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Sport

„Jede Bewegung ist besser als nichts machen“

Der Sportmediziner Axel Klein spricht im Interview über die Folgen des anhaltenden Sport-Lockdowns in Sachsen – und was man dagegen tun kann.

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„Training im Freien“, sagt Axel Klein, „das müsste geimpft, genesen und getestet möglich gemacht werden.“
„Training im Freien“, sagt Axel Klein, „das müsste geimpft, genesen und getestet möglich gemacht werden.“ © dpa/Robert Michael

Herr Doktor Klein, ist der Sport, oft bezeichnet als schönste Nebensache der Welt, der größte Verlierer der Corona-Pandemie?

Mit solchen Aussagen wäre ich vorsichtig. Sport ist und bleibt, wie Sie sagen, ein Freizeitvergnügen. Aber ja, bezogen auf den Breitensport kann man schon zu der Einschätzung kommen, ohne gleich von Verlierern zu sprechen. Dass dieser Bereich allerdings seit Wochen erneut sehr große Einschränkungen in Kauf nehmen muss, steht außer Frage. Dabei heißt es vollkommen zu Recht immer wieder: Bewegung ist wichtig.

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Was sind die Konsequenzen des offensichtlichen Bewegungsmangels?

Die gesundheitlichen Folgen sind auf lange Sicht natürlich schwer abzuschätzen. Für diejenigen, die jetzt drei Kilogramm zunehmen, steigt selbstverständlich auch die Wahrscheinlichkeit, in zehn Jahren an Diabetes zu erkranken. Bewegung ist schließlich ein zwingender Grundbestandteil, um Zivilisationskrankheiten entgegenzuwirken und den Bewegungs- und Stützapparat in Gang zu halten. Zumal wir uns schon vor Corona viel weniger, als aus gesundheitlicher Sicht gewünscht, bewegt haben. Das Tückische daran: Übergewicht, Bluthochdruck und Zucker tun nicht weh, die Folgen treten erst zeitverzögert auf. Aus orthopädischer Sicht nehmen durch den Bewegungsmangel unter anderem auch Rückenschmerzen zu, nur ist auch das alles derzeit nicht akut – und wird deshalb nicht zuletzt auch von den politisch Verantwortlichen weit weggeschoben.

Was jetzt schon feststeht: Speziell Kinder und Jugendliche wenden sich vom Sport ab. Rund 13.000 sind laut Landessportbund in Sachsen vor einem Jahr aus Vereinen ausgetreten, das waren 60 Prozent aller Austritte. Die demnächst zu erwartenden neuen Zahlen dürften noch dramatischer ausfallen.

Kinder und Jugendliche sind am meisten betroffen. Sie leiden zwar nicht körperlich, aber ihnen wird wichtige motorische und auch geistige Entwicklungszeit geraubt. Es gibt klare Studien aus den unterschiedlichsten Bereichen, Kinderheilkunde, Psychiatrie, Orthopädie, und alle besagen das Gleiche: Das Bewegungsangebot gerade für Kinder und Jugendliche ist dramatisch zurückgegangen und die Folgen sind fatal. Selbst in den Schulen ist ja oftmals der Sport die erste Unterrichtsstunde, die ausfällt – weil Turnhallen nicht benutzt werden sollen. Man könnte auf Sportplätze ausweichen, doch das ist dann meist von der Schule oder den Eltern nicht gewollt. Für mich ist allerdings auch schwer nachvollziehbar, dass Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre laut sächsischer Corona-Schutzverordnung trainieren dürfen, die 16- bis 18-Jährigen aber nicht. Überhaupt Training im Freien, das müsste geimpft, genesen und getestet möglich gemacht werden. Die Ansteckungsgefahr ist dabei nachweislich sehr gering. Prinzipiell lässt sich feststellen: Die körperliche Leistungsfähigkeit sinkt rapide, und das in allen Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten.

Der Sportmediziner Axel Klein aus Dresden ist Facharzt für Orthopädie sowie Unfallchirurgie und seit 2013 zudem Vorsitzender des Sächsischen Sportärztebundes.
Der Sportmediziner Axel Klein aus Dresden ist Facharzt für Orthopädie sowie Unfallchirurgie und seit 2013 zudem Vorsitzender des Sächsischen Sportärztebundes. © Archiv: Ronald Bonß

Der Präventionscharakter des Sports, das moniert insbesondere auch der Landessportbund, wird gerade jetzt in einer gesundheitlich kritischen Lage völlig ignoriert. Was sagen Sie?

Es gibt diesen Werbespot von der Bundesregierung mit einem Mann, der sich auf die faule Haut legt und nichts macht, um Kontakte zu minimieren und sich vor Corona zu schützen. Aus gesundheitlicher Sicht ist das die falscheste Aussage überhaupt. Momentan geht es ausschließlich um Kontaktreduzierung und Impfen, für mich ohne Frage ganz entscheidend. Doch aus meiner Sicht müssen die Menschen auch animiert werden, etwas für sich und ihre Gesundheit zu tun. Es geht darum, der Pandemie auch aktiv zu begegnen. Stattdessen wird das allgemein bekannte 10.000-Schritte-Ziel pro Tag, das wirklich eine sehr gute Orientierung liefert, mehr denn je von den allermeisten verfehlt. Dabei könnte man zum Beispiel die durch Homeoffice gesparte Zeit des Arbeitsweges in sportliche Aktivität umsetzen. Doch da ist der innere Schweinehund zu groß. Oder die räumlichen Gegebenheiten oder auch die Jahreszeit werden als Ausrede benutzt.

Tatsächlich ist es aber gerade sehr schwierig mit dem Sport. Schwimmhallen, Tanzschulen und Fitnessstudios sind geschlossen. Den Menschen fehlen die organisierten Angebote, dazu ist Winter. Das lässt sich doch nicht wegdiskutieren.

Ja, die Selbstmotivation ist ein echtes Problem, gerade jetzt bei mutmaßlich schlechterer Witterung. Es gibt nur wenige Menschen, die sich in dieser schwierigen Lage von selbst aktivieren können. Dabei ist es nicht zuletzt aus pandemischer Sicht mehr als eine Überlegung wert, statt beispielsweise in der überfüllten Straßenbahn oder im Bus zu sitzen, zu Fuß auf Arbeit zu gehen – oder zumindest eine, zwei Haltestellen eher auszusteigen. Doch Gewerbetreibende oder auch Gastronomen und Hoteliers haben andere Dinge im Kopf, und für die Menschen im Homeoffice geht jetzt auch noch der Arbeitsweg verloren, der für viele oftmals doch die einzige Bewegung des Tages ist. Und wenn es nur der Gang zum Auto ist oder das Treppensteigen auf dem Weg ins Büro.

Was könnte man in den eigenen vier Wänden tun?

Da empfehle ich den Blick ins Internet, wo unzählige Möglichkeiten aufgezeigt werden, die Alltagsbeweglichkeit hochzufahren: Liegestütze, Rumpfheben, Kniebeuge ... Banale Sachen, bei denen wir noch nicht mal über Sport reden. Das geht allein, aber auch mit der ganzen Familie. Warum keine Bewegungschallenge ausrufen? Wer die meisten Kniebeugen schafft, muss nicht abwaschen oder den Müll rausbringen. Zudem gibt es Thera-Bänder, Schlingentrainer – das lässt sich in der kleinsten Wohnung nutzen. Und es ist auch jetzt nicht verboten rauszugehen. Die 10.000-Schritte-Regel kann nach wie vor jeder jeden Tag erfüllen.

Von Grundübungen wie Liegestütze oder auch Kniebeuge ist immer wieder die Rede. Doch Sie sagen selbst: Das ist noch nicht mal Sport. Warum sind diese Übungen trotzdem nützlich?

Es gibt klare Studien von der Weltgesundheitsorganisation, wonach eine hohe Alltagsaktivität, und das fängt mit Grundübungen und den 10.000 Schritten an, nützlicher ist als zweimal in der Woche Sport. Diese Basisaktivitäten zu erhöhen und dann hoch zu halten, ist der entscheidende Faktor. Damit lassen sich auch die zwei Stunden fehlender Sport, die man eigentlich als organisiertes Angebot wahrnimmt, verschmerzen. Klar, ein Schwimmer muss schwimmen, ein Fußballer will Fußball spielen, und beides ist derzeit nicht möglich. Doch die Basisaktivität kann ich trotzdem erhalten. Alle sportaffinen Menschen finden ohnehin einen Ersatz für sich. Wie gesagt, es geht darum, dieser Corona-Zeit aktiv entgegenzutreten. Da hilft nicht zuletzt auch der gesunde Menschenverstand.

Was heißt das für Sie?

Es geht um einen gesunden Lebensstil, der in den Diskussionen aus meiner Sicht immer völlig außer Acht gelassen wird. Dazu gehört frische Luft, weil dies das Immunsystem stärkt und auch gesunde Ernährung, also zum Beispiel viel Gemüse. Das müsste wieder viel mehr in den Vordergrund gerückt werden, und da gehört Bewegung unbedingt dazu. Trimm-dich-Pfade, die Laufbewegung – das waren wesentliche Errungenschaften für die Aktivierung der Menschen. Selbst die Weltgesundheitsorganisation, die weit entfernt ist von einer leistungssportlichen Ausrichtung, empfiehlt für Erwachsene mindestens 150 Minuten Sport pro Woche, also zweieinhalb Stunden, und für Kinder eine Stunde am Tag. Fakt ist auf jeden Fall: Wer sich jeden Tag eine Stunde bewegt, ist immer besser dran als derjenige, der die zweieinhalb Stunden am Stück absolviert.

Neues Jahr, neue Vorsätze: Was konkret empfehlen Sie gerade jetzt inmitten der Corona-Beschränkungen?

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Das Interview führte Tino Meyer.

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