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Corona: So eng wird es auf Dresdens Intensivstationen

Die Lage in Dresdens Krankenhäusern spitzt sich zu. Droht der Kollaps? Zwei Mediziner erklären, wo die Grenzen liegen und wer derzeit besonders häufig erkrankt.

Dr. Harald Schmalenberg und Dr. Mark Frank vom Städtischen Klinikum in Dresden versorgen täglich Dutzende Corona-Patienten.
Dr. Harald Schmalenberg und Dr. Mark Frank vom Städtischen Klinikum in Dresden versorgen täglich Dutzende Corona-Patienten. © Marion Doering

Dresden. Sachsen steht kurz davor, die kritische Marke von 1.300 belegten Krankenhausbetten für Corona-Patienten zu reißen. Eine Marke, von der Uniklinik-Vorstand Michael Albrecht sagt: Sollte sie überschritten werden, drohen Verhältnisse wie im Dezember. Ist es wirklich so ernst? Stehen Dresden Krankenhäuser kurz vorm Kollaps? Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuellen Situation.

Wie stark sind die Corona-Stationen in Dresden aktuell ausgelastet?

Auf den Corona-Normalstationen ist die Lage aktuell noch nicht so kritisch wie im Winter. So steht etwa im Dresdner Universitätsklinikum derzeit weniger als die Hälfte der Betten belegt. Doch auf den Intensivstationen wird es zunehmend enger. Den Krankenhäusern Friedrichstadt und Neustadt stehen derzeit 24 Intensivbetten für Corona-Patienten zur Verfügung. Davon sind am Freitagmittag 20 belegt gewesen. Am Dresdner Universitätsklinikum sieht es ein klein wenig besser aus: Dort sind einer Sprecherin zufolge zwei Drittel der verfügbaren Covid-Intensivbetten belegt.

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„Wir sind noch nicht in dem Modus wie im Dezember“, erklärt der Internist Dr. Harald Schmalenberg vom Städtischen Klinikum die Lage. „Aber wir haben bereits eine starke Beanspruchung der Intensivstationen.“ Das habe auch damit zu tun, dass die Patienten zunehmend jünger seien. Diese Patienten liegen länger auf der Intensivstation und werden häufiger geheilt. Das führt aber dazu, dass die Intensivkapazitäten stärker beansprucht werden als im Dezember.“

Wie alt sind die Intensivpatienten?

Die über 80-Jährigen seien eher die Ausnahme, weil viele Alten- und Pflegeheimbewohner inzwischen geimpft sind, so Schmalenberg. „60- bis 80-Jährige mit schweren Begleiterkrankungen - das sind die Patienten, die jetzt auf der Intensivstation liegen.“ Der Altersdurchschnitt der Covid-19-Patienten liege aktuell bei etwa 70 Jahren. Im Uniklinikum sind die intensivmedizinisch versorgten Corona-Kranken im Schnitt 60 Jahre alt.

Wie lange liegen die Patienten?

Wer so schwer erkrankt, dass er auf der Intensivstation versorgt werden muss, liegt dort im Schnitt zwei Wochen, erklärt das Uniklinikum. Der gesamte stationäre Aufenthalt sei in aller Regel deutlich länger, denn bei einer Reihe von Patienten verschlechtert sich der Zustand nach einiger Zeit, sodass sie von der Corona-Normalstation auf die Intensivstation verlegt werden müssen.

Welchen Einfluss hat die britische Virusvariante?

„Unterschiede im Krankheitsverlauf zu benennen, wäre nicht ehrlich“, sagt Dr. Mark Frank, der die Notaufnahme des Friedrichstädter Krankenhauses leitet. „Im Moment haben wir aber den Eindruck, dass wir im Verhältnis zu allen Corona-Erkrankten eher mehr Intensivpatienten haben.“ Es habe Zeiten gegeben, da seien es 10 bis 15 Prozent gewesen, die entweder im Verlauf oder gleich von Anfang an intensivpflichtig wurden. „Derzeit geht es Richtung 30 bis 40 Prozent.“ Die Tendenz könnte aber wegen der statistisch gesehen kleinen Fallzahlen immer noch vom Zufall geprägt sein.

Wie hoch ist die Sterblichkeit?

„Wir haben das Gefühl, dass sich die Sterblichkeit nicht erhöht hat, sondern eine Nuance runtergegangen ist“, so Frank. Aber auch dabei handele es sich lediglich um einen Eindruck, nicht um valide Zahlen.

Das Risiko, auf die Intensivstation zu kommen und dort zu sterben, möchte der Mediziner nicht mit Zahlen benennen. „Solche statistischen Darstellungen finde ich ganz unglücklich.“ Denn die Todesumstände seien sehr unterschiedlich. „Wenn Sie etwa Patienten mit einer Patientenverfügung haben, die also bestimmte Maßnahmen ablehnen und dann sterben, dann werden diese als Corona-Todesopfer gezählt.“ Diese dürfe man aus seiner Sicht nicht mit denen über einen Kamm scheren, für die medizinisch maximal alles getan wurde. Dasselbe gelte für positiv getestete Patienten, die an den Folgen eines Verkehrsunfalls sterben und ebenfalls mitgezählt werden.

Gibt es Hoffnungen auf ein Heilmittel?

Bislang nicht. Die Standardtherapie umfasst den Einsatz von Kortison, um die Entzündungsreaktionen im Körper zu unterdrücken. Allerdings gilt hier: Je später damit begonnen wird, umso ungünstiger sind die Chancen, dass Kortison erfolgreich wirkt. „Das ist eine schlechte Situation“, sagt Schmalenberg. Er rechnet auch nicht damit, dass so schnell ein wirksames Medikament zur Verfügung stehen wird.

„Deshalb kann ich nur fürs Impfen werben“, sagt der Arzt. „Das ist der einzige Ausweg aus diesem Dilemma.“ Schmalenberg könne nicht nachvollziehen, dass Leute die Corona-Schutzimpfung verweigerten. „Wir führen Diskussionen über extrem seltene Nebenwirkungen eines Impfstoffes, von der 30 bis 35 Menschen von einer Million betroffen sind. Auf der anderen Seite sehen wir alle, was ohne Impfung passiert.“

Was passiert, wenn alle Betten in Dresden belegt sind?

Harald Schmalenberg betont, dass es auf allen Intensivstationen eng aussieht, nicht nur auf denen für Corona-Patienten. „Das ist eine Folge der Krise, die in der Presse kaum erwähnt wird“, sagt er.

Für das Gesundheitssystem werde es schwieriger, Patienten, die einen Verkehrsunfall oder einen Herzinfarkt erleiden, zu versorgen. „Im Dezember waren wir ganz knapp davor, es nicht mehr zu schaffen. Das galt für alle Kliniken in Dresden."

Der Chefarzt habe den Eindruck, dass dies der breiten Bevölkerung gar nicht so bewusst ist. „Wir möchten nicht am Eingang der Notaufnahme stehen und auswählen müssen, wer gerettet werden könnte und wer nicht. Das ist aber die Gefahr.“ Jeder Todesfall, der vermieden werden könne, sei daher sehr wichtig, sagt Schmalenberg mit Blick auf einen harten Lockdown.

Tatsächlich gibt es in Westsachsen schon eine Überforderung, wodurch Patienten nicht mehr optimal versorgt werden können. Die Dresdner Krankenhäuser sind bereits angefragt worden, Patienten von dort zu übernehmen. „Das hat am Donnerstag auch stattgefunden“, sagt Mark Frank. Das Uniklinikum Dresden habe einen Patienten übernommen. Das Städtische Klinikum erwartete für Freitag einen Corona-Patienten. „Obwohl es bei uns eng ist, versuchen wir uns als Krankenhäuser gegenseitig zu unterstützen. Gegebenenfalls wird es so sein, dass auch wir wieder die Hände ausstrecken müssen, wenn es bei uns voller wird.“

Lassen sich die Betten nicht weiter aufstocken?

Das Städtische Klinikum hat in Friedrichstadt und in Trachau bereits 240 Betten vom Netz genommen. „Das Personal wird auf den Corona-Stationen gebraucht. Dort wird ein höherer Personalschlüssel benötigt.“ Sehr vielen Patienten mit verschiebbaren Eingriffen sei deshalb schon abgesagt worden. „Wir versuchen wenigstens, die dringlichen OPs einzuschieben und gerade die Tumorpatienten auf ihren Eingriff nicht so lange warten zu lassen.“

Noch mehr aufzustocken, sei kaum möglich. „Die Grenzen liegen hauptsächlich beim Intensivpersonal. Es ist nicht die Frage, ob wir genug Beatmungsgeräte oder Räumlichkeiten haben. Es steht einfach nicht mehr Intensivpersonal zur Verfügung“ Man könne auch nicht so schnell jemanden anlernen. Die Ausbildung dauert mehrere Jahre.

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