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"Man hört uns nicht, aber wir sind da"

Seit acht Monaten hat der Dresdner Partyveranstalter Roberto Weinhold kein Geld mehr verdient. Warum er trotzdem sein Lachen nicht verloren hat.

Das Deko-Skelett für den "Ball Bizarr" ist in diesem Jahr arbeitslos - genau wie Veranstalter Roberto Weinhold.
Das Deko-Skelett für den "Ball Bizarr" ist in diesem Jahr arbeitslos - genau wie Veranstalter Roberto Weinhold. © Christian Juppe

Dresden. Die Pflanzen auf dem Tisch sind komplett vertrocknet. "Dabei waren das  Kakteen", sagt Roberto Weinhold und gießt noch einmal die traurigen Überreste. Seit Juni war der 37-Jährige nicht mehr hier in seinem Büro auf der Görlitzer Straße in Neustadt. Warum auch?

Normalerweise organisiert er von hier aus mit seinem "Think Pink Kollektiv" kleinere und größere Musikveranstaltungen wie "A Night To Remember", die in diesem Jahr vier Mal steigen sollte, unter anderem im Arteum. Für diesen Freitag war der "Ball Bizarr" im Kraftwerk Mitte geplant, eine schon legendäre Großveranstaltung, die vor sechs Jahren aus einer Fetischparty hervorgegangen ist. 

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Allein hier hätten um die 1.800 Gäste gefeiert. Roberto Weinhold spricht von einem "goldenes Ei", wobei der kleinere Teil seiner Veranstaltungen finanziell so lukrativ ist und er den größeren eher als kulturellen und sozialen Beitrag für die schwul-lesbische Szene in Dresden betrachtet.  Wohlgemerkt: Normalerweise.

Seit Beginn der Corona-Pandemie im März ist an professionell organisierte Tanzveranstaltungen in geschlossenen Räumen nicht mehr zu denken. Selbst im Sommer, als es kaum noch Infektionsfälle gab und die Theater und Konzerthäuser unter strengen Auflagen wieder Besucher empfingen, waren DJs und Partyveranstalter zum Nichtstun verdammt. Roberto Weinhold ist beides. 

Beim "Ball Bizarr" im Kraftwerk Mitte feierten in den vergangenen Jahren regelmäßig weit über 1.000 Gäste.
Beim "Ball Bizarr" im Kraftwerk Mitte feierten in den vergangenen Jahren regelmäßig weit über 1.000 Gäste. © LiPixx.de | Ball-Bizarr.de

"In der öffentlichen Debatte spielt das kaum eine Rolle", sagt er. "Man hört uns nicht, aber wir sind da." Anfang des Jahres stand sein berufliches Schaffen noch auf drei Säulen. 

Die eine waren die Veranstaltungen. Außerdem vermietete er privat ein Zimmer in seiner Wohnung über Airbnb und schließlich fuhr er auch noch für das Fahrdienst-Unternehmen Clever Shuttle. 

Im Frühjahr brachen dann alle drei Säulen zusammen, als Clever Shuttle ihm kündigte und sich aus Dresden zurückzog und er bei sich aus Sicherheitsgründen auch keine fremden Gäste mehr einquartierte.

Seit acht Monaten hat er kein Geld mehr verdient. Die versprochene unbürokratische und schnelle Hilfe über das Jobcenter zog sich hin. 

"In der Realität gab es doch eine Vermögensprüfung und mir wurde klipp und klar gesagt, dass ich erst meine Altersvorsorge nutzen müsse, bevor ich Hilfe bekomme. Da frage ich mich, warum ich in 20 Jahren Selbstständigkeit auf diese Rücklagen hingearbeitet habe." 

Ein Drittel der Summe sei nun bereits aufgebraucht. Das Hartz IV reicht nicht für die Mieten von Wohnung, Büro und Lagerräumen.

Robert Weinhold hätte somit allen Grund, sich in die inzwischen lange Reihe der Kulturschaffenden einzureihen, die die Corona-Maßnahmen für völlig überzogen halten, die mehr Hilfen verlangen und sich von ihrem Frust über ausgefallene Events selbst auffressen lassen. 

Zuletzt hatte Weinhold als Folge der sich zuspitzenden Corona-Krise sogar Probleme, in der Apotheke seine HIV-Medikamente zu bekommen, die er täglich nehmen muss. "Andere würden da sicher schneller Panik bekommen", sagt er, doch Roberto Weinhold hat sein Lachen nicht verloren. 

"Dann werde ich bereit sein"

"Das Virus ist nun mal da und jeder muss sehen, dass er für selbst aus der Situation das Beste macht." Positiv sei für ihn zum Beispiel gewesen, dass er seit dem Frühjahr unheimlich viel Zeit gehabt habe, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. 

In seinem Heimstudio habe er sich in ein neues Programm eingearbeitet und unter seinem Künstlernamen DJ Atimo mehrere Musikprojekte veröffentlicht. Sein Traum ist es, irgendwann mal eine eigene Platte herauszubringen.

"Think Pink" ist dabei nicht einfach nur ein Unternehmen. Es betrachtet sich als "Gemeinschaftskollektiv", das sich der Unterstützung von vor allem in sexueller Hinsicht marginalisierten Menschen verschrieben hat - darunter Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender. 

"Vielen dieser Menschen geben  wir Halt", sagt Roberto Weinhold. Auch und gerade in Corona-Zeiten sei das Netzwerk immer lebendig geblieben. Man koche und diskutiere miteinander - zumindest noch bis Montag. "Dann müssen wir uns was Neues überlegen und das werden wir auch."

Nach Schuldigen für die aktuelle Situation zu suchen, das führe nur zu einer immer größeren Spaltung unserer Gesellschaft, sagt Weinhold. 

Geradezu grotesk sei es, dass gerade die Veranstalter, die seit Monaten um Hygienekonzepte ringen und doch fast alles absagen mussten, zuletzt öffentlich als Schuldige am Anschwellen der zweiten Corona-Welle ausgemacht worden seien. "Die Leute unterscheiden nicht zwischen privaten Feiern und professionell organisierten Veranstaltungen."

Ein Teil des Equipments für seine eigenen Events lagert unterdessen hier im Büro hinter einem beigefarbenen Vorhang, darunter kistenweise Kostüme und Deko für den geplanten "Ball Bizarr".  "Das meiste ist aber in unseren Lagern verstaut und wartet darauf, dass wir in ein zwei Jahren wieder loslegen können." 

In ein, zwei Jahren? "Natürlich. Es ist doch vollkommen unrealistisch, dass es hier im März normal weiter geht." Selbst wenn ein Impfstoff gefunden werde, würde es sicher noch viele Monate dauern, bis die Gesellschaft so weit sei, dass wieder öffentlich getanzt werden dürfe. 

"Dann aber werde ich bereit sein", sagt Roberto Weinhold. Und lächelt. 

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