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OB Hilbert: "Nächste Woche Inzidenz über 100"

Die Inzidenz in Dresden steigt. Wann müssen Läden und Schulen wieder schließen? Oberbürgermeister Dirk Hilbert gibt ein Bild der Lage und macht Hoffnung.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert hat einen Plan, wie er Lockerungen für Dresdner ermöglichen will.
Oberbürgermeister Dirk Hilbert hat einen Plan, wie er Lockerungen für Dresdner ermöglichen will. © Sven Ellger

Dresden. 99 zeigt die Corona-Inzidenz der vergangenen sieben Tage je 100.000 Einwohner am Donnerstagmittag. Das ist der Wert des Dresdner Gesundheitsamtes. Beim entscheidenden Wert des Robert-Koch-Instituts (RKI) liegt Dresden bei 81,6. Ab 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen drohen Lockerungen gestrichen zu werden.

Corona wird zum Zahlen-Wirrwarr. Darüber und was Dresden erwartet, spricht Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) im SZ-Interview. Der OB erläutert seine Pläne, wie weitere Öffnungen möglich werden können.

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Herr Hilbert, wann werden Schulen und Läden wieder geschlossen?

Ich gehe davon aus, dass wir bis zum Ablauf der aktuellen Verordnung die Regeln beibehalten, also bis Ende März. Dann kommt es darauf an, was in der neuen Verordnung steht. Wenn dasselbe drinsteht wie bisher, werden wir umgehend die Verschärfungen umsetzen müssen. So wie die Zahlen sich jetzt entwickeln, werden wir wohl spätestens nächste Woche die Sieben-Tage-Inzidenz von 100 überschreiten. Passiert dies drei Tage hintereinander, müssen wir nach zwei weiteren Tagen die meisten Öffnungen wieder zurücknehmen. Damit wären wir also in der ersten Ferienwoche.

Woran liegt es, dass wir die 100 überschreiten werden?

Das hat mehrere Ursachen. Die Mutationen sind ansteckender. Wenn der Ministerpräsident also sagt, die Lockerungen waren falsch, waren es im Wesentlichen die Lockerungen im Bereich Schulen und Kitas, die am Anstieg beteiligt sind. Da treffen sich neben der Arbeit derzeit die meisten Menschen. Aber ich kann verstehen, dass die Sehnsucht nach offenen Schulen und Kitas groß und der Druck auf das Land entsprechend deutlich ist.

Der zweite Grund ist, dass wir deutlich mehr testen. Dadurch identifizieren wir Fälle deutlich früher, die dann in Quarantäne geschickt werden und damit weniger andere Personen anstecken. Also, wenn die Logik stimmt, müsste das dazu führen, dass die Zahlen später nicht mehr so stark steigen. Perspektivisch ist entscheidend, wie schnell wir es schaffen, die am stärksten gefährdeten Gruppen durchgeimpft zu haben. Für Dresden kann ich sagen: In den Pflegeheime sind wir durch. Damit haben wir ein großes Risiko genommen.

Die Schulen schaffen es bis zu den Ferien ohne erneute Schließung?

Ich denke in Dresden ja, gerade so. In anderen Landkreisen ist die Schließung ja mittlerweile beschlossene Sache.

Es wird aktuell viel diskutiert, ob der Inzidenzwert tatsächlich entscheidend ist.

Ich sage immer, macht es einfach und keine wissenschaftliche Arbeit daraus. Das versteht niemand mehr. Das ist ja auch die Kritik an den Corona-Schutzverordnungen, die war mal sieben Seiten lang und jetzt sind es 24. Es gibt ja jetzt bereits einen zweiten Wert, der vom Land richtigerweise eingearbeitet wurde. Das sind die belegten Betten mit Corona-Patienten auf Normalstationen in den Krankenhäusern. Wenn die 1.300 übersteigen, ist auch Schluss. Damit hat man einen Frühindikator. Wenn die Normalstationen diesen Wert übersteigen, dauert es noch rund zwei Wochen, dass wir ein größeres Problem in den Intensivstationen bekommen. Und das ist ja der entscheidende Faktor.

Ist die Diskussion um die Inzidenz sinnlos?

Erst, wenn wir es geschafft haben, die kritischen Gruppen durchgeimpft zu haben, kann darüber diskutiert werden, ob wir uns einen höheren Inzidenzwert leisten können. Aber bei der derzeitigen Quote von unter zehn Prozent bei den Erst- und Zweitimpfungen steht das natürlich nicht zur Debatte.

Die Werte unterscheiden sich, es gibt die Sieben-Tage-Inzidenz des RKI und die der Stadt, ist das sinnvoll?

Ich verstehe bis heute nicht, warum es nicht gelingt, einen einheitlichen Wert von der Kommune über das Land bis zum RKI zu veröffentlichen. Das ist, als wäre man mit einem berittenen Boten unterwegs und es dauert drei Tage, bis es ankommt. Ich kann nicht nachvollziehen, warum nicht die aktuellen Daten der Gesundheitsämter auch von den oberen Behörden genutzt werden. Die Zahlen sind ja da und quasi in Echtzeit verfügbar.

Wie nehmen Sie die Kritik am Öffnungs-Management wahr?

Was uns die Corona-Verordnung ermöglicht, ist bescheiden – und im Wesentlichen auch nicht der Inzidenz-Treiber. Ob ich nun "Click & Collect" oder "Click & Meet" mache, ist kein großer Unterschied. Der kritischste Punkt ist nicht in der kommunalen Entscheidung – das ist die Schul- und Kitaöffnung. Und wir sehen ja, dass die Fallzahlen dort nach oben gehen.

Der einzige wesentliche Punkt, den wir entscheiden, ist der zu den Sportgruppen. Dort dürfen laut Landesverordnung bis zu 20 Kinder zusammen ohne Test Sport treiben. Wir trennen die Kinder am Tag hart nach Klassen und nachmittags mischen wir sie beim Sport durcheinander. Das bringt Risiken mit sich. Ich habe gerade dazu mit den Vereinen diskutiert und wir sind uns einig, dass der Sport Teil der Öffnungsszenarien sein muss. Aber zur Pandemiebekämpfung müssen dann die Hygienekonzepte vor Ort tatsächlich greifen. Unser Beitrag als Stadt ist der Ausbau der Testinfrastruktur, damit dies funktionieren kann.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Wie handhaben Sie das mit Ihrem Sohn?

Wir haben uns jetzt am Wochenende entschieden, wir geben ihn nicht am Nachmittag zum Fußball. Das ist uns zu heiß, wir sehen ja, wie die Zahlen nach oben gehen. Wenn das Training mit Tests durchgeführt wird, ist er sicher wieder dabei.

Was kritisieren Sie an den Corona-Regeln?

Es gibt schon Punkte, die schwer zu vermitteln sind. Schulen und Kitas sind das eine Thema. Aber es wird momentan auf Druck der Wirtschaft, auch wenn ich den Druck verstehe, die Arbeitnehmerfreizügigkeit mit Blick auf unser Nachbarland Tschechien umgestaltet. Da geht es um die Quarantäne-Verordnung. Aber mit Blick auf die 1.000er-Inzidenz bei unseren Nachbarn, kaufen wir uns erhebliche Risiken ein. Auf der anderen Seite sind wir vermeintlich streng, beispielsweise bei privaten Treffen. Das passt in der Logik nicht zusammen.

Wie wollen Sie dann irgendwann weitere Lockerungen ermöglichen?

Durch das Impfen der Risikogruppen. Außerdem haben wir jetzt die Kooperation mit der App Pass4All. Wenn möglichst viele Gewerbetreibende und Kultureinrichtungen mitmachen, haben wir eine viel bessere Kontaktnachverfolgung. Auch negative Tests lassen sich in unseren Testzentren auf die App hochladen. Sobald es möglich ist, in der App hochzuladen, dass man geimpft oder an dem Tag getestet ist, ist klar, dass die Person kein Ansteckungs-Treiber ist. Darüber können wir dann weitere Öffnungen ermöglichen. Wir werden dafür sicherlich beim Land ein Modell-Projekt beantragen.

Funktioniert die App auch mit Selbsttests?

Nein. Aktuell haben wir zwei Testzentren drin, die Messe und die City-Apotheke. In den nächsten Tagen sollen aber alle Dresdner Testzentren, die vom Gesundheitsamt zugelassen sind, das Ergebnis auch in der App hochladen können.

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