Abteilung des Städtischen Klinikums Dresden-Neustadt. Zweimal die Woche werden dort alle Kollegen auf eine Corona-Infektion geprüft. Um schneller und effizienter zu wissen, ob ein Mitarbeiter betroffen ist, analysiert das Labor zunächst alle zehn Proben in einer Test-Lösung.

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So ist im besten Falle kurz darauf klar: Alle der geprüften Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte sind negativ und können ihre Arbeit fortsetzen. Oder mindestens einer ist positiv. Dann gehen alle in Quarantäne, so lange bis klar ist, wer infiziert ist. Bis zum nächsten Tag herrscht dann Ungewissheit.

Atemnot löst Panik aus

Eine Unklarheit, mit der Schwester Theresa umgehen lernen musste. Tagtäglich versorgt die 23-Jährige auf der sogenannten Corona-Normalstation Menschen, die an Covid-19 erkrankt und in solch schlechter Verfassung sind, dass sie medizinisch überwacht und betreut werden müssen. "Ihnen wird Sauerstoff über kleine Sonden in die Nasenlöcher geleitet", erklärt Theresa Richter.

Fällt den Patienten das Atmen noch schwerer und sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut zu sehr, dann erhalten sie eine Sauerstoffmaske, die über Mund und Nase reicht. In ihrer Atemnot versuchen die Menschen häufig, mehr Luft durch den Mund einzuatmen. Auch dann hilft die Beatmungsmaske.

Das Gefühl, schwer Luft holen zu können, löst Panik aus. "Wir versuchen, die Patienten zu beruhigen, ihren Oberkörper aufrecht zu lagern und dazu zu bringen, sich möglichst entspannt nur auf das Atmen zu konzentrieren", sagt Theresa. Den Betroffenen die Angst zu nehmen, erfordert viel Einfühlungsvermögen.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Auch sehr hohes Fieber macht den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal Sorgen. Eine Körpertemperatur von 39,5 bis 40 Grad ist bei Erwachsenen lebensbedrohlich, besonders, wenn es sich auch medikamentös nicht senken lässt. "Dann können wir die Patienten nur noch mit Kühl-Akkus kühlen", sagt die Pflegerin.

Bis zum Herbst war Theresa Richter als Springerin am Klinikum beschäftigt. Dort hatte sie auch ihre Ausbildung absolviert und dann eine Anstellung bekommen. Als die Infektionszahlen Tag um Tag stiegen, brauchte die Infektologie jede pflegerische Hand.

"Normalerweise werden auf der Station Patienten mit den verschiedensten Infektionskrankheiten behandelt", sagt Schwester Theresa. Dazu gehören ansteckende Darmbakterien, HIV, Malaria und Influenza. Nun sind alle 21 Betten mit Coronakranken belegt. Menschen mit anderen Infektionen werden in gesonderten Bereichen versorgt.

In Schutzmontur ans Krankenbett

Dass es einmal so weit kommen würde, haben sich auch Theresa und ihre Kollegen Anfang des Jahres nicht vorstellen können. "Wir dachten wie alle: Bis zu uns kommt das nicht." Als im Februar der erste Patient mit dem Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion ins Städtische Klinikum eingeliefert wurde, war das eine Aufregung, die Theresa bis heute nicht vergisst. Der Verdachtsfall bestätigte sich nicht. Doch ab März erkrankten immer mehr Menschen, wenn auch noch sehr wenige im Vergleich zur aktuellen Lage.

"Wir wurden von unseren Vorgesetzten sehr gut darauf vorbereitet, wie wir uns im Umgang mit den Patienten verhalten müssen und wie wir uns schützen können", erinnert sich Theresa Richter. Ihrer Familie sei die tägliche Konfrontation mit dem Virus dennoch nicht geheuer. Sie fürchte, Theresa könne es von Arbeit mitbringen und selbst erkranken.

Schon die schwere Grippewelle von Herbst 2017 bis Frühjahr 2018 war eine große Herausforderung. "Aber wir trugen nur Kittel, FFP2-Masken und Handschuhe." Betritt Schwester Theresa das Zimmer eines Covid-Patienten, schützt sie sich zusätzlich mit Haube und Visier. Auch die Erkrankten müssen Mund-Nasen-Schutz tragen.

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Oft stoßen die Ärzte und Pfleger auf der Normalstation an die Grenzen ihrer medizinischen Möglichkeiten. Dann müssen Patienten auf die Intensivstation verlegt werden. Das komme fast jeden Tag vor, sagt Theresa. Schön seien die Momente, wenn nach Tagen oder Wochen von dort ein Patient zurückkommt und auf dem Weg der Genesung ist. Andere gehen in die traurigste aller Statistiken ein.

Auf dem Weg zurück ins Leben spielen Angehörige eine große Rolle, weiß Schwester Theresa. "Wir erleben immer wieder, wie engagiert Familien sind und selbst wochenlange Quarantäne in Kauf nehmen, um ihre Verwandten daheim so lange zu betreuen, bis sie die Krankheit überwunden haben."

Auch Pflegeheime seien eine ganz wichtige Stütze, wenn es darum geht, Patienten zu entlassen, sobald eine Betreuung außerhalb des Krankenhauses verantwortbar ist.

Schließlich kommen ständig neue schwere Fälle in die Klinik. Der Inzidenzwert steigt unaufhörlich. Mit der zunehmenden Zahl der Betroffenen steigt auch die der jüngeren Erkrankten. "Ich erlebe auf unserer Station alle Altersgruppen, von 25 bis 95 Jahre", sagt Theresa.

Intensivpflege am Limit

Wie sich die Lage über die Weihnachtstage verändern wird, darüber kursieren besorgniserregende Szenarien. Die Intensivstationen der sächsischen Kliniken sind am Limit. Es fehlt an medizinischem Personal. Das Städtische Klinikum Dresden hat gerade eine Ausschreibung gestartet. Es sucht ausgebildete Krankenpfleger und Mediziner, auch über Facebook, die zumindest vorübergehend Engpässe auszugleichen helfen.

Theresa Richter wird an den Feiertagen und zwischen den Jahren im Einsatz sein. Nur Heiligabend darf sie zu Hause bleiben. Am 24. Dezember hat sie ihren 24. Geburtstag. Statt den doppelten Grund zu feiern wird ihr Fest sehr klein ausfallen. Weiß sie doch am besten, wie wichtig es ist, gesund zu bleiben. Die Kranken brauchen Schwester Theresa.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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