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Ein Leben mit Corona? Dinge, die uns helfen

So forscht Sachsen: Es geht um Medikamente, sensible Sensoren, Ansteckung und die große Frage, wie sich die zweite Welle stoppen lässt.

Die Zeit läuft. Jede Woche weiter im Jahr bekommt das Coronavirus bessere Chancen, sich auszubreiten. Allein in Sachsen arbeiten Hunderte Forscher daran, das Virus aufzuhalten.
Die Zeit läuft. Jede Woche weiter im Jahr bekommt das Coronavirus bessere Chancen, sich auszubreiten. Allein in Sachsen arbeiten Hunderte Forscher daran, das Virus aufzuhalten. © plainpicture/Monty Rakusen

Mit Hightech, neuen Materialien und viel Wissen aus Biologie und Medizin wollen sächsische Forscher das Corona-Virus bekämpfen. Und sie lassen Supercomputer gegen das Virus antreten. Seit Februar schon laufen die ersten Forschungsprojekt zu oder besser gegen Corona. Inzwischen kommen jeden Monat neue dazu. Der größte Teil der bisherigen Forschungsgelder kommt dabei vom Land. Allein das Wissenschaftsministerium fördert derzeit mehr als ein Dutzend Projekte. Mehr als 16 Millionen Euro wurden dafür vom Sächsischen Landtag bereits freigegeben „im Interesse unserer Gesundheit, unserer Zukunft“, sagt Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) beim digitalen Science Match am Freitag. 14 Corona-Projekte jagen dort im Fünfminutentakt über den Bildschirm. Alles Dinge, die schon in Kürze unser Leben besser, leichter vor allem gesünder machen könnten. Ein Leben mit Corona.

Dieses Virus verschwindet nicht mehr, also müssen wir etwas tun, um mit ihm klarzukommen. Allein an der TU Dresden laufen bereits 13 Projekte. Mehr als zwei Millionen Euro stehen dafür zusätzlich zur Verfügung. Bundes- und EU-Gelder kommen dort noch dazu. Über 50 weitere Projekte haben an der TU zumindest einen inhaltlichen Bezug zu Sars-CoV-2. Das reicht von der Virenerkennung, über Bevölkerungsstudien bis zu Forschungen über Verschwörungstheorien.

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Schulen sind keine Hotspots

Wütet das Virus in den Klassenzimmern? Treiben Kinder die Epidemie voran? Eben nicht! Wieland Kiess von der Kinder- und Jugendmedizin der Universität Leipzig hat im Juni und September je 1.800 Schüler in fünf Orten untersucht. Der Test im Juni fand nur bei 0,5 Prozent Antikörper und nach den Ferien im September bei 0,4 Prozent. Bei den Lehrern waren es 0,8 und dann 1,0 Prozent. Aber Kinder leiden psychisch stark unter Kontaktverlust. Dennoch machen sie sich um ihre Familie mehr Sorgen als um sich selbst. 

SZ-Check: Krass falsche Annahme ist widerlegt.

Infizierte Zellen ausschalten

Michael Bachmann und sein Team vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf entwickeln neue Medikamente. Sie sollen das Virus neutralisieren, infizierte Zellen zerstören und Aufnahmen des Krankheitsverlaufs ermöglichen. „Wir arbeiten auch an neuen Diagnoseverfahren mit Hilfe kleinster Sensoren“, erklärt er. Ihre Vision ist ein Messgerät ähnlich einem Fieberthermometer oder Blutzuckermessgerät. Es könnte schon nach kurzer Zeit digital anzeigen, ob eine akute, überstandene oder gar keine Infektion vorliegt.

SZ-Check: Beschleunigt den Heilungsprozess.

Familien bleiben sehr oft gesund

Bringen die Kinder das Virus in die Familien mit? Und sind Schulen nach den Ferien die Treiber der Epidemie, Jacob Arman von der Kinder- und Jugendmedizin der TU Dresden, berichtet: Schulen sind auch nach den Ferien keine Virencluster. Nur bei 1,2 Prozent der Schüler lassen sich Antikörper feststellen. Weniger als zehn Prozent von deren Familien haben sich dann komplett angesteckt. Und manchmal ist, nichts zu finden, richtig gut: Diese Studie hat keine einzige unbemerkte Ausbreitung in einer Kita entdeckt.

SZ-Check: Kinder sind kaum ansteckend.

Dieser Sensor-Chip findet das Virus in der Luft

Forscher der TU Dresden wollen innerhalb von nur zwei Jahren einen Sensor-Chip für Coronaviren bauen. Neu wären dann auch Aussagen dazu, wie stark die Virusbelastung ist. Die Teams aus der Materialforschung und Nanotechnik von Gianaurelio Cuniberti sowie der E-Technik von Ronald Tetzlaff arbeiten bereits an diesem neuartigen mikroelektronischen Sensor. Der TU-Chef-Virologe Alexander Dalpke ist ebenso dabei. Der neue Bio-Chip soll das Virus aus einem Tropfen Blut oder Speichel zuverlässig erkennen und selbst so geringe Viruskonzentrationen nachweisen, die derzeit nicht auffindbar wären. Und mehr noch: Ein Sensor soll Viren selbst in der Raumluft entdecken. In öffentlichen Gebäuden, im Nahverkehr in Flugzeugen. Als eine Art künstliche Nase soll er das Virus riechen. Innerhalb einiger Monate wird es einen Prototypen dafür geben. Dann soll auch die Fertigung beginnen.

SZ-Check: Kann die Welle stoppen.

Das Risiko von Infektionen in Altenheimen

Wie viele unentdeckte Corona-Infektionen gibt es in Alten- und Pflegeheimen wirklich? Das Universitätsklinikum Leipzig hat dazu im Frühjahr eine große Studie durchgeführt. Mit diesen systematischen Untersuchungen der Bewohner sollte schließlich geklärt werden, wie schnell in diesen Risikogruppen der Anteil jener Personen zunimmt, die eine Immunität gegen das Virus entwickelt haben. Immun ist dann jemand, wenn entweder Antikörper gegen das Virus im Blut vorhanden sind oder wenn man trotz positiver Virusnachweise ohne Symptome der Erkrankung ist. Zur großen Überraschung fanden die Wissenschaftler nicht einen Fall unbemerkter Infektion. Der Schutzkonzept hatte in der ersten Welle funktioniert.

Die Forscher machten zudem eine Vergleichsstudie bei Leipziger Blutspendern in Leipzig. Weniger als ein Prozent hatte bis dahin unbemerkt Kontakt mit dem Virus.

SZ-Check: Der Schutz hat funktioniert.

Wirtschaft wird krisenfest

Wie abhängig Unternehmen von globalen Lieferketten sind, zeigt die Corona-Krise deutlich. Ein Projekt des Leipziger Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie sucht Lösungen. „Wir wollen das Immunsystem von Unternehmen stärken“, sagt Marija Radic. Im Fokus stehen Maschinenbau, Autozulieferer, Mikroelektronik und Nanotechnologie. Die Wissenschaftler schauen sich neue Geschäftsmodelle an und finden heraus, wie moderne Technologien in der Pandemie helfen.

SZ-Check: Stärkt die regionale Wirtschaft.

Wie sich das Virus ausbreitet

Wie bewegt sich Sars-CoV-2 durch die Luft? Wie verändert sich die Ausbreitung von Aerosolen, wenn sich Umgebungsbedingungen ändern? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die ein sächsisch-bayerischer Forschungsverbund beantworten möchte. Beteiligt sind Wissenschaftler aus Dresden, Leipzig, Chemnitz und Bayern. Sie analysieren ebenfalls, wie schwere Verläufe zustande kommen und wie der Körper eine Immunität aufbaut. Das Wissen lässt sich später für die Entwicklung antiviraler Wirkstoffe nutzen.

SZ-Check: Hilft, das Virus besser zu verstehen.

Zuverlässiges Frühwarnsystem für die nächsten Wellen

Um in der Pandemie wichtige Entscheidungen zu treffen, braucht die Politik verlässliche Informationen. Unter der Leitung des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig wollen sächsische Forscher nun genau diese Grundlagen erarbeiten. Dafür werden sie eine größere Gruppe von Menschen im Freistaat mit einem speziellen Gurgeltest in regelmäßigen Abständen immer wieder auf Sars-CoV-2 testen. Durch diese Herangehensweise lässt sich die Ausbreitung des Virus in Sachsen verfolgen. Die Ergebnisse der Forscher sollen zum einen eine Überprüfung der Effektivität staatlicher Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ermöglichen. Zum anderen ließen sich damit neue Ausbruchsszenarien frühzeitig erkennen und die Entwicklung besser vorhersagen. Dieses neue Wissen soll in Zukunft helfen, mögliche weitere Corona-Wellen deutlich früher zu erkennen als bisher.

SZ-Check: Für diesmal schon zu spät.

Verschwörungstheorien und ihre lange Geschichte

Die Spanische Grippe und Covid-19 eint nicht nur ihr Auftreten als Pandemie. Das Hannah-Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden interessiert noch eine andere Gemeinsamkeit: Wie und warum entstehen in diesen Phasen Verschwörungstheorien und politischer Extremismus? Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen bringen beim Projekt ihr Wissen ein. Sie wollen klären, wie unsichtbare Angriffe auf die Gesundheit der Menschen zu sichtbaren Angriffen auf die Demokratie werden. „Schwerpunkt der Untersuchungen liegt dabei auf Sachsen und seinen Nachbarn Tschechien und Polen“, erklärt Isabelle-Christine Paneck. Zugleich nutzt das Projekt digitale Möglichkeiten wie virtuelle Workshops und Konferenzen, um mit internationalen Partnern zusammenzuarbeiten. Aber auch, um die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

SZ-Check: Wissen hilft gegen Lügen. 

Mehr Platz für wichtige Proben

Blut, Gewebe oder andere Materialien werden in der Leipziger Biobank gelagert. Bis Anfang 2020 stellte sie Proben für zirka 80 Forschungsprojekte bereit. Doch der Platz wird knapp. Deshalb unterstützt der Freistaat nun die Modernisierung der Biobank. Werden die Lagermöglichkeiten erweitert, kann den Herausforderungen der Pandemie besser begegnet werden. Auf der Suche nach Auswegen brauchen Wissenschaftler immer mehr geeignetes Probenmaterial, um beispielsweise neue Therapien zu entwickeln.

SZ-Check: Hilft anderer Forschung weiter.

Wer soll wann getestet werden?

Mit Hochleistungsrechnern gegen das Virus. Das neue Software-Institut Casus in Görlitz entwickelt die digitale Plattform Where2Test, um die Corona-Tests effektiver zu verteilen. Die sind nur begrenzt verfügbar und die Labors bereits ausgelastet. Das könnte die Ressourcen optimal verteilen. Wer wird wann, wo und wie oft am sinnvollsten getestet? Die Großrechner kombinieren das aktuelle Infektionsgeschehen mit Simulationen und geben „Was-wäre-wenn-Szenarien“. Nutzbar als Version 1.0 etwa ab Januar.

SZ-Check: Wichtige Prognose für die Epidemie.

Entscheidungen, die Leben retten

Bei einem sehr schweren Krankheitsverlauf, was ist dabei die beste Therapie? Künstliche Beatmung schädigt nachhaltig die Lunge. Je sanfter die künstliche Unterstützung ist, desto weniger Schäden hinterlässt diese Behandlung. Nur reicht das bei Covid? Offenbar in den meisten Fällen schon. Die maximale Beatmung, bei der die Patienten ins künstliche Koma versetzt werden, ist nur in einem Teil der Fälle nötig. Zu diesem Schluss kommen Mediziner der Universitätsklinik Leipzig. Es gibt nun Handlungsempfehlungen.

SZ-Check: Diese Studie verringert Spätfolgen.

Wenn die Blutdruck-Pille das Corona-Virus jagt

Nierenheilkunde hat viel mit Covid zu tun. Das Virus nutzt dieselben molekularen Mechanismen wie die Moleküle für die Blutdruckregulation. Es geht um den ACE2-Rezeptor in Lunge und Niere. Im Frühjahr wurden einige dieser Medikamente verdächtigt, das Virus zu unterstützen, dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Einige der Blutdrucksenker könnten, so die Hoffnung, das Coronavirus sogar zurückdrängen. Medikamente auf der Basis von Sartanen, gefäßerweiternden Wirkstoffen, sollen jetzt in klinischen Studien zur Behandlung von Covid-19 getestet werden. Das Team vom Uniklinikum Leipzig und das Team vom St.-Georgs-Krankenhaus Leipzig arbeiten bereits daran.

Und noch etwas entwickeln diese beiden Ärzteteams in Leipzig: Einen Urintest, der bereits am ersten Tag der Infektion vorhersagen kann, ob der Verlauf der Erkrankung ein schwerer sein wird.

SZ-Check: Chance auf Medikament.

Was Coronaviren im Abwasser verraten können

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Mediziner des Uniklinikums Leipzig haben nach den Sommerferien Kinder auf das Coronavirus getestet. Das Ergebnis: Die Infektionslage an Schulen ist gering.

Die Corona-Dunkelziffer ist hoch – manche Studie spricht von einem zehnmal höheren Wert als die bekannte Infektionszahl. Weil viele Erkrankte unentdeckt bleiben, ist auch die Vorhersage weiterer Wellen in schwierig. Helfen könnte ein in Sachsen entwickeltes Abwassermonitoring. „Coronaviren werden vom Körper ausgeschieden und gelangen so in die Kläranlagen, wie eine Sammelprobe“, erklärt Hauke Harms vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Mit 20 Anlagen in Sachsen läuft derzeit ein Feldversuch. Wissenschaftler aus Dresden und Leipzig weisen dort Coronaviren nach und bestimmen aus ihrer Häufigkeit die Anzahl der Infizierten in der Region. Mindestens eine Woche früher als bisher könnte so das Herannahen einer neuen Infektionswelle prognostiziert werden – in allen Kläranlagen Deutschlands. Das System liefert so auch verlässliche Daten zur Durchseuchung der Gesellschaft.

SZ-Check: Warnt in Echtzeit.

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