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Dresdner Arzt: Corona-Lockerungen voreilig

Der Hausarzt Thomas Pfeiffer engagiert sich in der No-Covid-Initiative. Die Maske müsse zwingend weiter getragen werden, sagt er.

Dr. Thomas Pfeiffer plädiert für das weitere Tragen einer Maske. Sonst seien die nächsten Einschränkungen bald da, sagt er.
Dr. Thomas Pfeiffer plädiert für das weitere Tragen einer Maske. Sonst seien die nächsten Einschränkungen bald da, sagt er. © Sven Ellger

Dresden. Vergangenen Freitag ist die Pflicht zum Tragen einer Maske in Dresdner Schulen, Geschäften, Restaurants und weiteren Bereichen entfallen. Möglich machten das Inzidenzen unter 10, die über mehrere Tage anhielten. Doch die Freude währte nicht lange, schon am Montag und Dienstag stieg die Zahl laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) wieder auf über zehn an, um am Mittwoch erneut auf 7,2 zu sinken. Am Donnerstag liegt sie bereits wieder bei 9,7.

Einer, der schon lange davor warnt, die Corona-Verhaltensregeln zu zeitig zu lockern, ist Dr. Thomas Pfeiffer. Seine Hausarztpraxis im Blasewitzer Ärztehaus gehörte zu den 40 in Sachsen, in denen als Pilotprojekt schon ab März geimpft wurde, weil er darum gekämpft hat. Inzwischen ist Pfeiffer in der No-Covid-Initiative engagiert, deren Strategie auf eine sichere und nachhaltige Wiedereröffnung von Gesellschaften und Volkswirtschaften abzielt. "Das erreichen wir aber nicht, indem wir grundlegende Schutzmaßnahmen vorzeitig zurücknehmen", sagt der Mediziner. Angesichts von über 10.000 Toten im Freistaat, also jedem neunten Toten in der Bundesrepublik, täte Sachsen gut daran, besonders vorsichtig zu agieren.

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Schwindendes Impfinteresse

Derzeit erlebt Pfeiffer wie viele seiner Kollegen, dass sich kaum noch einer impfen lassen möchte. "Wir haben viele offene Termine, aber schwindendes Interesse." Für ihn ist das besonders bitter, hat er doch Patienten mit schweren Covid-Krankheitsverläufen behandelt und solche, die an Long-Covid-Folgen leiden. "Die sind monatelang nicht belastbar und büßen einen Teil ihrer Lebensqualität ein." Betroffen seien vor allem Menschen der Altersgruppe zwischen 30 und 50.

Für Pfeiffer stellt sich nicht nur die Frage, ob bei einer vierten Welle, mit der er im Herbst fest rechnet, das Gesundheitssystem überlastet wäre. "Wir sollten als Gesellschaft auch diskutieren, ob wir es uns leisten können und wollen, an Covid erkrankte Menschen in großer Zahl lange zu behandeln, obwohl es einen guten und sicheren Impfschutz gegen schwere Verläufe der Covid-Erkrankung gibt."

Momentan sei es durch die niedrigen Inzidenzen gut möglich, alle Coronafälle nachzuverfolgen. "Diese Errungenschaft, die durch harte Einschnitte erreicht worden ist, sollten wir nicht leichtfertig wieder hergeben", sagt Pfeiffer. "Wir befinden uns nach wie vor in einer weltweiten pandemischen Notsituation, bis zu deren Ende die Basisregeln Abstand, Hygiene, Lüften und Masketragen gelten müssen."

In einem Brief der No-Covid-Initiative Sachsen an Ministerpräsident Michael Kretschmer haben die Mitglieder dargelegt, wie entsetzt sie sind, dass "vorschnell auch genau die Maßnahmen zurückgenommen wurden, die eine unverzichtbare Voraussetzung für nachhaltig niedrige Inzidenzen und damit für die dauerhafte Öffnung sind." Die Delta-Variante werde bereits in Sachsen übertragen und habe das Potenzial, erneut, wie in Großbritannien zu beobachten, zu exponentiellem Wachstum der Infektionszahlen zu führen. Deshalb seien insbesondere die Maskenpflicht in geschlossenen Räumen und die Weiterführung der Testpflicht in Restaurants, Clubs, Schulen, Kitas und Pflegeeinrichtungen wichtig.

Corona spaltet die Gesellschaft

Doch auch Pfeiffer erlebt, wie Corona die Gesellschaft spaltet, ein bestimmter Teil der Bevölkerung eine Impfung ablehnt oder die Maske prinzipiell verweigert. "Unser gemeinsamer Nenner ist doch, dass wir alle so schnell wie möglich unsere Freiheitsrechte zurückwollen. Deshalb würde uns jetzt helfen, die Schutzmaßnahmen noch ein paar Monate zu ertragen, um Schließungen im Herbst und Winter zu verhindern."

Wie aber erreicht man Menschen, die eine Impfung ablehnen? Das könnte durch zwingend vorgeschriebene tagesaktuelle Tests bei Einkäufen, Museums- oder Restaurantbesuchen klappen, die Nichtimpfbereite aus der eigenen Tasche bezahlen sollten, sagt Pfeiffer. Gleiches könnte auch für Eltern gelten, die ihr Kind aus der Kita oder der Schule abholen wollen. "Das wäre zumindest ein Anreiz, um über eine Impfung nachzudenken." Nicht vorstellbar ist für ihn jedoch eine Impfpflicht. "Jedem sollte klar sein, dass die Impfung nicht nur ihn selbst, sondern auch die Menschen schützt, die sich nicht impfen lassen können, wie zum Beispiel Kinder."

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"Wenn das Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz einen positiven Aspekt hatte, dann ist es die Solidarität, die es hervorgebracht hat", sagt der Mediziner. Er hofft auf eine solche auch in der Dresdner Bevölkerung, um insbesondere Kinder, die im Winter am meisten gefährdet sind, besser zu schützen.

Psychologisch sei mit dem Wegfall der Maskenpflicht ein Fehler gemacht worden. "Das suggeriert uns, alles ist wieder ungefährlich. Und es wird schwieriger, wieder eine Akzeptanz für die Mund-Nasen-Bedeckung zu bekommen", so Pfeiffer.

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