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Ein Sommer mit Kultur – oder doch nicht?

Sachsens Kultureinrichtungen planen ihre Freiluft-Saison, obwohl die neue Notbremse diese eher nicht erlaubt.

Im vergangenen Sommer gab es im Theaterzelt in Rathen Vorstellungen der Landesbühnen Sachsen. Wird es auch in diesem Sommer wieder bespielt werden?
Im vergangenen Sommer gab es im Theaterzelt in Rathen Vorstellungen der Landesbühnen Sachsen. Wird es auch in diesem Sommer wieder bespielt werden? © Sylvio Dittrich

Das Zelt kommt – davon geht Manuel Schöbel, Intendant der Landesbühnen Sachsen, fest aus. Ab Ende April wird die Sommerbühne des Radebeuler Theaters in Rathen aufgebaut. Und Ende Mai soll die Sommersaison starten. „Wir glauben an eine Chance“, so Schöbel.

Man hört viel von Chancen, Hoffnungen und Plänen, wenn man in diesen Tagen mit sächsischen Kulturmenschen spricht. „Wir haben die Verpflichtung, Versionen zu finden, unter denen man spielen kann“, so formuliert es Schöbel in Radebeul. Dramaturg Christoph Nieder vom Mittelsächsischen Theater Freiberg Döbeln drückt es so aus: „Wir sehen dem Ende Mai optimistisch entgegen.“ Zu Pfingsten soll auf der Seebühne Kriebstein der Sommerspielplan des Mittelsächsischen Theaters starten.

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Optimismus ist auch notwendig nach den Nachrichten vom Donnerstagnachmittag. Der Bundestag hatte eine bundesweite Notbremse auf den Weg gebracht, auch der Bundesrat ließ das geänderte Infektionsschutzgesetz passieren. Es tritt am Freitag in Kraft. Nach der neuen Bundes-Notbremse dürfen Theater, Opern, Konzerthäuser, Musikclubs, Kinos, Museen, Ausstellungen und Gedenkstätten erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 100 öffnen. Liegt der Wert drei Tage lang über 100, muss alles wieder dichtmachen. In ganz Sachsen ist dies der Fall. Darum ist auch alle Kultur – derzeit bis auf einige Museen – geschlossen.

Die Entscheidungen von Donnerstag sind ein herber Schlag vor allem für jene Kulturveranstalter, die ihre Kraft in die Planung einer Freiluftsaison gelegt hatten. Sie dachten, dass sie wenigstens draußen wieder auftreten dürfen. Für ihre Hoffnung hatten sie gute Gründe: In den letzten Wochen waren immer wieder wissenschaftliche Publikationen erschienen, die von einer sehr geringen Ansteckungsgefahr an der frischen Luft ausgehen.

Bei einer Inzidenz über 100 bleibt die Kultur zu, basta

In einer Studie aus Irland wird betont, dass sich von über 200.000 Corona-Infizierten nur etwa 0,1 Prozent im Außenbereich angesteckt hatten. Das decke sich auch mit früheren Studien aus China, sagt Birgit Wehner vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung. Dort weist man immer wieder darauf hin, dass die Ansteckungsgefahr fast ausschließlich in Innenräumen bestehe. Wehner sagt: „Aus aerosolwissenschaftlicher Sicht ist es nicht nachvollziehbar, wenn Open-Air-Veranstaltungen mit vernünftigem Hygienekonzept verboten werden, gleichzeitig aber nach wie vor Menschen den ganzen Tag im Großraumbüro ohne Masken, maximal mit Plexiglasscheiben getrennt, zusammensitzen.“ Das Leibniz-Institut forderte darum in einem offenen Brief eine Fokussierung der Corona-Maßnahmen auf Innenräume.

Wird der beliebte Bautzner Theatersommer stattfinden? Abgesagt ist er noch nicht.
Wird der beliebte Bautzner Theatersommer stattfinden? Abgesagt ist er noch nicht. © Archivfoto: Wolfgang Wittchen

Doch die Politik entschied am Donnerstag anders. In der Bundes-Notbremse wird nicht differenziert zwischen Innen- und Außenveranstaltungen: Die Kultur bleibt bei Inzidenzen über 100 zu, basta. Der Deutsche Kulturrat kritisierte diese Entscheidung. Geschäftsführer Olaf Zimmermann hätte sich bei den verschärften Pandemieregeln mehr Spielraum für Veranstaltungen im Freien gewünscht. „Ich glaube, keine vernünftige Stimme aus dem Kulturbereich hat etwas dagegen, dass wir mehr Einheitlichkeit bekommen und uns auch deutlicher gegen dieses Virus zur Wehr setzen“, so Zimmermann. Trotzdem müsse man sich genau ansehen, „ob alle diese Vereinbarungen vernünftig sind“. Im Kulturbereich müsse man da Zweifel haben.

Deutliche Worte kamen auch vom Intendanten des Berliner Ensembles, Oliver Reese: „Für uns und die gesamte Kultur ist das Infektionsschutzgesetz eine Katastrophe. Es ist erschütternd, dass der Stellenwert von Kultur für die Politik in Deutschland so gering ist und auch die wichtigsten Kulturpolitiker und Verbände im Vorfeld kein Gehör fanden.“

„Hauptsache, alle fühlen sich sicher“

In der sächsischen Kulturszene setzt man indes weiterhin auf das Prinzip Hoffnung. „Es ist zum Glück noch einen Monat hin“, teilten die Landesbühnen Sachsen mit. Auch das Mittelsächsische Theater hofft neben sinkenden Zahlen darauf, dass Hygiene- und Testkonzepte die Politik noch davon überzeugen können, andere Regelungen festzulegen. Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen hält weiterhin tapfer daran fest, dass am 1. Mai der Kartenvorverkauf für den beliebten Theatersommer beginnt. Auch von den Dresdner Musikfestspielen, die am 14. Mai beginnen sollen, kam bisher keine Absage.

Auf der malerischen Seebühne Kriebstein geht offiziell zu Pfingsten die Saison los. Foto: Dietmar Thomas
Auf der malerischen Seebühne Kriebstein geht offiziell zu Pfingsten die Saison los. Foto: Dietmar Thomas © Dietmar Thomas

Alle Veranstalter und Theaterchefs signalisieren jedoch stets die Bereitschaft: Wie auch immer die Regeln sind, wir werden sie erfüllen. „Ich bin offen für alle Bemühungen, die das Theater leisten muss, um spielen zu können“, sagt Manuel Schöbel von den Landesbühnen – „Hauptsache, alle Zuschauerinnen und Zuschauer fühlen sich sicher“.

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Tatsächlich, und auch das gehört zur Wahrheit, ist „draußen“ nicht gleich „draußen“. Auch das betont die Wissenschaft. „Sollten Zuschauerinnen und Zuschauer über lange Zeit ohne Maske relativ eng beieinanderstehen und es dazu noch windstill sein, wäre eine Infektion zumindest nicht unmöglich“, so Birgit Wehner vom Institut für Troposphärenforschung. Doch sie fügt auch hinzu: „Wenn man ein paar Regeln einhält, ist es quasi ausgeschlossen.“

In den Theatern gehen die Proben weiter, Veranstalter planen Vorstellungen, terminieren Konzerte. Immer in der Hoffnung auf sinkende Zahlen – oder eine Einsicht der Politik. (mit dpa)

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