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Dresdner in der Pandemie: Einsam und ausgebrannt

Familien, Suchtkranke, Studenten und Senioren litten in der Coronakrise besonders. Das wurde in einer Expertenanhörung am Mittwoch deutlich.

Von Julia Vollmer
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Familien kämpfen mit der Mehrfachbelastung während der Pandemie.
Familien kämpfen mit der Mehrfachbelastung während der Pandemie. © dpa

Dresden. Unsicherheit und Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus, wochenlanger Lockdown ohne Freunde und Familie zu sehen: Die Pandemie ist für keinen Dresdner eine leichte Zeit. Wer aber keine eigene Wohnung, Probleme in der Familie oder eine Suchterkrankung hat, für den war es nochmal schwieriger. Am Mittwochnachmittag berichteten fünf Frauen bei der Expertenanhörung im Sozialausschuss von ganzen besonderen Herausforderungen in der Corona-Zeit.

Die Fraktionen der Grünen, Linke und SPD hatten einen gemeinsamen Antrag eingereicht, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie vor allem im Sozial- und Jugendhilfebereich in den Fokus zu rücken. Ziel des Antrags ist es, die bestehenden Strukturen sozialer Einrichtungen und Angebote auf ihre Belastbarkeit während der Krise und neu auf Bedarfe auszurichten.

Wie ging es den Dresdner Familien?

"Für die Familien und vor allem für viele Frauen war die Mehrfachbelastung in der Pandemie mit Homeschooling und dem eigenen Alltag ein Problem", sagt Sozialpädagogin Lydia Bindrich vom Frauenberatungsverein Sowieso. Die Frauen seien erschöpft gewesen, hätte keine Zeit mal für sich gehabt. In manchen Familien war auch häusliche Gewalt ein Thema, nochmal verschärft durch die Angst, die Unsicherheit oder einen Jobverlust.

"Schwer war die Pandemie auch für Frauen mit einer Traumaerfahrung, viele von ihnen sind durch die Angst und den Kontrollverlust in eine erneute Krise gerutscht", so Bindrich. Es fehlte außerdem in der Arbeit mit Langzeitarbeitlosen an Unterstützung für die Familie für Masken und Tests oder für technische Geräte. "Ohne einen Laptop zu Hause und mit geschlossenen Beratungsstellen mit Internetanschluss ist es schwierig, eine Bewerbung abzuschicken", sagt Bindrich. Sie wünsche sich für die Zukunft, dass in Krisen alle mitgedacht werden, auch einkommensschwache Menschen und Alleinerziehende.

SPD-Stadtrat Vincent Drews will die Pandemie und deren Folgen auswerten und konkrete Hilfen entwickeln. "Probleme wie Überforderung, Hilflosigkeit, Vereinsamung aber auch Gewalterfahrungen haben in der Pandemie zugenommen. Gleichzeitig waren Hilfen schwerer zu erreichen, weil Kontaktbeschränkungen und Schließungen notwendig wurden."

Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Wohnungslose und Suchtkranke?

Auch die Streetworker vom Projekt SafeDD stellen einen großen Bedarf an Unterstützung fest. Ihre Zielgruppe sind Menschen mit Suchterkrankungen und Frauen und Männer, die davon bedroht sind. Unter Ihnen sind auch Personen, welche sich in der Wohnungs- oder Obdachlosigkeit befinden. "Trotz der Kontaktbeschränkungen haben wir 2020 mit rund 5.600 eine deutliche Zunahme unserer Kontakte, also Menschen die Hilfe brauchen, festgestellt. 2019 waren es rund 3.000", sagt Sozialpädagogin Heidi Hemmann.

Schwierig waren für die Betroffenen während des Lockdowns - SafeDD arbeitet unter anderem in der Neu- und Altstadt sowie in Gorbitz und Prohlis - vor allem die Schließung von vielen Beratungsangeboten und Tagestreffs. Außerdem war und ist die fehlende persönliche Vorsprache auf Ämtern und Behörden ein Problem. "Viele unserer Adressaten haben weder Telefon, noch Mail oder eine Postadresse. Der Kontakt lief dann immer über uns", so Hemmann.

Schwierig für Suchtkranke sei es zudem gewesen, einen Platz in einer Therapie- oder Entzugseinrichtung zu bekommen, sagen die Streetworker. Oft waren die Wartezeiten sehr lang. Einsamkeit kam dazu. Ganz aktuell sieht Hemmann in der Beschaffung von Coronatests und Masken ein Problem.

"Für Wohnungslose wurden in der Pandemie die Kapazitäten der Notunterbringung erweitert, dennoch stellte die Verdrängung aus dem (halb-)öffentlichen Raum Dresden vor neue Herausforderungen. Ich denke, wir sollten vor diesem Hintergrund den Bedarf an Tagestreffs noch einmal diskutieren", fordert Grünen-Stadträtin Tina Siebeneicher.

Wer kümmerte sich um die Senioren?

"Einsamkeit war und ist ein großes Thema für die Senioren", beobachtet Iris Haubold vom Dresdner Pflege- und Betreuungsverein. Bei manchen der rund 60 älteren Menschen, die sie und ihre Kollegen pro Monat betreuen, brachen plötzlich alle Kontakte weg. "Am Telefon hörte ich manchmal den Satz: Sie sind die erste, mit der ich in diesem Monat spreche", so Haubold. Die Senioren kommen und kamen mit vielen Beratungsanliegen zu ihr. Grundsicherung im Alter und Wohngeldanträge: Das Thema Altersarmut spielte eine Rolle, aber auch die Finanzierung eines Heimplatzes und die Bestellung von Essen auf Rädern.

Die Dresdner Seniorenbeauftragte Manuela Scharf war auch als Expertin geladen. Sie schilderte vor allem den Bedarf an Beratung. "Wir brauchen während der Coronazeit, in der persönliche Kontakte schwierig sind, mehr digitale und barrierefreie Formate für Senioren." Es müsse möglich sein, sich auch telefonisch in Beratungsgespräche einzuwählen und nicht nur via Internet. "Wir müssen alle mitnehmen."

Die Expertinnen hätten sehr eindringlich geschildert, dass die Belastungen durch die Krise noch lange nicht aufgehört haben und dies zu einer massiven Zunahme an psychischen Belastungen und Problemen geführt hätte, so Linken-Stadträtin Pia Barkow. "Es braucht hier einen Ausbau von Strukturen, um Menschen auffangen und unterstützen zu können", betont sie.

Was erlebten Dresdner Studenten?

Auch bei den jungen Menschen sind die fehlenden Kontakte, die Einsamkeit, aber auch der Druck ein großes Thema. So beschrieb Anne Herpertz, Studentin und Tutorin an der TU Dresden, die Situation der Dresdner Studenten in der Expertenanhörung. "Mancher der Studenten hat die Hälfte seines Studiums, anderthalb Jahre, nur digital erlebt", so Herpertz. Partys, Mensaessen und gemeinsame Vorlesungen - alles, was ein Studentenleben ausmacht, fiel weg. "Viele haben Angst, dass sie mit dem Stoff nicht hinterherkommen, bei anderen potenzieren sich körperliche und seelische Beschwerden", so Herpertz. Sie wünscht sich mehr Beratungsangebote für Studenten und kostenfreie Kultur- und Beratungsangebote.