merken
PLUS Dresden

"Wir haben keine Maßnahmen verzögert"

In Dresden steigen die Infektionszahlen immens. Warum hat die Stadt die Corona-Regeln nicht schon eher verschärft? Ein Gespräch mit der Sozialbürgermeisterin.

Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann.
Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann. © Sven Ellger (Archiv)

Dresden. Fünf Tage lang musste die Sieben-Tage-Inzidenz über 200 klettern, damit Dresden schärfere Corona-Regeln anordnete - drei Tage vor dem sachsenweiten, harten Lockdown am kommenden Montag. Hat die Stadt wertvolle, ja lebenswichtige Zeit verschenkt?

Hätte sie nicht, wie schon im Frühjahr, eine Allgemeinverfügung erlassen können, selbst wenn diese von der vereinbarten Linie mit dem Freistaat abweicht? Im Gespräch mit der SZ erklärt Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) das Vorgehen der Stadt, ihre Erkenntnisse über illegale Glühwein-Partys sowie den Einsatz von Schnelltests in Pflegeheimen.

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Frau Dr. Kaufmann, am Freitag meldete das Gesundheitsamt insgesamt 559 neue Infizierte. Fast alle sind schon vor mehreren Tagen positiv getestet worden. Warum erfahren die Dresdner erst jetzt von diesen Fällen?

Es gibt immer mehr Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet werden. Wir haben inzwischen eine Durchseuchung in allen Stadtteilen und allen Bevölkerungsschichten. Das bedeutet natürlich großen Aufwand. Inzwischen gelingt es uns, die Daten schneller zu erfassen, auch nachzuerfassen. Das Hauptproblem ist aber die immense Zahl der Kontaktpersonen, die ermittelt werden müssen.

Wie viele sind das genau?

Laut unserem Gesundheitsamt hat ein Infizierter immer noch zwischen 10 und 20 enge Kontakte, die sich in Quarantäne begeben müssen. Das heißt, für 100 Infizierte müssen im Schnitt 1.500 Kontakte ermittelt werden. Vor zwei, drei Wochen hatten wir noch im Schnitt 20 Kontakte pro Infizierten. Die Dresdner haben also durchaus schon ihre Begegnungen reduziert.

Das sind immer noch viele Kontakte. Wo finden diese statt? Wo infizieren sich jetzt noch so viele Menschen?

Die meisten Infektionen finden im privaten und beruflichen Umfeld statt. Ein Beispiel: Viele halten sich zwar akkurat an die Hygieneregeln im Unternehmen, treffen sich dann aber doch zum Essen oder Schwatzen in der Teeküche. Das ist ein Beispiel. Wo genau sich die Menschen infiziert haben, bleibt für uns mehr oder weniger unentdeckt. Hinweise auf geheime Partys oder illegale Glühwein-Treffen haben wir zumindest nicht. Das ist gut. Aber die schiere Masse bringt uns trotzdem in eine Situation mit unglaublich vielen Fällen.

Die Schulen waren in den vergangenen Wochen keine Hotspots?

Obwohl am Freitag mehr als 80 Schulen und 50 Kitas von Corona-Infektionen betroffen waren, gab es dort kaum Sekundärinfektionen. Hin und wieder steckt sich in Schulen und Kitas mal die beste Freundin oder der beste Freund an, aber eben relativ selten. Der Großteil der Infektionen ist aus dem familiären Umfeld in die Einrichtungen getragen worden.

Haben Sie denn zusätzliches Personal für das Gesundheitsamt bekommen?

Für das Gesundheitsamt arbeiten derzeit zusätzlich 25 Mitarbeiter aus anderen Ämtern, 17 Studierende von der Verwaltungshochschule Meißen sowie 20 Soldatinnen und Soldaten. Die Kameraden und Kameradinnen sind erst einmal bis Mitte Januar bei uns. Wir haben die Bundeswehr gebeten, sie uns bis Ende März zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sind bei uns 35 Kollegen des Freistaates eingeteilt.

Außerdem erhält das Gesundheitsamt aus anderen Bereichen der Stadtverwaltung Verstärkung. Das Bürgerbüro in Pieschen wird deshalb ab Montag geschlossen. Die Mitarbeiter werden dann für die Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt tätig werden. Weitere Kollegen aus anderen Sachbereichen der Landeshauptstadt werden folgen. Warum ganze Sachbereiche? Dort haben wir Teams, die schon gut miteinander zusammengearbeitet haben.

Bereits vor einer Woche hatte das Städtische Klinikum veranlasst, dass keine neuen Corona-Patienten mehr aufgenommen werden. Die Kapazitäten waren für mehrere Tage erschöpft. Warum hat die Stadt nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt die Corona-Regeln verschärft?

Als die Corona-Schutzverordnung Anfang Dezember in Kraft trat, haben sich die Städte und Landkreise zusammen mit dem Freistaat gemeinsam darauf verständigt, ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 an fünf aufeinanderfolgenden Tagen die Maßnahmen zu verschärfen. Wir haben das gemacht, damit alle Städte und Kreise einheitlich vorgehen. Denn für Bürger in anderen Landkreisen ist es völlig unverständlich, dass ständig andere Restriktionen gelten, wenn sie die Kreisgrenze überqueren. Die Botschaft lautete damals: Keep it simple – Halte es einfach. Wir haben uns davon versprochen, dass der Bürger die Maßnahmen am Ende auch umsetzt und verinnerlicht, und nicht von vornherein die Hände hebt und sich gar nicht daran hält. Wir brauchen keine weiteren lokalen Allgemeinverfügungen, keine Patchwork-Maßnahmen, sondern ein einheitliches Vorgehen, damit die Bürger das alles noch nachvollziehen können.

Kritik gab es auch daran, dass plötzlich nicht mehr die Sieben-Tage-Inzidenz des Gesundheitsamtes galt, sondern die des Robert-Koch-Instituts, die mit einigen Tagen Verzögerung die Dresdner Zahlen widerspiegelt. Sollten damit schärfere Maßnahmen hinausgezögert werden?

Ganz klar: Nein, wir haben keine Maßnahmen verzögert. Die Corona-Schutzverordnung des Freistaats hat ganz konkret nur den Wert des Robert-Koch-Instituts als maßgebend festgelegt. Uns ist bewusst, dass dieser Wert zeitlich verzögert das Infektionsgeschehen in Dresden zeigt. Aber er beinhaltet mehr nachgetragene Fälle und ist dadurch weniger von der Überlastung der Gesundheitsämter beeinflusst. Darüber hinaus stellt der RKI-Wert eine einheitliche Bemessungsgrundlage für weitere Maßnahmen in allen Städten und Kreisen dar.

Haben Corona-Schnelltests inzwischen auch die städtischen Pflegeheime erreicht, damit Bewohner ohne Risiko Besuch bekommen können?

Etwa ein Drittel der rund 60 Pflegeheime in Dresden ist mit Stand vom Freitag von Corona-Infektionen betroffen. Das ist ein Alarmzeichen. Das bedeutet, dass ganze Wohnbereiche unter Quarantäne gestellt und Bewohner isoliert werden. In den Heimen werden 30 Tests pro Bewohner und Monat kostenfrei angeboten. Das wird auch intensiv genutzt. Die städtische Cultus gGmbH mit ihren Heimen ist gut gerüstet. Sie hat sehr viele Tests geordert, zehntausende. Die Bewohner werden regelmäßig getestet. Außerdem ist es so gestaltet, dass sich Angehörige für Besuche anmelden können. Dann wird ein Test gemacht, das dauert 20 Minuten. Damit können wir Besuche ermöglichen und Bewohner vor Einsamkeit schützen. Das Schlimmste wäre es, sie zu isolieren. Das sind böse Erfahrungen, die man deutschlandweit gemacht hat. Insbesondere demenzkranke Menschen verstehen das nicht. Die Einrichtungen, die Stadtverwaltung und ihre Partner tun alles dafür, um die schwierige Situation so gut wie möglich zu meistern.

Meistgelesen zum Coronavirus:

Weiterführende Artikel

Dresdens neue Corona-Regeln ab Montag

Dresdens neue Corona-Regeln ab Montag

Das Gesundheitsamt meldet auch am Sonntag über 200 Neuinfektionen. Nun gibt es strengere Maßnahmen.

Dresdens OB: "Virus verflucht ernst nehmen"

Dresdens OB: "Virus verflucht ernst nehmen"

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert beantwortete im Livestream Fragen der Bürger zu Corona. Dabei forderte er sie auf, ein "ruhiges" Weihnachtsfest zu feiern.

Dresdens neue Corona-Regeln ab Samstag

Dresdens neue Corona-Regeln ab Samstag

Bevor Sachsen in den harten Lockdown geht, verschärft Dresden die Corona-Maßnahmen noch einmal. Was am Wochenende erlaubt ist und was nicht.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden