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Trotz Corona Präsenzprüfungen an TU Dresden

Die medizinische Fakultät der TU Dresden beharrt auf Prüfungen vor Ort - während nebenan Menschen an Corona sterben. Die Studenten wehren sich dagegen.

Die medizinische Fakultät der TU Dresden setzt auch während des harten Lockdowns auf Präsenzprüfungen.
Die medizinische Fakultät der TU Dresden setzt auch während des harten Lockdowns auf Präsenzprüfungen. © René Meinig

Dresden. 45 Minuten für 30 Ankreuzfragen. Kurze Multiple-Choice-Tests, die den Wissensstand der besuchten Vorlesung abfragen, stellen das Dekanat der medizinischen Fakultät der TU Dresden derzeit vor eine schwierige Abwägung: Prüfungen online oder vor Ort?

Bereits am 14. Oktober 2020 hatte der Universitätssenat beschlossen, dass trotz steigender Inzidenz-Zahlen "alle vorgesehenen Prüfungsleistungen des Wintersemesters 2020/2021 angeboten werden". In den Handlungsleitlinien der Uni heißt es dazu aber: "Aus Gründen des Gesundheitsschutzes können Prüfungsleistungen nur sehr bedingt in Präsenz durchgeführt werden."

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Einen anderen Weg geht die medizinische Fakultät. Ausgerechnet in den Hörsälen des Campus am Universitätsklinikum, wo auf der Corona-Ambulanz nahezu täglich Menschen sterben, schreiben die Studenten des Humanmedizin-Studiengangs ihre Klausuren teilweise noch vor Ort. Am Montag stand "Rehabilitation, physikalische Therapie und Naturheilkunde" an, Anfang Februar folgt dann der Test zur Dermatologie.

Dutzende Studenten pro Hörsaal

Rund 300 Studenten aus dem siebten Fachsemester mussten dafür am Montag an die Uni nach Dresden kommen - zum Teil aus verschiedenen Teilen Deutschlands. Die Studenten seien auf fünf Hörsäle aufgeteilt worden, berichten drei Studenten, die namentlich nicht genannt werden möchten.

Im Dekanatshörsaal seien die Abstände zwischen den Prüflingen zwar nach links und rechts, nicht aber nach vorne und hinten eingehalten worden. "Es wurden keine Reihen freigelassen, eine andere Studentin saß mir quasi im Nacken", berichtet ein Student. Im Hörsaal der Pathologie sei noch nicht einmal regelmäßig gelüftet worden, erzählt eine Studentin, nicht alle hätten FFP2-Masken getragen.

"Ich arbeite selber in einem Corona-Impfteam und fahre in Altenheime", sagt ein Prüfling. "Das Dekanat hatte uns explizit dazu aufgerufen, dort mitzumachen. In meiner Freizeit treffe ich keinen einzigen Menschen. Aber für eine Prüfung muss ich mich mit 100 anderen Leuten in einen Raum setzen. Was sendet das für ein Zeichen an die Bevölkerung?"

"Online-Prüfungen werden nicht empfohlen"

Dabei geht es auch anders. Am vergangenen Freitag wurde ein Test zur Kinderheilkunde im nächsthöheren Jahrgang kurzfristig doch als Online-Prüfung abgehalten. Diese seien neben den Präsenzprüfungen "prinzipiell ebenfalls möglich", schrieb das Dekanat am Freitag in einer E-Mail an die Studenten, zählte aber auch die Nachteile dieser Prüfungsform auf.

Studiendekan Ingo Röder erklärt: "Online-Prüfungen lassen weder die Identitätsprüfung der Prüfungsteilnehmerinnen und -teilnehmer zu, noch die Kontrolle der verwendeten Materialien oder Hilfestellungen durch andere Personen. Online-Prüfungen werden daher technisch unterstützt, aber nicht empfohlen."

Bei der Online-Prüfung vergangenen Freitag sei Spicken aber gar nicht möglich gewesen, sagt ein Student, der dabei war. Die Fragestellungen seien sehr komplex gewesen und mussten binnen 90 Sekunden beantwortet werden. "Und es sind ja auch Leute durchgefallen." Immer wieder ziehen die Studenten den Vergleich zur medizinischen Fakultät der Uni Leipzig, bei der "alles online" stattfinde.

"In diesem Wintersemester kommen bei uns vermehrt alternative Lehr- und Prüfungsformate abseits von Präsenz zum Einsatz", schreibt die Fakultät aus Leipzig auf SZ-Anfrage. "Zum Beispiel können schriftliche Erfolgskontrollen als Hausarbeit, als Open-Book-Klausur oder unter Verwendung technisch geeigneter professioneller E-Learning-Plattformen durchgeführt werden."

"Prüfung nicht riskanter als ein Einkauf im Supermarkt"

Die Argumentation des Dresdner Dekanats sei dagegen unplausibel, sagt ein Student. "Es wurden Vergleiche angestellt, die völlig deplatziert sind." Unter anderem hatte das Dekanat in einem Schreiben, das der SZ vorliegt, erklärt, die Kontakte auf der Hin- und Rückfahrt zur Prüfung seien nicht riskanter als ein Einkauf im Supermarkt.

Eine weitere Präsenzklausur Anfang Februar sei von der verantwortlichen Person damit gerechtfertigt worden, dass die Studenten später als tätige Ärzte noch deutlich länger ununterbrochen Maske tragen müssten.

"Wir verstehen nicht, warum es für die medizinische Fakultät Sonderregeln gibt", sagt einer der insgesamt mehr als sechs Studenten, die unabhängig von der Fachschaft Kontakt zur SZ aufgenommen hatten. "Es ist alles total intransparent! Wir fühlen uns mit diesen vermeidbaren Präsenzveranstaltungen von der Universität im Stich gelassen. Es gibt auch unter den Studenten Risikopatienten. Wie sollen die sich in dieser Situation schützen?"

Zwar ist es den Studenten freigestellt, die Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. "Das ist für sie aber ein absoluter Nachteil", meint der Student, der weitere Studienverlauf könnte dadurch verzögert werden. "Es wird einem fast ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn man nicht an der Klausur teilnimmt. Man fühlt sich im Stich gelassen."

Dekanat: Medizinstudenten sollen geimpft werden

Auch von der Politik. In der aktuellsten Corona-Schutz-Verordnung des Freistaats heißt es zwar, Hochschulen sollten auf Präsenzveranstaltungen verzichten, dies gelte aber nicht für Prüfungen. "Wir haben eine Situation, in der wir keine Vor- und Nachteile mehr abwiegen können", wie es das Dekanat getan habe, meint ein Student.

In einer E-Mail an die SZ schreibt er: "Im Zuge der angespannten Lage und niederschmetternden Todeszahlen jeden Tag wäre es doch sinnvoll, den politischen Empfehlungen zu folgen und solchen Massenveranstaltungen zu entsagen, Hygienekonzept hin oder her. Gerade Mediziner sollten wissen, wie hoch das Risiko ist und um was es geht."

Schnelltests sind für die Studenten bisher nicht vorgesehen, sagt Fakultäts-Dekan Heinz Reichmann, aber "wir planen, Studierende so bald wie möglich gegen Corona zu impfen". Konkret sei geplant, Studenten während ihres "praktischen Jahres" - einer Art Krankenhaus-Praktikum am Ende des Studiums - wie Mitarbeiter zu behandeln. Damit hätten sie eine höhere Priorität, gegen Corona geimpft zu werden. Der Studiendekan Röder biete außerdem ein virtuelles Treffen mit den Studierenden an, in dem Fragen und Antworten persönlich angesprochen werden könnten.

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