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Corona und Fitnessstudios: Hilft alles nichts?

Viele Betreiber in Dresden haben in ein Hygienekonzept investiert, und nun sind die Studios geschlossen. Wie sie durch die Krise kommen wollen.

Patrick Müller betreibt seinen Fitnessclub PM Sports auf der Prießnitzstraße in der Dresdner Neustadt. Dass bei ihm derzeit niemand trainieren darf, will er nicht einfach hinnehmen.
Patrick Müller betreibt seinen Fitnessclub PM Sports auf der Prießnitzstraße in der Dresdner Neustadt. Dass bei ihm derzeit niemand trainieren darf, will er nicht einfach hinnehmen. © Sven Ellger

Dresden. Falk Noack hat mehr Zeit, als ihm lieb ist. Eigentlich hatte der Betreiber eines Dresdner Fitnessstudios bis zuletzt gehofft, dass das Schlimmste dieses Mal an seiner Branche vorbeigeht - Anfang November mussten für den Lockdown "light" aber auch die Sportstudios schließen.

Dabei hatte der Dresdner zum Beginn des Herbstes noch einmal ordentlich in sein Thomas Sport Center (TSC) an der Kesselsdorfer Straße investiert, hat Plexiglasscheiben zwischen den Kardiogeräten installieren lassen und Kursräume für die Sportler leer geräumt, damit sie mehr Abstand halten können.

Für seine fünf Studios in Dresden war schon Mitte Mai, kurz vor der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown, ein umfangreiches Hygienekonzept ausgearbeitet worden, in den Sommermonaten kehrte so etwas wie Normalität zurück, die anfängliche Skepsis der Sportler wich dem Vertrauen, dass das Konzept funktioniert und die Einschränkungen dennoch nicht zu groß sind. Es durfte sogar wieder geduscht und sauniert werden.

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Einen Anruf vom Gesundheitsamt, das sich nach Kontaktpersonen eines Infizierten erkundigte, habe Noack nie bekommen. Obwohl er aufgrund der Anmeldungen genau sagen kann, wer von den 8.000 Mitgliedern wann in welchem seiner Center trainiert hat.

Die Fitnessgeräte im Thomas Sport Center an der Kesselsdorfer Straße bleiben vorerst ungenutzt. Falk Noack bietet Online-Kurse an und hofft, dass seine Kunden bald ins Studio zurückkehren können.
Die Fitnessgeräte im Thomas Sport Center an der Kesselsdorfer Straße bleiben vorerst ungenutzt. Falk Noack bietet Online-Kurse an und hofft, dass seine Kunden bald ins Studio zurückkehren können. © Sven Ellger

Online-Angebote und Sammelklagen

Wie auch in den Restaurants scheint das nun noch einmal angepasste Hygienekonzept in den Augen der Bundesregierung nicht genug Schutz vor dem Coronavirus zu bieten. Alle Vorsichtsmaßnahmen haben sich nicht gelohnt - zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt, da die Infektionskurven rasch ansteigen, auch in Dresden.

Falk Noack setzt nun, wie schon im Frühjahr, auf Online-Kurse, die live im Internet übertragen werden und die Kunden fit halten sollen. Und auch bei Laune. Denn vereinzelt habe es schon Kündigungen gegeben, sagt Noack. Was vor allem fehlt: Neuanmeldungen.

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Von der erfolgreichen Klage, mit denen Betreiber etwa in Bayern die Öffnung ihrer Studios gerichtlich durchsetzen konnten, wisse er natürlich. "Dafür ist aber Geld nötig", sagt Noack. Geld, das er derzeit nicht hat, denn von der beantragten Corona-Hilfe des Bundes, die ihm 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 erstatten soll, ist noch nichts angekommen. Er kenne aber einige Kollegen, die den Weg vors Gericht nun gehen wollen. Wie Patrick Müller, Chef des Fitnessclubs PM Sports in der Dresdner Neustadt.

Müller erwägt rechtliche Schritte gegen die Schließung der Studios mit der Hilfe der Anwaltskanzlei von Markus Mingers. Ein Bündnis verschiedener Anwälte hat eigens dafür die Seite www.corona-fitnesshilfe.de gegründet - mit dem Aufruf, dass sich kleinere Studios zusammenschließen und gegen die Corona-Regeln klagen sollen.

Hinter dem Bündnis steht die Kanzlei des umstrittenen Dresdner Rechtsanwalts Frank Hannig, der für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat sitzt. Hannig bestätigt auf SZ-Nachfrage, dass er Mingers unterstützt, weil der auf Massenverfahren spezialisiert sei und unter anderem Kläger im VW-Abgasskandal vertrete.

Jeder Studiobetreiber müsse einzeln klagen. Ansatz des Bündnisses sei der Eingriff in die Berufsfreiheit. "Wir haben extreme Resonanz." Bundesweit seien bereits innerhalb einer Woche mehr als 300 Fälle zusammengekommen. "Das ist die einzige Möglichkeit für kleine Fitnessstudios." Hannig räumt ein, man könne es nur probieren. Aber in Hamburg und München gebe es bereits positive Entscheidungen, also einstweilige Verfügungen, die die Öffnung wieder zulassen.

Wenn auf Bundesebene aber das "Corona-Gesetz" verabschiedet werde, so Hannig weiter, und der Bund Maßnahmen bei Pandemien festlegen kann, würde sich die Situation für solche Fälle grundsätzlich verschlechtern.

Massenklage auch für Gastronomen geplant

Ein massives Problem mit den Schließungen haben allerdings nicht nur Betreiber von Fitness-, Kosmetik- und Tattoostudios, sondern auch Gastwirte. "Wegen der hohen Resonanz planen wir ein ähnliches System auch für Gastronomen." Das solle in der kommenden Woche entschieden werden, so Hannig.

Der Neustädter Studiobetreiber Patrick Müller will sich indes nicht als Corona-Leugner verstanden wissen. "Ich stelle Corona nicht in Frage, überhaupt nicht, aber bei uns in den Studios achten wir streng auf Hygienemaßnahmen wie Desinfizieren und Abstand", sagt Müller. Er und viele in seiner Branche verstehen nicht, warum ausgerechnet Fitnessstudios und ähnliche Angebote von der Schließung betroffen sind. "Warum müssen Tattoostudios zumachen, aber Friseure dürfen offen bleiben?" Ihn und sein Studio trifft der Lockdown wie alle anderen hart, es ist bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass die Gewichte und Laufbänder stillstehen. "Jedes Mal in unseren stärksten Monaten, im Herbst und Winter".

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Einige seiner rund 800 Mitglieder würden ihren Beitrag aktuell trotz Schließung weiterzahlen, aber viele hätten ihn auch ausgesetzt. "Wir bieten auch an, dass die nun ausfallende Zeit einfach in der Vertragslaufzeit hintendran gehangen wird." Aber viele seiner Mitglieder müssten sparen, sie arbeiten vielleicht in einem der geschlossenes Restaurants oder Kosmetikstudios in der Neustadt. Auch Müller versucht, die zahlenden Sportler zu halten. "Wir bieten Training via Internet an oder leihen auch Hanteln und Co. aus", so der Inhaber. Denn ohnehin ist der Kampf der kleineren Studios gegen die großen Ketten schwer - und auch gegen die Konkurrenz aus dem Netz. "Viele haben während des ersten Lockdown Fitness-Influencer wie Pamela Reif für sich entdeckt."

TSC-Geschäftsführer Falk Noack sieht unterdessen noch ganz andere Folgen der Schließung auf die Dresdner zukommen. Er rechnet damit, dass viele ohne Sport Gesundheitsprobleme bekommen werden. Ohne Übungen für den Rücken kann es auf dem Küchenstuhl im Homeoffice schnell unbequem werden, was langfristige Schäden mit sich bringt. "Auch die Sauna fehlt für die Abhärtung." Er vermisse auch den Aufruf, zumindest mal an die frische Luft zu gehen, sich zu bewegen. "Nur mit dem Bierchen auf der Couch wird es mit der Gesundheit jedenfalls nicht besser", ist Noack überzeugt.

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