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Der Mann hinter der "Querdenken"-Eskalation

Bundesweit kursieren Bilder der teils gewaltbereiten Demo in Dresden. Marcus Fuchs, ein Mann, der bis zur Pandemie kaum aufgefallen ist, steckt dahinter.

Marcus Fuchs, Kopf von „Querdenken 351“ und früher Kreiselternratvorsitzender in Bautzen.
Marcus Fuchs, Kopf von „Querdenken 351“ und früher Kreiselternratvorsitzender in Bautzen. © SZ/Theresa Hellwig, Rene Meinig

Dresden. Wut und Häme begleiten die maskenlose Masse. Die Dresdner Devrientstraße zwischen Haus der Presse und Maritim-Hotel wird zum Becken pöbelnder Menschen, die sich illegal versammeln. Einige werden im Lauf des Tages Polizisten würgen, schlagen und treten.

Von der Polizei heißt es: „Normalerweise hat die Anmelderin ein Mobilisierungspotenzial von 20, 30 Leuten.“ Das bezieht sich auf die Versammlungsleiterin der "Heidenauer Wellenlänge" - diese Versammlung wird zur Ersatz-Veranstaltung für "Querdenken 351". An diesem Samstag ist es deshalb anders. Bundesweit werden Bilder aus Dresden kursieren. Hinter dem Aufmarsch steckt ein Mann, der bis zur Pandemie kaum aufgefallen ist.

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Marcus Fuchs, Vater, studierter Wirtschaftsinformatiker, Webdesigner und früherer Kreiselternsprecher, mobilisiert seit 2020 die Massen. Der 36-Jährige aus Arnsdorf ist Sprecher des Dresdner „Querdenken“-Ablegers. Im Oktober folgten seinem Aufruf unerwartet 5.000 Menschen. Für den 13. März hat Fuchs wie im Dezember eine Veranstaltung angemeldet, für die er aufgrund des Infektionsrisikos keine Erlaubnis erhielt. Während die Polizei damals die Lage weitgehend im Griff behielt, wirkten die 1.800 Kräfte diesmal überfordert. „Es hätte auch friedlich ablaufen können, wenn man die Versammlung nicht verboten hätte“, kommentiert Fuchs. „Aber die Stadt wollte es ja nicht. Jetzt haben sie die Quittung dafür geliefert bekommen.“

Polizisten und Demonstranten am Sonnabend auf der Magdeburger Straße in Dresden.
Polizisten und Demonstranten am Sonnabend auf der Magdeburger Straße in Dresden. ©  Sebastian Kahnert/dpa (Archiv)

Seinen Weg in die Öffentlichkeit fand Fuchs zu Beginn der Pandemie, als Vorsitzender des Kreiselternrates in Bautzen. Als die Schulen schließen mussten, schrieb er der Regierung offene Briefe, erst mit Forderungen und Gedanken, die wohl viele Eltern bewegten. Später forderte er die Öffnung der Schulen, sorgte sich um Folgen für Kinder. Dann kippte es. Im Oktober veröffentlichte Fuchs einen weiteren offenen Brief, forderte unter anderem ein Maskenverbot für Kinder. Parallel wurde sein Engagement bei „Querdenken“ bekannt; er erklärte, einer von vier Gründern der Dresdner Ortsgruppe zu sein.

Fast eine Viertelmillion Unterstützer

Immer wieder suchte er von da an die Öffentlichkeit; verbreitete auf Facebook Falschnachrichten vom Tod eines Kindes, schrieb von Corona-Faschismus, stellte die Pandemie infrage. Dass er viele Leute erreicht, zeigte auch eine Petition gegen die Neuauflage des Infektionsschutzgesetzes, für die er binnen weniger Tage 230.000 Signaturen sammelte. Videos zeigen ihn kurz darauf auf der „Querdenken“-Demo am 18. November in Berlin. Er läuft neben dem Bautzener AfD-Bundestagsabgeordneten Karsten Hilse und erklärt, die Unterschriftenliste dem Bundestag übergeben zu wollen. Es ist jener Tag, an dem Demoteilnehmer im Bundestag Politiker bedrängten, eingeschleust durch AfD-Abgeordnete.

Fuchs hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) zu attackieren. Bei den montäglichen Versammlungen von „Querdenken 351“ wirft er ihnen vor, Grundrechte zu missachten. Dort dürfen am „offenen Mikrofon“ alle vor Publikum sprechen – Mütter wie Reichsbürger. Dazwischen heizt Fuchs die überschaubare Menge an. Mit Blick auf Eskalationen bei anderen „Querdenken“-Versammlungen mit Hooligans, Rechtsextremen und neurechten Schlägern sagte er: „Diese Personen will ich nicht bei meinen Versammlungen haben.“ Er lehne Gewalt in jeder Form ab, sagt Fuchs – doch bezeichnet die Ausbrüche vom Wochenende als „Quittung“, gerade so, als wären sie folgerichtig.

Fuchs rief zum "Einkaufen" auf

Dem Mann, der mit seinem zweifelnden Blick und der apathischen Stimme auf den ersten Blick etwas unsicher wirkt, verleiht das Podium sichtlich Selbstbewusstsein. Bei der Vorbereitung der bisher gescheiterten Großversammlungen blüht er auf, genauso am Mikrofon, wo er euphorisiert zu sein scheint von den Menschen, die nachsprechen, was er skandiert.

Zum 13. März zeigt Fuchs sich „empört“, dass die Stadt ihm keine Versammlung mit 5.000 Teilnehmern erlaube. Es wirkt bewusst, dass er Anträge auf einstweilige Anordnungen gegen das Verbot bei den Gerichten zeitlich so platziert, dass am Demotag die Entscheidung noch aussteht. So lassen sich Teilnehmer weiter mobilisieren. Vergangene Woche rief er auf, am Samstag „einkaufen“ zu gehen, damit man möglichst schnell zur Versammlung kommen könne, falls sie erlaubt werde. Das Vorhaben geht auf. Die geplante Demo am Königsufer findet nicht statt. Dafür strömen die Massen auf die einzige erlaubte Veranstaltung, zu der die vor Gericht bekannte Rechtsextremistin Madeleine Feige aufgerufen hat.

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Während die ausufernde Masse in Richtung Altstadt und Friedrichstadt zieht, steht Fuchs in sicherer Entfernung zu dem Geschehen. Hinter seinem Kopf blinken Blaulichter. Er klagt per Video über das Polizeiaufgebot. In Dresden eskaliert die Gewalt. 943 Ordnungswidrigkeiten und 47 Straftaten zählt die Polizei. Fuchs fährt derweil nach Chemnitz. Dort gebe es eine andere angemeldete Demo, kündigt er an. Seither ist er für Fragen der SZ nicht erreichbar.

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