merken
PLUS Dresden

"Unsere Zirkuswelt stand still"

Eine solche Krise haben sechs Zirkusgenerationen noch nicht erlebt. Nun ist die Familie von "Circus Magic" wieder auf Tour. In Dresden zählt jeder Besucher.

Der Zirkus von Samuel Endres macht derzeit in Dresden-Leutewitz Station. Seine Kamele zählen zu den Publikumslieblingen.
Der Zirkus von Samuel Endres macht derzeit in Dresden-Leutewitz Station. Seine Kamele zählen zu den Publikumslieblingen. © Sven Ellger

Dresden. Neugierig erkunden Erwin und die anderen Kamele die Wiese rund um die Windmühle. Ein Gehege brauchen hier weder sie noch die zotteligen Schottischen Hochlandrinder, zumindest solange, bis Luigi nachmittags seine Pizzeria öffnet.

Den Besitzer des Grundstücks in Leutewitz kennt Samuel Endres schon lange. Zum dritten Mal gastiert der 51-Jährige mit seinem kleinen Familienzirkus "Magic" hier auf der Wiese. Am Donnerstag steht die erste Show an. Alles wie immer, könnte man meinen. Doch in diesem Jahr ist nichts wie immer.

Geld und Recht
Wer den Pfennig nicht ehrt
Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

"Die Corona-Krise hat uns alles genommen, was unser Leben ausmacht", sagt der Direktor. "Unsere Zirkuswelt stand still." Anfang März, die 14 Wagen hatten gerade Weinböhla erreicht, teilte das Ordnungsamt der Familie mit, dass sie ihr Zelt bis auf Weiteres nicht mehr aufbauen dürften. "Und dann standen wir da und wussten nicht, wohin", sagt Endres. Ein festes Winterquartier hat Circus Magic nicht, da der Betrieb normalerweise das ganze Jahr über umherzieht.

24 Stunden Zirkus: Auch Tochter Anjali hilft beim Aufbau des Zeltes in Leutewitz.
24 Stunden Zirkus: Auch Tochter Anjali hilft beim Aufbau des Zeltes in Leutewitz. © Sven Ellger

"Ohne die Menschen in Weinböhla hätten wir keine Chance gehabt", sagt Endres. "Wir kamen gerade aus der Winterpause, hatten keine Reserven und nur noch ein Taschengeld einstecken." Geschlagene vier Monate lang durften sie mietfrei auf dem Weinböhlaer Festplatz bleiben, bekamen Strom, Wasser sowie zahlreiche Futterspenden von Privatleuten und Gastronomen. Sogar ein lokaler Heizölhändler unterstützte die Familie. Erst nach drei Monaten kippte die Stimmung in der Gemeinde und den Zirkusleute wurde nahegelegt, sich doch bitte einen neuen Platz zu suchen.

Der Alltag in den Wohnwagen war unterdessen trist. Statt in der Manege zu proben und aufzutreten, vertrieb sich die Familie die Zeit mit ausgedehnten Spaziergängen mit den Hunden. Außerdem wurden die Wagen neu lackiert und hier und da Dinge repariert, die lange liegengeblieben waren.

Familie Endres macht Zirkus in der sechsten Generation. "Meine Mutter ist gerade 80 geworden und war selbst ein Zirkuskind", sagt Endres, "aber so eine Krise hat auch sie noch nie erlebt." Während die Mutter mit seinem Bruder durchs Land tourt, hat Samuel Endres seine Frau Isabell, die Söhne Jeffrey (23), Jesse (21) und Octano (18) sowie die 14-jährige Tochter Anjali dabei. Für zusätzliche Artisten fehlt das Geld, deswegen schmeißen sie zu sechst den ganzen Laden, vom Aufbau des Zeltes, über die Werbung, den Einlass zur Show, bis zur Clownsnummer in der Manege.

Als das Ordnungsamt im Juni wieder grünes Licht gab, gastierte Circus Magic nach Weinböhla zunächst unter anderem in Großenhain und Kamenz. In Meißen hätten sie keine Genehmigung erhalten. An diesem Montag nun rollten die Wagen in Leutewitz an, am Dienstag wurde das Zelt hochgepumpt. 

Es geht schon auf Mittag zu, aber der Direktor hat noch nicht gefrühstückt. Er steht schon wieder unter Strom. Aller drei Minuten klingelt sein Handy, das gleichzeitig die Tickethotline ist. Dann winkt auch noch die Tierärztin am Zaun. Sie hat eine große Zange mitgebracht. Rinderbulle Djego soll kastriert werden.

Die indische Zebu-Kuh Bella und Bully, das Schottische Hochlandrind, gehören zu den 25 Zirkustieren.
Die indische Zebu-Kuh Bella und Bully, das Schottische Hochlandrind, gehören zu den 25 Zirkustieren. © Sven Ellger

Insgesamt reisen momentan 25 Tiere mit, die alle ihren Platz in der Vorstellung bekommen. Neben den Kamelen, Rindern und Hunden gehören auch Ziegen und Ponys dazu. Elefanten sind zwar auf den roten Zirkuswagen zu sehen, aber finanziell schon lange keine Option mehr. Mit Löwen und Affen war Endres zuletzt als kleiner Junge unterwegs. 

Doch obwohl sich sein Circus Magic auf Haus- und Nutztiere beschränkt, würden ihm die Tierschützer auch heute noch das Leben schwer machen. Ein leidiges Thema, aber Endres winkt ab. In diesem Jahr hat er größere Sorgen. Geld muss in die Kasse - zum füttern, essen und tanken. "In normalen Zeiten kommen wir gut zurecht und können gesund leben." Aber wann werden die Zeiten wieder normal?

"Die Show muss weitergehen"

Um jetzt überhaupt wieder spielen zu können, müssen sich die Zirkusleute an die Hygieneauflagen halten. Von den 350 Plätzen dürfen vorerst nur 120 belegt werden. Das aber ist verschmerzbar, da seit dem Neustart nach dem Lockdown nur zwischen 30 und 35 Besucher ins Zelt kommen. Jeder zahlende Gast mehr zählt in diesen Tagen. "Die Leute haben immer noch Angst und zögern", sagt Endres. Manche, weil sie Angst haben, infiziert zu werden. Die meisten aber eher, weil sie Angst haben, eine Maske tragen zu müssen. Mund- und Nasenschutz ist allerdings nur beim Anstehen und auf dem Weg ins Zelt Pflicht und danach freiwillig. 

In der 90-minütigen Show macht besonders der 800 Kilogramm schwere Kamelbulle Erwin Eindruck. Sohn Jeffrey ist gleichzeitig zaubernder Clown und Jongleur, Jesse Trapezkünstler. Ob auch die Kinder ihr ganzes Leben dem Zirkus widmen werden? Der Vater glaubt fest daran. "Die Show muss weitergehen. Egal was noch kommt."

Weiterführende Artikel

Zirkus verlängert sein Gastspiel in Radebeul

Zirkus verlängert sein Gastspiel in Radebeul

Der Familienzirkus Magic gibt bis 25. Oktober Vorstellungen auf der Wiese am Löma-Center.

So funktioniert ein Rummel mit Corona

So funktioniert ein Rummel mit Corona

Jahrmärkte fallen in Corona-Zeiten aus. Wie man trotzdem Autoscooter fahren kann? Ein Besuch auf dem ersten Rummel des Jahres in Dresden.

Corona-Krise bringt Zirkus in Not

Corona-Krise bringt Zirkus in Not

Circus Mondial kann derzeit nicht auf Tour gehen. Das Familienunternehmen sitzt bei Kamenz fest - und hat nun vor allem eine große Sorge.

Bis zum 4. Oktober gastiert Circus Magic in Leutewitz. Montag und Dienstag sind Ruhetage, sonst wird jeden Tag 16 Uhr gespielt, sonntags 11 und 15 Uhr. Die Karten ab 12 Euro gibt es täglich im Vorverkauf ab 11Uhr am Kassenwagen.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden