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„Die Hausärzte brauchen mehr Impfdosen“

Der Dresdner Hausarzt Klaus Lorenzen impft seit März gegen Corona. Im Interview erklärt er, wie er mit Skeptikern und übrig gebliebenen Dosen umgeht.

In Sachsen dürfen die Hausärzte nach Ostern gegen Corona impfen. Doch die Arztpraxen bekommen nicht genügend Impfstoff.
In Sachsen dürfen die Hausärzte nach Ostern gegen Corona impfen. Doch die Arztpraxen bekommen nicht genügend Impfstoff. © Symbolbild: dpa/Matthias Bein

Dresden. Nach Ostern begannen in Sachsen Hausarztpraxen Patienten gegen Covid-19 zu impfen. Dr. Klaus Lorenzen aus dem Dresdner Stadtteil Langebrück durfte im Rahmen eines Pilotprojektes bereits drei Wochen früher beginnen. Seitdem hat der stellvertretende Vorsitzende des Sächsischen Hausärzteverbandes über 200 seiner Patienten geimpft. Im Interview erklärt er nun, warum die Hausärzte in Sachsen ohne Probleme die Impfzentren mit der Anzahl der Impfungen überbieten könnten. Dabei gibt es nur ein Problem: Sie bräuchten mehr Impfstoff.

Herr Dr. Lorenzen, sind Sie bereits geimpft?

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Ja, ich wurde mit dem Impfstoff von Biontech geimpft. Da ich Anfang Januar Patienten im Pflegeheim geimpft habe, durfte ich mich auch impfen lassen. Ich hätte aber auch darauf verzichtet, da ich im November des letzten Jahres selbst an Covid-19 erkrankt war.

In Ihrer Hausarztpraxis dürfen Sie im Rahmen eines Pilotprojektes seit dem 13. März gegen Covid-19 impfen. Wie ist die Resonanz?

Meine Patienten waren sehr froh und erleichtert. Viele wollten nicht ins Impfzentrum und haben auf die Impfung beim Hausarzt gewartet.

Haben sich auch Freunde und Verwandte bei Ihnen gemeldet?

Anfragen hat es gegeben. Es wäre Quatsch, das zu leugnen. Aber bislang haben wir nach der Priorisierung geimpft.

Impfarzt Dr. Klaus Lorenzen in seiner Praxis, Liegauer Str. 6, Langebrück, Foto: Rene Meinig Honorarfrei für Produkte von Sächsische.de und Sächsischer Zeitung Foto: Rene Meinig
Impfarzt Dr. Klaus Lorenzen in seiner Praxis, Liegauer Str. 6, Langebrück, Foto: Rene Meinig Honorarfrei für Produkte von Sächsische.de und Sächsischer Zeitung Foto: Rene Meinig © René Meinig

Was passiert, wenn jemand nicht erscheint und Impfdosen übrig bleiben?

Wir hatten letzte Woche den Fall, dass ein 18-jähriger Junge mit Morbus-Down-Syndrom zum Impfen angemeldet war. Er wollte sich dann trotz vorherigem Gespräch mit den Eltern nicht impfen lassen. Wir haben aber eine Liste mit Ersatzkandidaten, sodass wir die übrig gebliebene Impfdosis doch noch verimpfen konnten.

Könnte sich jeder Patient auf diese Liste schreiben lassen?

Nein, wir gehen streng nach Priorisierung vor. Wenn aber die Ersatzkandidaten nicht erreichbar sind oder nicht kommen können, dann würde ich auch von der Priorisierung abweichen, um keinen Impfstoff wegwerfen zu müssen. Aber das ist bisher noch nicht vorgekommen.

Wie viele Ihrer Patienten und Patientinnen haben sich bereits impfen lassen?

Insgesamt 210. 180 mit Astrazeneca und 30 mit Biontech.

Impfungen im Anschluss an die Sprechstunde

Wie lang ist die Warteliste?

Wir bekommen täglich neue Anfragen, aber wir haben von Anfang an gesagt, dass wir bei unseren Patienten anrufen und sie zum Impfen bestellen. Ich muss dann schauen, welcher Impfstoff für welchen Patienten geeignet ist. So nehme ich auch eine Priorisierung innerhalb der impfberechtigten Personen vor. Das müssen wir sehr genau planen, weil wir nicht innerhalb der laufenden Sprechstunde impfen können. So bestellen wir uns, je nach Impfstoffmenge, Patienten in die Praxis und impfen dann hintereinander.

Warum können Sie nicht während der Sprechstunde impfen?

Bei den Corona-Impfstoffen muss ich die Spritzen aufziehen und innerhalb kurzer Zeit verimpfen. Deswegen bestellen wir die Patienten im Fünf-Minuten-Takt im Anschluss an die eigentliche Sprechstunde. Zum Vergleich: Bei der Grippeimpfung bekomme ich einzelne Fertigspritzen und kann diese länger lagern.

Wie viele Menschen können Sie pro Tag derzeit in Ihrer Praxis impfen?

Gut 20. Das funktioniert aber nicht an jedem Tag, da es manchmal auch Notfälle gibt. In der Woche sind es deswegen vielleicht 50 bis 60 Impfungen. Wenn das aber alle Hausärzte in Sachsen machen, summiert sich die Zahl schnell und wir könnten ohne Probleme die Impfzentren mit der Anzahl der Impfungen überbieten.

Bisher impfen aber noch nicht alle niedergelassenen Ärzte. Warum?

Ich kann darüber nur mutmaßen. Vielleicht haben nicht alle Ärzte die Räume, die Lagermöglichkeiten und das Personal, um gegen Corona zu impfen. Aber ich finde, dass die Quote gar nicht so schlecht ist. Denn derzeit impfen rund 1.800 von 2.600 Hausärzten.

„Astrazeneca ist ein guter Impfstoff“

Die Impfzentren impfen sieben Tage die Woche. Sie auch?

Wir haben auch schon an einem Sonnabend geimpft. Aber ich kann meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie meine eigene Kraft nicht überstrapazieren. Wenn wir also durchgängig an fünf und manchmal auch an sechs Tagen impfen, können wir genügend Impfungen anbieten. Vorausgesetzt wir bekommen ausreichend Impfstoff.

Sollten Hausärzte mehr Impfdosen erhalten?

Das schlage ich vor. Wir können mehr Patienten impfen als bisher. Ich habe noch Impfstoff aus der Pilotphase und kann deswegen mehr Impfungen anbieten als ein Teil meiner Kollegen. Diese sind auf die jetzigen begrenzten Lieferungen angewiesen.

Und diese werden ab der nächsten Woche weiter begrenzt.

Ich kann es auch nicht nachvollziehen, warum wir Hausärzte derzeit so wenig Impfstoff erhalten. Wenn mehr Arztpraxen impfen sollen, dann müsste man sie eigentlich fragen, wie viel Impfstoff sie brauchen, und diesen dann auch liefern.

Auf der anderen Seite bekommt ein Hausarzt aus Kesseldorf den Impfstoff von Astrazeneca nicht los. Wie passt das zusammen?

Ich kann die Situation meiner Kollegen schwer beurteilen, sondern nur für mich sprechen. Ich habe von Anfang an Werbung für Astrazeneca gemacht. Es ist ein guter Impfstoff. Er ist viel besser als sein Ruf, er ist wirksam. Es gibt eigentlich keine logische Begründung dafür, diesen Impfstoff nicht in der Arztpraxis zu verwenden.

Thrombose-Risiko steigt bei bestimmten Personengruppen

Wie skeptisch sind Ihre Patienten gegenüber Astrazeneca?

Natürlich gab es auch Impfinteressenten, die sich auf keinen Fall mit Astrazeneca impfen lassen wollten. Aber das sind Einzelfälle. So hat vor Kurzem ein Ehepaar eine Impfung abgelehnt. Er ist 80 Jahre alt, sie 79. Das ist eigentlich der Klassiker für Astrazeneca.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe das Gespräch gesucht und erklärt, dass dieser Impfstoff geradezu prädestiniert für sie ist. Uns Hausärzten fällt es leichter, Vertrauen zu den Patienten aufzubauen und Vorurteile gegenüber dem Impfstoff abzubauen. Sie sind bei uns schon längere Zeit bekannt, wir kennen ihre medizinische Vorgeschichte, kennen Risikofaktoren.

Sachsen hat nun Astrazeneca für alle freigegeben. Wie groß schätzen Sie denn die Gefahr einer solchen Nebenwirkung ein?

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Sie ist derart selten. Würde man alle 500.000 Dresdner impfen, würde es laut dem derzeitigen Untersuchungsstand nur einen Thrombose-Fall geben. Aber natürlich erhöht sich bei bestimmten Personengruppen das Thrombose-Risiko. Ich würde zum Beispiel keine 25-jährige Krankenschwester, die entweder die Pille nimmt, einen Kinderwunsch hat oder raucht, mit Astrazeneca impfen.

Das Gespräch führte Timotheus Eimert.

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