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Thielemann: "Es gärt" in der Semperoper

Die Musiker der Semperoper streiten mit der Intendanz, warum sie in der Pandemie nicht arbeiten dürfen. Nun eskaliert der Streit und zieht immer weitere Kreise.

"Herr Theiler pflegt ein distanziert kühles Verhältnis zu mir“, sagt Kapellenchef Christian Thielemann (r.) über den Intendanten (l.) der Semperoper.
"Herr Theiler pflegt ein distanziert kühles Verhältnis zu mir“, sagt Kapellenchef Christian Thielemann (r.) über den Intendanten (l.) der Semperoper. © ronaldbonss.com

Nein, untätig ist man in der Dresdner Semperoper nicht. Während andere Theater und Orchester von Tokio über Madrid bis Wien und München Produktionen streamen, CDs oder Konzerte aufnehmen und Premieren – ohne Publikum – realisieren, tut sich auch in Sachsens erstem Musentempel etwas. Nur eben wenig Künstlerisches, vom Erstellen eines Spielplanes ab April abgesehen. Stattdessen gibt es Verbalattacken. Und der Ton wird rauer.

Seit Monaten streiten Musiker der Sächsischen Staatskapelle mit der Intendanz des Opernhauses, warum sie weder proben noch ähnlich aktiv sein dürfen wie die Kollegen der Münchner und Berliner Staatsoper oder der Wiener Philharmoniker. Fünf Dresdner klagen sogar ihr Recht auf Arbeit ein, auf „Abnahme der Leistungen“, für die sie schließlich bezahlt würden.

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Intendant Peter Theiler wiederum verweist auf seine Fürsorgepflicht, Mitarbeiter vor der Pandemie zu schützen, und auf die aktuelle sächsische Corona-Schutzverordnung, die das Zusammenkommen von vielen Menschen explizit verbietet. Auch vom Vorschlag, die an Produktionen beteiligten Mitarbeiter wie in Berlin oder Wien regelmäßig zu testen, hält er wenig. „Zweimal musste der Opernchor bereits in der Pandemie komplett in Quarantäne geschickt werden, einmal das Ballett. In allen Bereichen gab es Fälle. Da nützen keine Testungen, sondern lediglich Abstand, bis dann endlich die Impfung kommt.“

Großes Medien-Echo auf „Dresden-Eklat“

Damit wollen sich die Musiker, damit will sich Chefdirigent Christian Thielemann nicht zufriedengeben. Wenn sie nicht kontinuierlich arbeiten, fürchten sie um ihren legendären Klang. Sie suchen die Öffentlichkeit in bisher so nicht gekannter Weise. Sie werfen dem Intendanten Kunstbehinderung vor. Er tue zu wenig, um zum Proben- und Spielbetrieb zurückzukehren. „Es gärt“, sagt Thielemann, weil das Orchester seit Monaten verstummt sei und niemand mit den Musikern spreche. „Auch mit mir redet nicht der Geschäftsführer, Herr Theiler telefoniert nicht mal mit mir.“

Man habe sich wirklich bemüht, hygienekonforme Proben anzusetzen, der Corona-Beauftragte der Oper habe zugestimmt, und dann seien Vorhaben kurzfristig und ohne Rücksprache abgesagt worden. Auch Alternativvorschläge für kleinere Besetzungen wurden nicht zugelassen, so Thielemann. „Ich dirigiere in Wien und Berlin, nur mit meinem eigenen Orchester darf ich nicht arbeiten. Man erklärt es mir nicht. Und wenn es an Geld mangelt, warum sucht man dann nicht Sponsoren. Andernorts geht so etwas doch auch.“

Der Intendant widerspricht. „Ich bin permanent im Haus, besuche einzelne Abteilungen, spreche regelmäßig mit dem Direktorium, oft mit dem Orchesterdirektor, habe Kontakt zum Orchestervorstand und telefoniere mit Herrn Thielemann.“ Verärgert über die Klage der Musiker spricht er von Illoyalität, aus „einem gesicherten Verhältnis heraus gegen den Arbeitgeber vorzugehen“. Er fühle sich ans Bein ...

"Ich kann in Wien und Berlin mit den Orchestern musizieren, aber nicht mit meinem in Dresden", sagt Christian Thielemann.
"Ich kann in Wien und Berlin mit den Orchestern musizieren, aber nicht mit meinem in Dresden", sagt Christian Thielemann. © Matthias Creutziger

Der Kapellmeister kommentiert diese Äußerungen als „völlig daneben“,„wer da nicht rebelliert“ und spricht von „bewussten Fehlinformationen“. Er hält auch wenig von den Hinweisen der Geschäftsführung auf den noch nicht genehmigten Haushalt und die betriebswirtschaftlich schwierige Lage des Theaters.

Fakt ist: Die Semperoper ist schon immer auf hocheffizient getrimmt worden, nimmt gut 40 Prozent ihres Etats selbst ein – ein Spitzenwert. Nun sind durch die Schließzeiten, die geringere Auslastung bei den Vorstellungen zwischen erstem und zweitem Lockdown erhebliche Defizite aufgelaufen. Ob der Freistaat die komplett übernimmt? Daher hält man sich mit Ausgaben zurück und verzichtet aufs Streamen, weil das Zusatzkosten etwa bei den Leistungsschutzrechten bedeuten würde. Zudem sind Teile der Belegschaft in Kurzarbeit. Somit könnten Bühnenarbeiter gar nicht tätig werden, wenn sie beispielsweise das Konzertzimmer für die Staatskapelle aufbauen sollten.

Auch der Vergleich mit den gestreamten oder im Radio übertragenen Konzerten der Berliner oder der Dresdner Philharmonie sei nicht korrekt, so die Opernleitung. Diese hätten einen Konzertsaal, in den man hineingeht und probt, alle Abstände einhalten kann. „Theaterbetriebe sind dagegen komplexe Betriebe mit den verschiedenen Spartenanforderungen.“ Und den Bezug zu Wien lehnt man mit Verweis ab, dass dort „andere geltende Regelungen zugunsten der Tourismuswirtschaft“ ermöglicht beziehungsweise geduldet würden.

Seit Mitte der Woche eskaliert der Streit, zieht immer größere Kreise. Medien im deutschsprachigen Raum berichten über den „Dresden-Eklat“. Besonders groß ist das Interesse in Salzburg, wo Staatskapelle und Thielemann zu Ostern traditionell wieder – wenn auch verkürzte – Osterfestspiele gestalten sollen. Ob diese stattfinden, entscheidet sich Anfang März. Ob die Kapelle diese in Dresden vorbereiten und die Produktionen nach Ostern in der Semperoper wiederholen kann, ist offen.

Damit nicht genug: Intendant Peter Theiler verhandelt derzeit seine Vertragsverlängerung. Im zweiten Quartal will das Kunstministerium sie bekannt geben.

Die graue Eminenz unterschätzt

In dieser Situation mischt sich eine bislang sehr zurückhaltende Institution mit einem offenen Brief ein: die Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle. Dieser Verein fördert eher im Verborgenen die Kapelle und deren Aktivitäten. Eine Initiative von ihm sind die jährlichen Kneipenkonzerte der Musiker in der Dresdner Neustadt. Damit sollen Menschen diese Musik erleben können, die Hemmungen haben, ins Opernhaus zu gehen.

Das Spannende an dem von Notar und Vereinschef Christoph Hollenders verfassten Brief sind der Inhalt und, wer dahintersteckt. Die Freunde der Kapelle sind selbst hochrangig und bis in höchste Kreise von Politik, Wirtschaft und Kultur bestens vernetzt. Da dürften Sätze wie „keine Spur von überbordender Fantasie, künstlerischem Impuls und Gestaltungswillen beim Intendanten“ Wirkung haben. Der offenbar „Überforderte“ entzaubere sich vielmehr mit Worten, er sei überzeugter Anhänger des Live-Theaters und nicht vom Flimmertheater am Bildschirm. „Weiß er wirklich nicht, wie schnell sich der Ruf eines noch so prächtigen Opernhauses ruinieren lässt, wenn die Inhalte nicht mehr stimmen oder ganz fehlen?“ Peter Theilers Reaktionen wie „illoyal und „ans Bein ...“ seien „unwürdig“.

Der Förderverein jedenfalls will noch mehr Verbündete suchen und selbst loslegen: etwa große Probenräume für die Kapelle anmieten, Konzerte organisieren. „Helfen wir alle der Staatskapelle, im Rahmen des derzeit Möglichen den Weg frei zu machen und auch dort Menschen mit ihrer Musik zu dienen, wo uns die Worte fehlen.“

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Wie kann man die Wogen glätten? Die Zerstrittenen müssten miteinander reden, sonst nimmt das Haus, nimmt Sachsens Kultur Schaden. Ein Institutsleiter im Range Peter Theilers sagt: „Wer einen begnadeten Künstler wie Christian Thielemann trotz aller Macken und ein Exzellenzorchester wie die Kapelle hat, sollte alles dafür tun, dass diese sich wohlfühlen und arbeiten können. Die Krise zeigt, dass die Kapelle im Gefüge der Sparten der Staatsoper derzeit nicht als einzigartig angesehen wird. Das ist bei ihrer Qualität, Tradition und Bedeutung verheerend. Intendanten hat so ein Fehler schon den Job gekostet.“

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