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Dresden

Briefe an den unbekannten Kranken

Für ihr Engagement in der Corona-Krise wird die spanische Ärztin Cristina Marin Campos mit dem Dresdner Friedenspreis 2021 geehrt.

De spanische Ärztin Cristina Marin Camposerhält den Dresdner Friedenspreis.
De spanische Ärztin Cristina Marin Camposerhält den Dresdner Friedenspreis. © Juan Carlos Rojas

Von Heidrun Hannusch

Dresden.
Ein Zoom-Meeting im Herbst 2020. Auf dem Bildschirm eine junge Frau in hellblauem Kittel vor weißem Krankenhaushintergrund. Dann sagt sie diesen Satz: „Das Schlimmste war, als Patienten noch im Warteraum gestorben sind, bevor wir überhaupt Zeit hatten, sie aufzunehmen.“

Zoom wurde in Corona-Zeiten das bevorzugte Portal für digitale Kommunikationen. Und selten, dass ein technischer Name so die Zeit wiedergibt. Die Pandemie hat die Welt zusammengezoomt. Das Ferne scheint so nah wie selten, weil sich alle Bilder ähneln. Nur die Kulisse und die Requisiten unterscheiden sich.

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Die Frau im Arztkittel sitzt während unseres Gesprächs in einem Hospital in Madrid. Die 32-jährige Cristina Marin Campos wollte schon als Kind Ärztin werden, so wie ihre Mutter, die als Hausärztin gearbeitet hat. Im Jahr 2019 begann sie in dem Krankenhaus Hospital Universitario de la Princesa als Assistenzärztin in der Chirurgie. Da hatte sie eine 11-jährige Ausbildung hinter sich. Die sie aber nicht auf das vorbereiten konnte, was im Frühjahr 2020 geschah.

„Das Krankenhaus hat 400 Betten, aber es kamen 600 Patienten. Sie lagen überall auf den Gängen, auf Luftmatratzen“, erzählt sie. Sie war eingeteilt worden für die Notaufnahme. Und da erlebte sie, was kein Arzt erleben möchte. Nicht nur, dass Patienten unter seinen Händen sterben, sondern dass sie sterben, bevor seine Hände sie überhaupt berühren können. Weil es einfach zu viele sind.

Es war der März des Corona-Jahres 2020. Und es waren Bilder aus Italien und Spanien, die die ganze Welt aufschreckten. Aber diese Bilder konnten nicht alles zeigen. „Unser Krankenhaus sah aus wie ein Kriegskrankenhaus“, erzählt sie. Und auch, dass es an allem fehlte. „Wir hatten anfangs zu wenig Schutzkleidung und nur Standardmasken.“

Cristina Marin Campos arbeitet im Hospital Universitario de La Princesa in Madrid.
Cristina Marin Campos arbeitet im Hospital Universitario de La Princesa in Madrid. © Juan Carlos Rojas

Sie berichtet, wie sie Bettlaken in Bleichmittel einweichten, um dann mit den Tüchern die Füße zu desinfizieren. Wie das Personal aus Tauchermasken Beatmungsgeräte bastelte.

Am schlimmsten aber sei gewesen, dass Kranke ganz allein sterben mussten. Und wie die Patienten unter der Isolation gelitten haben. Einziger menschlicher Bezugspunkt einmal täglich ein Arzt, der unter seinem Schutzanzug, der Maske, der Schutzbrille als Person nicht erkennbar war.

Am 18. März postete die junge Ärztin über die sozialen Medien einen Aufruf, Briefe an die isolierten Patienten in ihrem Krankenhaus zu schicken. Briefe von draußen nach drinnen, um die zu der Zeit unüberwindliche Grenze zwischen beiden etwas durchlässiger zu machen. Um denen da drinnen zu sagen, ihr seid nicht allein, auch wenn sich das so anfühlt. Ihr seid nicht vergessen, wir denken an euch. Am Ende ihres Videoaufrufs sagte Cristina Marin Campos: „Der Kampf gegen das Coronavirus übersteigt den einzelnen Menschen. Diesen Kampf führen wir alle zusammen, denn nur gemeinsam werden wir das Virus besiegen.“ Das Video ging viral – noch so ein Wort, das plötzlich viel besser verstanden wird. Binnen eines Tages kamen 35.000 Briefe an.

„Ich wollte es etwas menschlicher machen für die Patienten“, erklärt sie, warum sie etwas tat, was weit über ihre ärztlichen Pflichten hinausgeht. Und es sei der Versuch gewesen, der angstbeladenen Umgebung etwas entgegenzusetzen mit ermutigenden Botschaften.

Wie diese: „Kämpfe für Dich, weil Du die wichtigste Person in Deinem Leben bist, aber auch für diejenigen, die Dich lieben und die auch Du liebst.“ Ein Satz aus einem der Schreiben. Die Idee war, dass Briefe adressiert werden an unbekannte Kranke. Der Briefeschreiber sollte darin auch etwas über sich erzählen, damit eine Art Verbindung entstehen kann.

Zeugnisse besonders großer Solidarität

Und so war es auch. Alte schrieben, wie es ihnen gerade in Altenheimen geht. Kinder schickten Zeichnungen. Spanier im Ausland dachten auf diese Weise an ihr von der Krise gebeuteltes Heimatland. Sogar Häftlinge beteiligten sich an der Aktion und schrieben übrigens besonders berührende Briefe. „Viele Briefe gingen auch mir ans Herz“, sagt Dr. Marin Campos. Und sie erzählt, dass einige mitteilten, das sei der erste Brief ihres Lebens. Oder ein Analphabet hatte seine Botschaft diktiert.

Liest man die Briefe, dann entsteht ein Bild von Spanien in der Pandemie, wie man es auf anderem Weg kaum erhalten kann. Denn viele Briefschreiber schienen sich auch selbst Mut machen zu wollen. „Wir stehen das durch“. „Wir sind doch ein starkes Land“. Vor allem aber sind sie ein Zeugnis, wie groß die Solidarität ist in Krisenzeiten, wie tief die Empathie. Obwohl die Absender nicht wussten, wen ihr Brief erreichen wird, schrieben sie, als sei er an einen engen Freund gerichtet. Am Ende Küsse und Umarmungen und die Hoffnung, sich vielleicht doch einmal kennenlernen zu dürfen.

In Zeiten der vorwiegend schlechten Nachrichten wurde die Aktion der jungen Medizinerin international beachtet und geradezu bejubelt. Der Sender Al-Jazeera setzte Marin Campos sogar auf Platz 1 seiner weltweiten Liste der Corona-Helden. Sie sieht sich nicht als Heldin. „Ich hatte nur die Idee. Das Eigentliche haben die getan, die die Briefe geschrieben haben. Ich bin sehr stolz auf die Spanier“, sagt sie. Für ihre mitmenschliche Aktion erhält Cristina Marin Campos am 21. Februar 2021 den Internationalen Friedenspreis „Dresden-Preis“.

Was sie nicht geahnt hatte, war, dass sie von nun an eine zweite Schicht haben würde nach der im Krankenhaus. Tausende Briefe las sie jeden Abend, sortierte und verteilte sie am nächsten Tag auf den Stationen des Krankenhauses. Und die Botschaften gehen nach wie vor ein, zwar weniger als am Anfang, aber es hört nicht auf.

Ein Wunsch für die Zeit nach Corona

Und an den Reaktionen der Patienten kann die Ärztin ermessen, wie wichtig für sie diese Botschaften von draußen sind, die Erkenntnis, dass so viele an sie denken. Sie erzählt von einer Gruppe älterer Patientinnen, die jeden Tag auf ihren Brief warten, wie sie vorher täglich auf die Fortsetzung ihrer Telenovela warteten. Sie berichtet auch von einem Fall, in dem ein jüngerer Kranker nach dem Lesen seines Briefs so berührt war, dass er nicht mehr aufhören konnte zu weinen.

„Die Menschen wissen gar nicht, wie sehr sie mit ihrer Ermutigung den Patienten bei der Genesung geholfen haben“, sagt Marin Campos. Und sie glaubt, es habe auch die Verfasser gestützt, die zu Hause waren und nicht wussten, wie sie sonst helfen können.

Inzwischen steckt auch Madrid in der zweiten Welle. Während der ersten hatte sich bereits ein Drittel des Personals ihres Krankenhauses mit Covid-19 infiziert, darunter auch Cristina Marin Campos selbst. Um ihre Familie nicht anzustecken, hatte sie diese monatelang nicht gesehen. Auf die Frage, was sie tun möchte, wenn all das einmal vorüber ist, sagt sie dann auch: „Ich möchte meine Eltern in den Arm nehmen.“

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Zoom heißt in der Filmsprache Veränderung der Brennweite am Kameraobjektiv, um die Illusion einer Hin- und Rückfahrt zu erzeugen. Auch diese Zoom-Interviews mit der Ärztin waren nur die Illusion einer Hin- und Rückfahrt nach Madrid. Ein persönliches Treffen kann es nur fragmentarisch ersetzen. Aber persönliche Fragen helfen. Zum Beispiel die nach Passionen jenseits der Arbeit. Lesen ist eine, Gabriel Garcia Marquez ihr Lieblingsschriftsteller. Wir sprechen über sein berühmtestes Buch „100 Jahre Einsamkeit“. Vorher hatte Cristina auch von der Einsamkeit der Mediziner während der Pandemie gesprochen. „Wir haben uns gegenseitig unterstützt, aber es gab trotzdem ein Gefühl von Einsamkeit. Denn wir konnten niemandem außerhalb erzählen, wie schmerzlich die Lage im Krankenhaus wirklich war“. Und sie fügt hinzu: „Aber es war auch gut so, dass sie es nicht wussten.“ Übrigens, ihr Lieblingsbuch ihres Lieblingsautors ist ein anderes: „Liebe in Zeiten der Cholera“. Was sonst.

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