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Corona in Dresden: "Eine Nuance Entlastung"

Mark Frank koordiniert die Versorgung der Corona-Patienten im Städtischen Klinikum Dresden. Was er zu den mutierten Viren sagt und was er von Lockerungen hält.

Dr. Mark Frank hofft, dass die zweite Welle abebbt, bevor das Frühjahr beginnt. Entscheidend seien die kommenden Wochen, sagt der Leiter der Notfallmedizin am Städtischen Klinikum Dresden.
Dr. Mark Frank hofft, dass die zweite Welle abebbt, bevor das Frühjahr beginnt. Entscheidend seien die kommenden Wochen, sagt der Leiter der Notfallmedizin am Städtischen Klinikum Dresden. © Sven Ellger

Dresden. Flacht die Corona-Kurve langsam ab? Fest steht, dass nicht mehr so viele Neuinfektionen in Dresden gezählt werden wie vor Weihnachten. Dennoch: Pro Tag kommen über 100 weitere Infizierte dazu. Und nach wie vor gibt es wenige freie Intensivbetten in der Stadt. Zeit, um über Lockerungen zu sprechen? Oder ist das angesichts mutierter Viren genau der falsche Weg? Die SZ hat mit Dr. Mark Frank darüber gesprochen. Er koordiniert die Versorgung der Corona-Patienten im Städtischen Klinikum Dresden und leitet die Notfallmedizin in Friedrichstadt und Neustadt.

Herr Dr. Frank, die Zahl der Neuinfektionen geht langsam zurück. Können Sie aufatmen?

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Wir schwanken zwischen Aufatmen und Luftholen. Insbesondere im Normalstationsbereich sehen wir eine Nuance Entlastung. Es ist nicht mehr so, dass wir jeden Tag überlegen müssen, wie wir mit den Bettenkapazitäten über den nächsten Tag kommen. Das hat sich etwas entspannt. Das heißt nicht, dass alle dasitzen und die Füße hochlegen, sondern dass wir mit den Kapazitäten gut zurechtkommen und uns gut um die uns anvertrauten Patienten kümmern können. Das ist mit Vorsicht zu genießen, weil wir viel zu wenig über die neuen Mutationsvarianten wissen. Hier müssen wir vorsichtig sein, damit wir nicht plötzlich von hohen Ansteckungszahlen überrollt werden wie andere Länder.

Und auf den Intensivstationen?

Auf den Intensivstationen sehen wir diese Entlastung nicht. Dort befinden wir uns weiterhin im oberen Grenzbereich.

Wie halten Ärzte und Pflegekräfte das durch?

Wenn Sie sehen, dass ältere Menschen schwer krank sind, sterben oder zu verstehen geben, dass sie das alles nicht mehr möchten – das können Sie als Pflegekraft nicht alles kompensieren. Und noch ist diese Situation nicht vorbei. Es wird Zeit brauchen, bis sich das gesetzt hat. Die ständige Aufmerksamkeit, die nötig ist, um sich, die Patienten und die Angehörigen zu schützen, ist darüber hinaus eine große Herausforderung für uns alle. Ich denke, wir brauchen jetzt Licht am Ende des Horizonts. Das würde unsere Kräfte noch einmal mobilisieren.

Erste Forderungen sind zu hören, die Corona-Regeln zu lockern. Schließlich gehe die Zahl der Neuinfektionen zurück. Wäre das zu früh?

In diesem Augenblick wissen wir zu wenig, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Wenn wir eine Inzidenz von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen haben, und wir mit einer Mutation konfrontiert werden, die – wie in Irland – zu einer Verzehnfachung der Ansteckungszahlen führt, dann würden wir von 200 auf 2.000 Neuinfektionen kommen. Wenn wir aber bei 50 wären, kämen wir bei 500 raus.

Was würde eine Verzehnfachung für die Krankenhäuser bedeuten?

Wenn ich mir überlege, mit welchen Zahlen wir in Dresden und Ostsachsen in den vergangenen Wochen zu tun hatten und wo die Grenze des Leistbaren für alle Krankenhäuser lag, dann wäre bei einer Inzidenz von 2.000 Land unter. Deswegen sollte es das Ziel sein, die Inzidenz so niedrig wie möglich zu bekommen. In der Hoffnung, dass uns die Mutationen am Ende nicht erreichen werden.

Wann wird absehbar sein, in welche Richtung sich die zweite Welle entwickeln wird?

Ich denke, wir müssen jetzt noch ein oder zwei Wochen die Füße stillhalten und die Entwicklung beobachten. Dann werden wir eine bessere Entscheidung treffen können. Zeit ist ein guter Ratgeber. Wohlwissend, dass viele Menschen nicht arbeiten gehen können und dürfen, die finanziell ruiniert sind, das verlieren, was sie über Jahre aufgebaut haben, ihre Angehörigen in den Pflegeheimen nicht besuchen können, nicht wissen, wie es mit ihren Kindern weitergeht. Aber was ist die Alternative?

Allein im Dezember sind 300 Dresdner gestorben, die Covid-19 hatten. Ist das Virus im Vergleich zur ersten Welle tödlicher geworden?

Wenn sich viele Menschen infizieren, kommen auch mehr Menschen in die Krankenhäuser und auf die Intensivstationen. Es werden mehr Menschen einen schweren Verlauf haben, der möglicherweise tödlich endet. Jedoch muss man differenzieren, wenn man sich die Sterbezahlen ansieht. Wir hatten zum Beispiel Menschen, die zu Lebzeiten gesagt haben, bis wohin ihre Therapie gehen soll. Das waren häufig ältere Patienten, die sehr bewusst für sich entschieden haben, beispielsweise nicht auf einer Intensivstation behandelt werden zu wollen. Manche sind gestorben. Sie sind als Corona-Sterbefälle mitgerechnet worden wie diejenigen, für die medizinisch alles getan wurde. Ich denke, das sollte man bei der Betrachtung auseinanderhalten. Deshalb traue ich mir einen Vergleich zur ersten Welle nicht zu.

Sind es hauptsächlich Menschen mit Vorerkrankungen, die Covid-19 nicht überleben?

Natürlich sind die, die alt und vorerkrankt sind, schlimmer betroffen. Aber man kann nicht sagen, es sind nur die Alten, nur die Alten mit Vorerkrankungen oder nur die Jüngeren mit Vorerkrankungen, die sterben. Wir haben aus allen diesen Gruppen betroffene Menschen.

Eine Befürchtung ist, dass Menschen mit anderen Leiden den Arztbesuch meiden, und im schlimmsten Fall sterben, etwa an einem unentdeckten Herzinfarkt. Wie viele Patienten haben sie noch in der Friedrichstädter Notaufnahme?

Bis vor Weihnachten gab es kaum einen Rückgang. Danach haben tatsächlich weniger Patienten die Notaufnahme aufgesucht. Nicht die Masse, aber wir spüren das. Dass die Notaufnahmen aber bewusst gemieden werden, kann ich weder teilen noch kann ich da widersprechen. Das müsste man analysieren. Ich glaube, dass die Pandemie einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen hat. Sie gehen weniger auf die Straße, schonen sich und ernähren sich womöglich gesünder.

Setzen Sie ihre Hoffnungen auf das Frühjahr, auf höhere Temperaturen?

Zwei Dinge werden im Frühjahr passieren. Es wird wieder heller. Das wird unsere Mentalität etwas aufhellen. Und ich hoffe, dass mit der stärkeren UV-Strahlung und den höheren Temperaturen dieses Virus in die Knie gezwungen wird. Aber das ist noch verdammt lang hin. Ich habe die Hoffnung, dass die Ansteckungszahlen schon vorher sinken und wir anfangen können, über stufenweise Lockerungen zu reden.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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