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Corona gegen Grippe - darf man das vergleichen?

Corona ist nicht schlimmer als Grippe, hört man oft. Wirklich? Ein Blick auf die Dresdner Zahlen und eine Antwort darauf, woran man die Gefahr messen sollte.

Auch Grippe-Patienten, deren Infektion einen schweren Verlauf nimmt, müssen mitunter beatmet werden.
Auch Grippe-Patienten, deren Infektion einen schweren Verlauf nimmt, müssen mitunter beatmet werden. © Bodo Schackow/dpa

Dresden. Husten, Fieber, Gliederschmerzen: Auf den ersten Blick haben Grippe und Covid-19 einiges gemeinsam. Wohl auch deshalb werden beide Krankheiten so oft verglichen. Egal, ob damit das Ziel verfolgt wird, für oder gegen die Gefährlichkeit des Coronavirus zu argumentieren - meist werden die Infektions- und Todeszahlen gegenübergestellt. Aber wie sehen diese für Dresden aus? Und wie genau ist solch ein Vergleich, um die Gefährlichkeit beider Viren zu beurteilen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie sehen die reinen Meldezahlen aus?

Tatsächlich gilt die Grippewelle 2017/2018 als die schwerste seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes. In Dresden infizierten sich nachweislich mehr als 4.800 Menschen - fast alle zwischen Januar und April 2018. Bei 22 Dresdnern soll die Infektion mit oder ganz daran schuld gewesen sein, dass sie ihr Leben verloren.

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Betrachtet man nun die Corona-Zahlen zwischen Januar und April des vergangenen Jahres, so stimmt die Behauptung, dass die Erkrankung nicht schlimmer als eine Grippe sei. Bis Ende April war das neuartige Coronavirus bei lediglich 560 Dresdnern nachgewiesen worden. Laut Totenschein starben in dieser Zeit sieben Menschen an den Folgen. Sinnvoll ist dieser Vergleich aber aus mehreren Gründen nicht.

Warum ist ein Vergleich der Meldezahlen nicht sinnvoll?

Zum einen sind nicht alle Grippewellen derart heftig wie die vor drei Jahren. Reichlich 2.500 nachweislich mit Influenzaviren infizierte Dresdner gab es zum Beispiel zwischen Oktober 2019 und April 2020, noch weniger waren es in der Saison davor.

Zum anderen beginnen Grippewellen meistens in den ersten Wochen des Jahres und enden im Laufe des März, manchmal auch erst im April. Zeitraum: etwa vier Monate. Man spricht von einer Saison. Sollte sich das neuartige Coronavirus wie andere Coronaviren ebenfalls saisonal unterschiedlich stark ausbreiten, so tut es dies offenbar in einem ausgedehnteren Zeitraum als Influenzaviren.

In Dresden steigt die Zahl der Neuinfektionen bereits seit Oktober sehr stark. Auch deshalb hinkt ein Vergleich derselben Zeiträume. Betrachtet man das gesamte Jahr 2020, so stehen 2.470 nachgewiesene Influenza-Infektionen mit elf Todesfällen insgesamt 16.287 Corona-Infektionen mit 277 Todesfällen gegenüber.

Wissenschaftlich sinnvoll ist aber auch dieser Vergleich nicht. Denn er basiert auf den reinen Meldezahlen, die wiederum auf Tests beruhen. Das Problem: In vielen Fällen wird nicht auf das Influenzavirus getestet. Ärzte können eine echte Grippe recht zuverlässig anhand der Symptome von einem einfachen, grippalen Infekt unterscheiden.

Ein Testergebnis würde auch kaum etwas an der Therapie ändern - Bettruhe halten und viel trinken. Man muss also davon ausgehen, dass die Meldezahlen nur einen Teil des Influenza-Infektionsgeschehens beschreiben. Demgegenüber ist in der Corona-Pandemie ein recht strenges Testregime verfolgt worden, wodurch viele Corona-Infektionen aufgedeckt werden konnten.

Noch ein weiterer Grund spricht gegen den Vergleich der Meldezahlen. Bei keiner vergangenen Grippewelle sind ähnliche Eindämmungsmaßnahmen getroffen worden wie jetzt bei der Corona-Pandemie. Ohne Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht hätten sich mit Sicherheit mehr Menschen mit dem neuen Erreger, aber auch mit Influenzaviren angesteckt.

Wie lassen sich beide Krankheiten besser vergleichen?

Recht zuverlässig ist zum Beispiel die Zahl der Krankenhauseinweisungen. Sie zeigen, wie oft die Erkrankungen schwere Verläufe nehmen. Die Vergleichbarkeit ist auch deshalb gut, weil Patienten mit akuten Atemwegsproblemen, deren Ursachen unklar sind und auf eine Infektion hindeuten, in Kliniken auf Influenzaviren getestet werden. So wie bei Sars-Cov-2.

Laut dem Dresdner Gesundheitsamt mussten während der heftigen Grippewelle 2018 insgesamt 488 Influenza-Patienten stationär aufgenommen werden. Gefürchtet sind insbesondere Lungenentzündungen. Demgegenüber mussten 2020 insgesamt 976 Corona-Patienten im Krankenhaus versorgt werden - also etwa doppelt so viele wie bei der heftigsten Grippewelle des vergangenen Jahrzehnts. Neben Lungenentzündungen kommt es häufig zu Gerinnungsstörungen, Gefäß- und Organschäden. Über den Riechnerv kann das Virus zudem in das Gehirn gelangen.

Ein ziemlich genaues Bild ergibt sich auch durch einen Blick auf die Intensivstationen. Corona-Patienten müssen häufiger beamtet werden und sterben häufiger. Der Anteil liegt laut RKI bei 22 beziehungsweise 21 Prozent. Für Dresden nannte Uniklinik-Vorstand Michael Albrecht im Dezember eine Sterblichkeit der Corona-Intensivpatienten von 25 bis 40 Prozent.

Dagegen müssen im Schnitt "nur" 14 Prozent der eingewiesenen Grippe-Patienten künstlich beamet werden, 12 Prozent sterben, so das RKI. Die Altersstruktur derjenigen, die stationär behandelt werden müssen, ist dagegen vergleichbar, so das RKI. Im Schnitt sind die hospitalisierten Patienten 81 Jahre alt.

Wahr ist aber auch: Die Mehrzahl der Infektionen - ob mit Influenza- oder Coronaviren - verläuft vielleicht nicht völlig symptomlos, jedoch komplikationslos.

Und wie sieht es mit der Sterblichkeit aus?

Bei der heftigen Grippewelle 2017/2018 starben 0,5 Prozent aller nachweislich Infizierten. In der vergangenen, milderen Saison waren es genauso viele. Durch das Coronavirus starben dagegen bisher 1,7 Prozent aller nachweislich infizierten Dresdner.

Doch auch weil die Zahl der nicht bekannten Infizierten bei beiden Virenarten unbekannt ist und sich aus den Testregimen unterschiedlich viele Nachweise ergeben, ist ein Vergleich anhand der Fallsterblichkeit schwierig. Sie wird laut Robert-Koch-Institut unterschätzt.

Muss Covid-19 nun ernster genommen werden?

Beide Erkrankungen sind ernst zu nehmen, insbesondere wenn sich Patienten mit einem geschwächten Immunsystem und ältere Menschen infizieren. Beide Erkrankungen können bei ihnen schwere und tödliche Verläufe nehmen. Dennoch muss Covid-19 ernster genommen werden - weil die Krankheit neu ist.

"Im Vergleich zum Grippevirus sind wir dem Coronavirus viel schutzloser ausgeliefert", so das sächsische Gesundheitsministerium. So fehle in der Bevölkerung eine Grundimmunität. Außerdem haben bisher nur wenige Menschen eine Corona-Schutzimpfung erhalten.

Dagegen hat jeder Dresdner die Möglichkeit und die freie Wahl, sich gegen die Influenzaviren immunisieren zu lassen. Dies senkt das Erkrankungsrisiko etwa um die Hälfte. Darüber hinaus gibt es gegen Covid-19 bislang keine Medikamente, welche eine Heilung bei schwere Verläufen versprechen.

Bei schweren Grippeverläufen können Ärzte dagegen zusätzlich auf zwei erprobte, antivirale Medikamente zurückgreifen. Als Spinnerei habe er die Aussage anfangs abgetan, Covid-19 wäre nicht mehr als eine gewöhnliche Grippe, so Uniklinikum-Vorstand Michael Albrecht kürzlich im SZ-Gespräch. Angesicht der überfüllten Intensivstationen mache ihn diese Aussage zunehmend nur noch wütend.

Wie hat die diesjährige Grippe-Saison begonnen?

Bisher sind lediglich acht Influenza-Infektionen in Dresden nachgewiesen worden, teilt das Gesundheitsamt mit. Ein Infizierter musste im Krankenhaus behandelt werden. Gestorben ist in dieser Saison noch niemand wegen der Grippe.

Wie kann ich anhand der Symptome eine Grippe von Covid-19 unterscheiden?

Trockener Husten, Halsschmerzen, Fieber und Gliederschmerzen können auf Infektionen mit beiden Virenarten hindeuten. Fieber und andere Symptome treten bei Influenza aber schlagartig auf, weniger plötzlich bei Covid-19, so das Dresdner Gesundheitsamt. Typischer für Covid-19 seien Geruchs- und Geschmacksverlust.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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