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"Mein Sohn liegt oft lethargisch im Bett"

Dresdner Kinder und ihre Familien haben besonders unter der Corona-Pandemie gelitten. Hier erzählen einige von ihnen, was sie belastet.

Viele Teenager verbrachten viel Zeit vor elektronischen Geräten.
Viele Teenager verbrachten viel Zeit vor elektronischen Geräten. © Symbolbild: dpa

Dresden. Lokale waren zu, die meisten Läden geschlossen: In der Pandemie haben wohl alle Dresdner gelitten. Auch und vor allem die Familien. In der jüngsten Sozialausschusssitzung ist nun einstimmig beschlossen worden, weitere soziale Projekte zu finanzieren. "Schon Ende des vergangenen Jahres zeichnete sich ab, dass die Corona-Krise insbesondere im Sozialbereich zu Mehrbedarfen führen wird", sagte Linken-Stadträtin Pia Barkow. Angesichts der damals angespannten Haushaltssituation sei jedoch noch nicht absehbar gewesen, ob es gelingen würde, bei den Haushaltsverhandlungen mehr Geld hinein zu verhandeln. Nun sollen aber zusätzlich je 300.000 Euro für die Jahre 2021 und 2022 zur Verfügung stehen.

In einer Online-Diskussionsrunde mit Linken-Stadträtin Pia Barkow wurde auch klar, wie wichtig der genaue Blick auf die Familien in der Stadt ist. Und die Folgen, die das monatelange Homeschooling und die fehlende Kitabetreuung hinterlassen haben. "Mein 14-jähriger Sohn hatte eh schon so wenig Lust auf Schule und muss immer wieder motiviert werden. Durch das seit Monaten schon andauernde Homeschooling hab ich Angst, dass er dann gar nicht mehr in die Schule gehen wird", berichtete eine Mutter. "Wie sollen wir ihn denn nach diesem Jahr dazu bringen, wieder jeden Morgen früh aufzustehen und in die Schule zu gehen?"

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Eine andere Dresdnerin erzählte, dass sie zwei Kinder im Grundschulalter hat, alleinerziehend ist und unter Depressionen leidet. "Ich bin selbst momentan so mit mir beschäftigt, ich schaff es gar nicht, mich um die Kinder zu kümmern. Ich schaff es einfach nicht. Der Vater kümmert sich so gut wie gar nicht, Unterstützung von woanders bekomme ich auch gerade nicht, alles hängt an mir."

Ein Problem ist für viele Jugendliche auch, dass sie bei den Ansichten ihrer Eltern über das Virus zwischen die Fronten geraten, beobachtet Sozialarbeiter Gerd Relitz von der Laurentius-Kirchgemeinde Dresden-Trachau ab und an. "Die Kinder belastet das, wenn ihre Eltern ins Querdenker-Milieu abdriften", sagt er. Das komme zum Leistungsdruck und den fehlenden Freizeitangeboten in der Pandemie noch erschwerend hinzu.

"Nach der Abiprüfung sind wir alle allein nach Hause gegangen"

Auch in der Diskussionsrunde mit den Dresdner Familien erzählte eine Mutter von solchen Konflikten. "Ich lebe vom Vater meiner 13-jährigen Tochter getrennt und sie lebt abwechselnd bei beiden. Der Vater hat sich seit Beginn der Corona-Krise immer mehr an die Querdenken-Bewegung und deren Einstellungen angenähert, was zu einem großen Konflikt führt." Die Mutter arbeitet im Pflegeheim und hält sich an alle Vorsichtsmaßnahmen, ist auch schon geimpft. "Nun will meine Tochter nur noch beim Vater bleiben, weil er sie von der Schule befreit, solange dort Maskenpflicht gilt."

Die Mutter sagt, sie wisse gar nicht mehr, wie sie an die Tochter herankommen soll. "Ich habe Angst, dass der Vater sie mit all dem Verschwörungszeug vollstopft und die Tochter sich zwischen den beiden Eltern sozusagen entscheiden muss."

Doch auch die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen leidet und litt während der Pandemie. "Mein 14-jähriger Sohn hat vor Corona fünf- bis sechsmal die Woche Sport gemacht, war im Fußballverein, dreimal Training die Woche, Spiele am Wochenende und an den freien Tagen war er oft auch mit seinen Freunden Fußball spielen." Das fiel mit einem Mal komplett weg. Er habe also von jetzt auf gleich überhaupt keinen Sport mehr gemacht, den ganzen Nachmittag freigehabt, seine Freunde nicht mehr getroffen. "Mittlerweile kommt er kaum noch aus seinem Zimmer raus und liegt oft wie lethargisch im Bett und hat zu nichts Lust."

Das beobachtet auch Diana Kotte, Referentin beim Online-Suizidpräventionsprogramm U25 in Dresden. "Wir haben 60 Prozent mehr Beratungsanfragen bekommen." Die Vereinsamung der Dresdner Jugendlichen und jungen Erwachsenen und die psychischen Belastungen würden zunehmen.

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Genau von dieser Einsamkeit berichtet in der Onlinerunde auch eine 18-jährige Schülerin aus Dresden. "Die Abi-Prüfung haben wir in einer anderen Schule in der Turnhalle geschrieben, um den Abstand einhalten zu können. Wir konnten danach noch nicht mal zusammen einen Döner essen gehen. Wir haben also die wichtigste Prüfung unserer Schulzeit geschrieben und sind danach alle allein nach Hause gegangen. Es war überhaupt nicht besonders. Und einsam."

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