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Impfen in Dresden: Eine Spritze voller Hoffnung

Erleichterung bei über 1.000 Senioren: Sie haben einen Termin im Impfzentrum erhalten. Doch es gibt auch Skeptiker.

Margarethe Nebe (rechts) ist am Montag eine der ersten über 80-Jährigen, die im Dresdner Impfzentrum gegen Corona geschützt werden.
Margarethe Nebe (rechts) ist am Montag eine der ersten über 80-Jährigen, die im Dresdner Impfzentrum gegen Corona geschützt werden. © René Meinig

Dresden. Dass Margarethe Nebe heute in dem Containerraum in der Halle 4 der Dresdner Messe sitzen darf, hat sie ihren Töchtern zu verdanken. "Es war sehr schwierig, einen Termin zu bekommen. Meine Kinder haben das bewerkstelligt, sie haben einen ganzen Tag dafür geopfert", sagt die ältere Dame mit dem beigefarbenen Strickpullover. Ihre Augen verraten ein Lächeln unter der FFP-2-Maske.

Doch nun ist sie hier, sitzt auf einem Stuhl, neben ihr auf dem Tisch liegen kleine Wattetücher, Pflaster und eine Schale aus Pappkarton. Die Schale ist das Wichtigste. Die unscheinbare Spritze mit dem kleinen Aufkleber, die darin liegt, ist für Menschen wie Nebe in diesen Tagen wertvoller als Gold.

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Lieferengpass bei Biontech - Vorerst keine Termine mehr

Erst ging alles ganz schnell. Drei Tage vor Weihnachten, am 21. Dezember 2020, erteilte die EU-Kommission die Zulassung für den Corona-Impfstoff des Mainzer Biotechnologie-Unternehmens Biontech. Es war ein Lichtblick, der Hoffnung gab, in dunklen Tagen, an denen Dresden mit hohen Fallzahlen und überlasteten Intensivstationen Schlagzeilen machte.

Wenige Wochen später hat das Dresdner Impfzentrum an der Messe bereits geöffnet. Ärzte, Sanitäter, medizinische Fachangestellte und sogar elf Bundeswehrsoldaten stehen auch an diesem Montag Mitte Januar bereit. Bereit, um der ersten Bevölkerungsgruppe eine Perspektive für eine virusfreie Zukunft zu geben. Koordiniert wird das Zentrum vom Deutschen Roten Kreuz (DRK).

Doch just an dem Tag, an dem die ersten über 80-Jährigen in Dresden geimpft werden, ist die Stimmung unter vielen Senioren schon wieder gedrückt. Erst funktionierte das Anmeldeportal für einen Impftermin nicht richtig, dann bekam ein großer Teil die Nachricht, dass wegen Impfstoffmangels keine Termine mehr frei seien.

Für Ulrike Peters, Sprecherin des DRK in Dresden, sind es schwere Tage. Immer wieder bekommt ihr Team Anrufe von verzweifelten Senioren, manche schreien ihre enttäuschten Hoffnungen in den Hörer, andere fragen, ob man sie jetzt einfach sterben lasse.

"Wenn ich den Impfstoff hätte, ich würde ihn jedem sofort geben", sagt Peters. Doch sie kann nicht. Weil Biontech seinen Produktionsort in Belgien erweitert, kann der Hersteller momentan nicht wie geplant liefern. Rund 200 Dosen pro Tag wollte das DRK im Impfzentrum an der Messe eigentlich konstant verspritzen. Jetzt ist die Versorgung so unsicher, dass erstmal keine neuen Termine mehr vergeben werden. Die zweite Impfdosis bekommen aber alle.

Ein DRK-Mitarbeiter ruft die Senioren im Messefoyer zur Impfung auf. Viele haben sehnsüchtig auf den Termin gewartet.
Ein DRK-Mitarbeiter ruft die Senioren im Messefoyer zur Impfung auf. Viele haben sehnsüchtig auf den Termin gewartet. © René Meinig

Margarethe Nebe hat Glück gehabt. Die medizinische Fachangestellte Anne Fischer drückt mit braunen Latexhandschuhen ein Stück Haut am Oberarm zusammen, sticht in die Falte und drückt das mRNA-Natriumchlorid-Gemisch in den Muskel.

Dort macht sich das Eiweiß jetzt auf die Reise durch Nebes Körper und landet später in ihrem Zellplasma. Hier produziert die Zelle dann Antikörper gegen das Coronavirus.

Für die 84-Jährige, die viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, sich momentan aber lieber von ihren Enkeln mit Lebensmitteln versorgen lässt, ist es hingegen nur ein kurzer Weg vom Container zum Wartebereich.

Hier muss sie noch eine Viertelstunde sitzen, bevor ihre Tochter die betagte Dame wieder zurück in ihre Zwei-Raum-Wohnung in der Dresdner Johannstadt bringen kann. Sanitäter werden überwachen, ob es der 84-Jährigen in den Minuten nach der Impfung gut geht.

Dresdner Arzt: Impfstoff für alle Risikogruppen geeignet

Wie Nebe sind auch Inge Aurich und ihre Tochter Irena froh, geimpft worden zu sein. Irena ist noch nicht 80, hat aber Multiple Sklerose und wurde deshalb zusammen mit der 86-jährigen Mutter geimpft. Die Impfung gibt den beiden Frauen auch Hoffnung auf einen vielleicht letzten gemeinsamen Urlaub - am liebsten in der Lüneburger Heide, Bad Schandau würde aber auch reichen, sagen sie.

"Die Leute haben gar keine Ängste, hier kommt nur, wer Lust hat", sagt Assistenzarzt Ron Martin, der normalerweise am Uniklinikum arbeitet. Besorgte Menschen könne er aber gut beruhigen - mit Fakten.

"In die Testgruppen wurden quasi alle Risikogruppen einbezogen", sagt der 31-Jährige mit den zur Seite gegelten Strähnen. "Wenig Kontraindikationen" heißt es in der Fachsprache - das bedeutet, dass der Impfstoff auch für die meisten Menschen mit Vorerkrankungen problemlos ist.

Nur einmal, in der vergangenen Woche, hatte Martin einen Patienten, der von der Impfung so gar nicht überzeugt war, sich aber von seinem Arbeitgeber dazu hatte überreden lassen. Er zählte zur Gruppe der Feuerwehrleute, Pflegekräfte und Sanitäter, die als erste die Chance auf eine Impfung hatten - es aber nicht mussten.

Assistenzarzt Ron Martin klärt jeden Patienten detailliert über die Impfung auf. Er erlebt fast nur Menschen, die sich freuen, die Spritze zu bekommen.
Assistenzarzt Ron Martin klärt jeden Patienten detailliert über die Impfung auf. Er erlebt fast nur Menschen, die sich freuen, die Spritze zu bekommen. © René Meinig

"Wie in allen gesellschaftlichen Bereichen gibt es auch bei uns Menschen, die aus verschiedenen Gründen vorerst nicht geimpft werden möchten. Das respektieren wir", sagt Victor Franke, Sprecher des Diakonissenkrankenhauses.

Auch im städtischen Klinikum gibt es laut Sprecherin Viviane Piffczyk Bedenken bei Mitarbeitern. "Die Impfbereitschaft wurde bisher bei rund 1.800 Mitarbeitern abgefragt. Unter diesen liegt die Bereitschaft sich impfen zu lassen bei 70 Prozent." Die Impfbereitschaft in den Krankenhäusern sei trotzdem hoch. Und bei der Cultus GmbH, die in Dresden mehrere Altenheime betreibt, liege sie laut Chef Matthias Beine bei durchschnittlich 80 Prozent.

Vollständiger Impfschutz sieben Tage nach dem zweiten Termin

"Es gibt keine Konsequenzen für Mitarbeiter, die sich nicht impfen lassen wollen. Zum einen basieren die Impfungen auf reiner Freiwilligkeit, wozu Sanktionen nicht passen würden", so Franke vom Diakonissenkrankenhaus. Darüber hinaus sei in der Patientenbetreuung ohnehin keine Unterscheidung möglich.

"Denn da nicht klar ist, ob geimpfte Menschen Überträger sein können und die Impfwirksamkeit nicht 100 Prozent beträgt, gelten für geimpftes Personal dieselben Hygieneregeln", so Franke. Alle Mitarbeiter müssten im Umgang mit Covid-19-Patienten auch weiterhin die volle Schutzbekleidung tragen.

Gegenwärtig befindet sich auch das Uniklinikum mitten in der Impfkampagne. Aufgrund des Mangels konnte bisher nur ein gewisser Anteil des Personals geimpft werden. Vollständiger Impfschutz besteht erst sieben Tage nach dem zweiten Termin. "Demnach stehen Unterschiede in der Behandlung der Mitarbeiter gegenwärtig nicht zur Diskussion", so das Klinikum.

Inge (links) und Irena Aurich träumen vom nächsten gemeinsamen Urlaub. Dass sie sich impfen lassen wollen, war für sie von Anfang an klar.
Inge (links) und Irena Aurich träumen vom nächsten gemeinsamen Urlaub. Dass sie sich impfen lassen wollen, war für sie von Anfang an klar. © René Meinig

"Manche denken, sie sind bei Amazon Prime"

Skeptiker auf der einen Seite, Impfstoffmangel auf der anderen. Ulrike Peter vom DRK wünscht sich vor allem Geduld und eine positive Einstellung von den Menschen. "Der Impfstoff wurde erst Ende Dezember zugelassen und das unter sehr strengen Prüfkriterien", sagt sie.

Weder dürfe man deshalb erwarten, dass es so schnell Nachschub gebe wie bei Bestellungen im Internet. "Manche Leute denken, sie sind bei Amazon Prime. Andere lauern nur darauf, dass etwas schiefgeht", erzählt sie.

Das sei schade, findet Peters. "Wir können wirklich dankbar sein und uns darüber freuen, dass es einen Impfstoff gibt", sagt sie und läuft zum Check-out, wo mehrere Bundeswehrsoldaten die Unterlagen der Geimpften entgegennehmen.

Margarethe Nebe und auch Inge und Irena Aurich sind da bereits wieder auf dem Nachhauseweg. Und sie haben ein Stück Hoffnung dabei: einen kleinen Zettel, auf dem der nächste Impftermin vorgemerkt ist. In drei Wochen ist es soweit.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

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