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Corona bringt Dresdens Bestatter ans Limit

Das Dresdner Krematorium hat wegen der erhöhten Sterberate seine Kapazitätsgrenze erreicht. Bestatter sorgen sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter.

Benjamin Wolf vom Bestattungsunternehmen Muschter hat Schutzausrüstung für seine Mitarbeiter geordert.
Benjamin Wolf vom Bestattungsunternehmen Muschter hat Schutzausrüstung für seine Mitarbeiter geordert. © Marion Doering

Dresden. Für Benjamin Wolf war es unfassbar. Noch Anfang dieser Woche galten Mitarbeiter von Bestattungsunternehmen nicht als systemrelevant. Damit konnten sie ihre Kinder nicht in die Notbetreuung geben. Doch gerade jetzt, wo in seinem Unternehmen, dem Bestattungsinstitut Muschter, durch die Folgen der Corona-Pandemie deutlich mehr zu tun ist als in vergleichbaren Monaten des Vorjahres, benötigen er und alle anderen sächsischen Bestatter ihre Mitarbeiter dringend, sagt er. Am Dienstag hat das Sozialministerium reagiert. Ministerin Petra Köpping (SPD) sagte, dass nun auch diese Berufsgruppe als systemrelevant gilt.

"Das war längst überfällig", sagt Wolf, der bereits den offenen Brief der Landesinnung der sächsischen Bestatter auf der Facebookseite seines Unternehmens veröffentlicht hatte. Darin ging es um die Systemrelevanz. "Wie schön, dass sich nun etwas geändert hat", sagt der 32-Jährige.

Bei ihm stehen die Telefone derzeit nicht still. In manchen Nächten kommt er erst kurz vor 2 Uhr nach Hause und muss 7.30 Uhr wieder im Büro sein. "Im Vergleich zum Vorjahresmonat haben wir sicher rund 30 Prozent mehr Bestattungen." Momentan muss er auch oft in Pflegeeinrichtungen Verstorbene abholen und erlebt dort, dass das Personal am Limit arbeitet.

Vor wenigen Tagen hat er einen Mann im Heim abgeholt, der an Covid-19 gestorben ist. "Die Witwe saß am nächsten Tag meiner Frau im Bestattungsinstitut gegenüber. Ich wusste, dass sie die letzten 48 Stunden bei ihrem Mann verbracht hat. Zwar in Schutzkleidung, aber in solchen Fällen machen wir uns besonders Sorgen um unsere Gesundheit", sagt Wolf.

Gerade erst hat er neue Schutzkleidung und Desinfektion für rund 1.200 Euro bestellt. "Die benötigen wir jetzt auch sehr dringend."

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Die Dresdner Stadtverwaltung bestätigt, dass es eine erhöhe Sterberate gibt, die als Übersterblichkeit bezeichnet wird. In der Woche vom 9. bis 15. November lag sie den statistischen Berechnungen zufolge in Sachsen bei 27 Prozent. In ganz Deutschland "nur" bei acht Prozent.

Das hat Auswirkungen in vielen Dresdner Bereichen wie im Standesamt oder bei der Einäscherung. Im Krematorium Tolkewitz ist laut Stadt aktuell ein Anstieg von 30 Prozent an Arbeitsbelastung zu verzeichnen. "Wir begrüßen, dass die aktualisierte Corona-Schutzverordnung nun auch für Beschäftigte von Bestattungsunternehmen den Anspruch auf Notbetreuung vorsieht. Von unseren 72 Mitarbeiten im Eigenbetrieb Städtisches Friedhofs- und Bestattungswesen Dresden sind allein zwölf Personen hiervon betroffen", sagt eine Stadtsprecherin.

Kennzeichnung des Sarges als Corona-Infektionsfall

In "normalen" Zeiten, wie November vergangenen Jahres, wurden insgesamt 791 Verstorbene im Krematorium Tolkewitz eingeäschert. Diesen November waren es 1.043. Sie kamen hauptsächlich aus Dresden, Freital, Pirna, Heidenau, Radeberg, Bautzen, Nossen, Kamenz, Hoyerswerda, dem Osterzgebirge sowie der Sächsischen Schweiz. Das sei durchaus üblich, da mit verschiedenen Bestattern aus dem Großraum Dresden zusammengearbeitet wird, so das Rathaus.

Doch das Dresdner Krematorium ist inzwischen an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. Besonders ärgerlich: Einer von insgesamt vier Öfen ist ausgefallen. Seine Reparatur ist für Januar 2021 avisiert, schreibt die Stadtverwaltung auf SZ-Anfrage. Wegen des Ausfalls mussten zuletzt etwa 150 Verstorbene in anderen Krematorien eingeäschert werden, unter anderem in Meißen.

Rechts neben der Feierhalle des Tolkewitzer Krematoriums befinden sich die Öfen, von denen einer ausgefallen ist.
Rechts neben der Feierhalle des Tolkewitzer Krematoriums befinden sich die Öfen, von denen einer ausgefallen ist. © dpa

Auch sicherheitstechnisch muss von den Mitarbeitern einiges mehr beachtet werden. Sie müssen eine FFP2–Maske sowie Schutzkleidung tragen, auch Händedesinfektion ist vorgeschrieben. Der Leichnam von an Covid-19-Verstorbenen werde eingehüllt in zwei formalingetränkte Tücher und möglichst in zwei gut verschließbaren Hüllen aus Kunststoff. Diese Hüllen würden desinfiziert und versiegelt mit einem flüssigkeitsdichten Klebeband. Eine Kennzeichnung des Sarges als Infektionsfall sei nötig, so die Information der Stadt.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Bestatter Wolf hat vom städtischen Friedhofs- und Bestattungswesen Post bekommen. Darin heißt es unter anderem, dass wegen der Kapazitätsgrenzen im Tolkewitzer Krematorium ein Zeitraum von vier Wochen bis zur Einäscherung der Verstorbenen nicht mehr erreicht werden kann.

Diese lange Wartezeit will Wolf den Hinterbliebenen nicht zumuten und weicht auf andere Krematorien aus. "Ich arbeite mit dem Flamarium in Kabelsketal bei Halle zusammen. In Sachsen-Anhalt gibt es nicht eine so hohe Sterberate wie in Sachsen, deshalb ist dort noch Kapazität", sagt er.

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