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Dresden: Doch Masken-Protest im Bioladen

Die Gegner der Corona-Regel bei der Verbrauchergemeinschaft waren in einem der Läden. Wieso sie nicht gesehen wurden und ihr Protest nicht überraschend war.

Die Polizei hat die Maskengegner im VG-Laden in der Dresdner-Neustadt nicht gesehen. Sie waren trotzdem da.
Die Polizei hat die Maskengegner im VG-Laden in der Dresdner-Neustadt nicht gesehen. Sie waren trotzdem da. © Archiv/Sven Ellger

Dresden. Sie waren da, aber niemand hat sie bemerkt. Die Polizei nicht, der Vorstand der Verbrauchergemeinschaft Dresden (VG Dresden) nicht und viele Kunden auch nicht. Die Maskengegner haben sich nicht zu erkennen gegeben, aber ihre Nachricht kam trotzdem an.

Sie haben Handzettel im VG-Laden an der Fritz-Reuter-Straße hinterlassen. Sie lagen in den Warenregalen und erst auf den zweiten Blick waren die Absender zu erkennen. "Beim ersten flüchtigen Lesen sahen sie aus wie Flyer von der Verbrauchergemeinschaft", sagt Peter Jacobi, einer der VG-Vorstände, "sie waren nett gehalten, der Ton war nicht aggressiv."

Doch der Text hatte es in sich. Thema war die für alle geltende Maskenpflicht in den sieben Dresdner VG-Läden, die seit dem vergangenen Montag gilt. Sie wurde eingeführt, weil bis dahin zu viele Menschen ohne Masken zum Einkaufen gekommen waren und dafür Atteste vorwiesen, deren Echtheit zunehmend angezweifelt wurde.

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Auch, wer aus medizinischen Gründen keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen könne, sei Teil "unserer vielfältigen Gesellschaft" und leide unter der derzeitigen Situation häufig mehr als andere, war auf den Handzetteln zu lesen.

Einmal musste die Polizei eingreifen

"Es geht um Inklusion und Menschenwürde." Anders als in den neuen VG-Regeln vorgesehen sollten diese Menschen auch künftig selbst in den Läden einkaufen dürfen, erklärten die Verfasser und forderten dazu auf, seine Meinung zu diesem Thema dem VG-Vorstand kundzutun.

Erst die Kontaktmöglichkeit der Verfasser unter dem Text zeigte, wer die Handzettel verteilt hat. Dort stand die Adresse der Internetgruppe, in der sich die Maskengegner für ihre Aktion am Sonnabend verabredet hatten. Eine geschlossene Gruppe, bei der allein die Administratoren entscheiden konnten, wer mitlesen und -schreiben darf.

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Die Mitarbeiter des Ladens und der VG-Vorstand haben die Handzettel eingesammelt. Seitdem ist es ruhig, sagt Jacobi. Auch dank der Security-Mitarbeiter, die inzwischen den Zugang in die Geschäfte kontrollieren.

"Es gab einige Diskussionen mit Leuten, die ohne Maske rein wollten, aber das hat der Wachdienst professionell abgewehrt." Nur einmal habe in der zu Ende gehenden Woche in Strehlen die Polizei eingreifen müssen. "Am Ende war auch das kein Problem".

Sozialpsychologe: Ökologisch ist nicht gleich aufgeklärt

Unterdessen sind knapp ein Dutzend VG-Mitglieder wegen der neuen Maskenregel aus der Genossenschaft ausgetreten. Die Begründungen entsprächen in allen Fällen den üblichen Argumenten von Gegnern der Maskenpflicht, sagt Jacobi, der im VG-Vorstand für den Gesundheits- und Arbeitsschutz zuständig ist. Die Rede sei von Einschränkungen der persönlichen Freiheit, und die Wirksamkeit der Masken werde angezweifelt.

Dass Kritik an der Maskenpflicht unter den VG-Mitgliedern ein Thema ist und sogar öffentlicher Protest dagegen organisiert wurde, findet Oliver Decker "nicht überraschend."

Der 53-jährige Universitätsprofessor aus Leipzig ist Sozialpsychologe und leitet das "Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung" an der Universität Leipzig. Er untersucht unter anderem gesellschaftliche Transformationen und wie sich dabei Vorurteile verbreiten.

Decker sieht eine "ideologische Querverbindung" zwischen den Themen bewusste Ernährung und Selbstfürsorge einerseits und "antimodernen Reflexen" andererseits.

Ressentiments wie bei Impfgegnern

Eine ökologische Bewegung sei nicht automatisch eine aufgeklärte Bewegung. Wer Dinge wie die "Reinheit der Natur, das Ursprüngliche" wichtig finde, könne sich von Eingriffen wie denen bedroht fühlen, die jetzt mit und durch Corona eine Rolle spielen. Das heißt, Protest gegen die Maskenpflicht kann eine Reaktion auf diese Bedrohung sein.

Der Leipziger Professor spricht sogar von "Ressentiments überhaupt gegen Modernität", das finde man auch bei den Impfgegnern.

Gegenüber der Corona-Politik und den Corona-Regeln sind sie für ihn durchaus ein Thema bei Menschen, denen Regionales, Bioprodukte und ökologische Landwirtschaft wichtig sind.

Der Demokratieforscher aus Leipzig fügt aber hinzu: "Es gibt gute Gründe, gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren und zum Beispiel die Organisation der Impfungen kritisch zu hinterfragen." Wichtig sei dabei aber das Motiv für die Kritik.

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