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Pendeln trotz geschlossener Grenze

Andrea Vavrova pendelt täglich zwischen Teplice und Dresden, um im Uniklinikum zu reinigen. Dort ist ihre Arbeit unentbehrlich, der Weg dahin aber eine Prozedur.

Andrea Vavrova lebt in Tschechien und arbeitet als Reinigungskraft im Dresdner Uniklinikum. Seit dieser Woche ist der Pendlerverkehr aus dem Nachbarland eingeschränkt. Nun heißt es, Formulare ausfüllen.
Andrea Vavrova lebt in Tschechien und arbeitet als Reinigungskraft im Dresdner Uniklinikum. Seit dieser Woche ist der Pendlerverkehr aus dem Nachbarland eingeschränkt. Nun heißt es, Formulare ausfüllen. © Sven Ellger

Dresden. Heute ging es zügig, sagt Andrea Vavrova. Am zeitigen Donnerstagmorgen wartet die 42-jährige Tschechin an der deutschen Grenze etwa eine halbe Stunde, bevor sie einem Bundespolizisten ihren Ausweis und die Formulare aushändigt, die Maske vom Gesicht zieht, damit er ihr Gesicht mit dem Passfoto vergleichen kann, und den Kofferraum öffnet, um ihm zu zeigen, dass dort nicht heimlich jemand mitfährt.

Die Kontrollen sind streng auf der Autobahn 17. Seit vergangenem Sonntag ist die Grenze Richtung Deutschland faktisch geschlossen, wer nicht in einem systemrelevanten Bereich arbeitet, darf nicht einreisen. Hintergrund ist die britische Coronavirus-Mutante, die sich in Tschechien rasant ausbreitet - das soll mit der Grenzschließung in Deutschland verhindert werden. Für viele der fast 1.500 Tschechen, die in Dresden arbeiten, kommt der Einreisestopp einem Berufsverbot gleich.

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Andrea Vavrova ist systemrelevant. Sie ist auf dem Weg nach Dresden, wie jeden Tag, wenn sie beruflich im Einsatz ist. Seit drei Jahren arbeitet sie als Reinigungskraft am Universitätsklinikum, pendelt seitdem fast täglich zwischen Teplice, wo sie mit ihrer Familie wohnt, und der Landeshauptstadt.

In Deutschland bekomme sie für täglich sechs Stunden Arbeit das doppelte Gehalt, erzählt die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt in gebrochenem Deutsch. Wer Vollzeit arbeitet, verdient fast dreimal so viel wie ein Gebäudereiniger in Tschechien, ergänzt Vavrovas Chef Andreas Kunde.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Er ist Betriebsleiter der hauseigenen Reinigungsfirma des Uniklinikums, beschäftigt 265 Mitarbeiter, gut 30 Prozent von ihnen sind Ausländer. Ohne seine tschechischen Mitarbeiter wäre es schwierig, den Krankenhaus-Alltag in den 100 Gebäuden am Laufen zu halten, sagt Kunde. Denn sein Team reinigt nicht nur die normalen Patientenzimmer und Krankenhausflure.

Die Frauen - tatsächlich arbeiten in der GmbH vor allem weibliche Reinigungskräfte - sind in allen Krankenhausbereichen im Einsatz. Auch auf der Intensiv- und den Corona-Stationen, in Laboren und OP-Sälen. Während einer Operation muss zwischengereinigt werden, danach wird noch einmal geputzt, desinfiziert, aufgeräumt.

Andreas Kunde managt im Uniklinikum die komplette Reinigung. Vorarbeiterin Zaneta Wirthgen gehört zu seinem Team mit 265 Mitarbeitern. Jeden Morgen bangt sie, ob ihre tschechischen Kollegen es rechtzeitig zu ihrem Dienst schaffen.
Andreas Kunde managt im Uniklinikum die komplette Reinigung. Vorarbeiterin Zaneta Wirthgen gehört zu seinem Team mit 265 Mitarbeitern. Jeden Morgen bangt sie, ob ihre tschechischen Kollegen es rechtzeitig zu ihrem Dienst schaffen. © Sven Ellger

Morgens 4 Uhr beginnt die erste Schicht, dann müssen auch die Pendler aus Tschechien da sein, erzählt Vorarbeiterin Zaneta Wirthgen. Auch sie ist Tschechin, arbeitet seit elf Jahren in Dresden und weiß, wie anstrengend die Pendelei zwischen Wohn- und Arbeitsort sein kann. In den ersten beiden Jahren ist auch sie jeden Tag nach Teplice zurückgefahren, damals noch über die Lkw-befahrene Landstraße, weil die Autobahn 17 noch nicht fertig war.

Fast vier Stunden warten an der Grenze

Inzwischen lebt die 40-Jährige in Dresden und bangt - wie schon im ersten Lockdown im Frühjahr 2020, als die Grenze schon einmal zu war - auch jetzt wieder jeden Morgen, ob ihre Kolleginnen aus Tschechien es rechtzeitig zum Einsatz schaffen. "Normalerweise pendeln 21 Mitarbeiter jeden Tag zwischen Dresden und Tschechien", sagt Zaneta Wirthgen. 70 Kilometer eine Strecke, früh morgens, noch vor dem Berufsverkehr, sei nicht viel los auf der Autobahn, und das ist auch jetzt das Glück des Reinigungsteams.

Am Montag haben die tschechischen Kollegen fast vier Stunden an der Grenze gewartet, inzwischen hat sich die Lage dort etwas beruhigt, sagt Andrea Vavrova. Die Einreiseprozedur ist deshalb nicht einfacher, zig Formulare muss sie jeden Tag mit sich führen. Sie legt einen Stapel Papiere auf den Tisch.

Neben dem Ausweis hat sie das Ergebnis des täglichen Coronatests in Deutsch, Englisch und Tschechisch dabei, außerdem das Original des Arbeitsvertrages, das Schreiben ihres Arbeitgebers, dass sie in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, und den Ausdruck ihrer digitalen Einreiseanmeldung. Diese muss sie jeden Tag neu ausfüllen, den Coronatest abfotografieren und online alles an die Behörden schicken.

"Der Aufwand für die Pendler ist enorm"

Allein der Coronatest dauert jeden Tag eine dreiviertel Stunde - und dabei hat Andrea Vavrova den Vorteil, dass sie den Test gleich vor Ort auf ihrer Arbeitsstelle erledigen kann. Das ist nicht in jedem Unternehmen, das tschechische Mitarbeiter beschäftigt, der Fall. Dazu kommt der Kampf mit der Technik, denn nicht immer funktioniert die digitale Anmeldung reibungslos. "Der Aufwand ist enorm", sagt Betriebsleiter Andreas Kunde. "Aber wir haben keine andere Wahl."

Ohnehin sei es in seiner Branche schwer, gute Mitarbeiter zu finden, und für die Arbeit im Krankenhaus sind spezielle Fähigkeiten gefragt. Einen so kurzfristigen Ausfall kann er nicht kompensieren. Und er könne seine Mitarbeiter ja auch nicht zwingen, hier in Dresden zu bleiben, solange die Bestimmungen so streng sind.

Immerhin zwölf der 21 Tschechen in seinem Team haben das Angebot des Uniklinikums genutzt und im Schwesternwohnheim eine Bleibe gefunden. Als die Landesregierung am vergangenen Freitag die neue Regelung bekannt gab, war zunächst nicht ganz klar, ob der Einreisestopp auch für die Reinigungskräfte am Uniklinikum gilt. "Wir mussten uns schnell überlegen, wie wir damit umgehen", erzählt Kunde, denn die Grenze wurde schon am Sonntag, 0 Uhr, geschlossen. Zum Glück war der Platz im Wohnheim frei.

Für Andrea Vavrova ist das keine Option. Um jeden Tag bei ihrer Familie sein zu können, nehme sie den "Papierkram" und die Pendelei gern auf sich. Daheim warten zwei Teenager, die zurzeit nicht zur Schule gehen, und ein Mann mit Vollzeitjob, da werde sie gebraucht. Auch am Uniklinikum in Dresden ist sie nicht entbehrlich.

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