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Eisbaden gegen den Corona-Blues

Abhärtung ist in Tschechien dank der Pandemie zu einem Volkssport geworden. Das hilft nicht nur gegen Erkältung.

Badet seit Herbst regelmäßig in dem alten Sägemühlenteich bei Svor (Röhrsdorf): Tomáš Vlcek.
Badet seit Herbst regelmäßig in dem alten Sägemühlenteich bei Svor (Röhrsdorf): Tomáš Vlcek. © privat

Es ist früher Morgen an einem Waldsee im Elbsandsteingebirge nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, da steht Anna Krásná mit Freunden schon am Ufer. „Ich will am liebsten immer als Erste rein“, sagt sie und steigt ins kalte Wasser. Nein, ins eiskalte Wasser. Ein paar Schritte und schon reicht ihr das Wasser bis zum Hals. Dort verharrt sie eine gefühlte Ewigkeit von zwei, drei Minuten, nur die Hände in die Höhe haltend.

Spaß ist immer dabei, wenn sich die Gruppe zum Eisbaden trifft.
Spaß ist immer dabei, wenn sich die Gruppe zum Eisbaden trifft. © Fotomontage: privat

Die Minustemperaturen haben dem See eine ordentliche Eisschicht beschert. Eine Axt gehört zur Pflichtausrüstung. Die Schwelle, sich zum Eisbaden aufzumachen, ist für die 44-Jährige immer wieder hoch. Doch sie zu überwinden hilft ein einfaches Mittel - es gemeinsam tun. Zu ihrem neuen Hobby kam Krásná eher zufällig. „Es begann im Frühjahr, als sich unter Freunden in Děčín eine Gruppe fand, die sich regelmäßig zum Eisbaden verabredete. Da bin ich dann halt mit“, erzählt sie. Und sie hat es nicht bereut. Denn damals herrschte gerade die Zeit des ersten strengen Lockdowns. Kita und Schule waren zu und die Arbeit wurde im Homeoffice erledigt. „Ich glaube, dass mich das Eisbaden über diese Zeit gerettet hat“, sagt Krásná heute. Sie hat diese Art der Abhärtung auch jetzt wieder aufgenommen.

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Eine Art Ventil für den Stress

Inzwischen ist wieder Lockdown in Tschechien. Und gerade dieser Winter ist viel härter als die Winter zuvor. Trotzdem hat sich das Eisbaden zu einem regelrechten Massenphänomen gemausert. So hat es auch Tomáš Vlček aus Cvikov (Zwickau) erfasst. „Es war beim letzten Grillabend im Herbst, als ich das Thema etwas vorlaut in die Runde warf. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass das schnell wieder vergessen wird. Aber dann wurde es auf einmal ernst“, erinnert sich der 46-Jährige. Als er mit seinen Freunden das erste Mal ins Wasser stieg, war es 13 Grad kalt. „Inzwischen müssen wir den See regelmäßig freihacken.“ Und Vlček muss selbst über das Bild lachen: Während sie baden, kommen andere mit Langlaufskiern vorbeigefahren, wie schon mehrfach geschehen.

Vlček gesteht, dass er kein Freund des Winters ist und früher auch nie Sport trieb. „Für mich ist das Eisbaden ein täglicher Kampf gegen die Lethargie und Bequemlichkeit.“ Dazu kommt die Gemeinschaft. „Wir haben alle anspruchsvolle Berufe und das Eisbaden ist eine Art Ventil. Wir freuen uns aber auch einfach nur, dass wir uns regelmäßig treffen und haben viel Spaß. So begegnen wir der Pandemie mit Humor“, nennt Vlček eine typisch tschechische Eigenschaft.

Auf Prießnitz’ Spuren

„Das Phänomen ist nicht ganz neu. In Tschechien neigen wir schon immer etwas zu solch extremen Sportarten“, sagt der Journalist und Langstreckenläufer Petr Vizina und erinnert an den Naturheiler Vincenz Prießnitz, der drei Jahrzehnte vor Sebastian Kneipp als Autodidakt die Kaltwasserkur entdeckte und zu praktizieren begann. Bis heute gibt es das von ihm begründete Sanatorium im Kurort Lázně Jeseník (Bad Gräfenberg). Doch dass das Phänomen gerade jetzt aufkommt, hat laut Vizina eindeutig mit Covid zu tun. Der Ausgleich zur Isolation und das neu aufgekommene Bedürfnis, etwas für die Immunität zu tun, waren Treiber. Und es gibt einen neuen Prießnitz: der niederländische Extremsportler Wim Hof. „Dass seine Bücher gerade jetzt im Tschechischen verlegt wurden, hat den Trend noch angefacht“, so Vizina weiter. Seitdem geht die Abhärtungstherapie nach Hof durch alle tschechischen Medien, die zugleich von immer neuen Arten der Abhärtung berichten, wie Wanderungen im sommerlichen Outfit durch die verschneiten Berge.

Oder eben die morgendliche kalte Dusche, wie sie für Michaela Dopitová seit zwei Jahren Normalität geworden ist. „Sie ist übrigens auch ein guter Einstieg, sich an das Eisbaden zu gewöhnen“, meint die Marketingexpertin, die von ihrem Hobby nicht einmal in der Schwangerschaft abließ und auch bald nach der Geburt wieder einstieg. „Der einzige Unterschied ist, dass ich statt bis zum Hals nur bis zur Brust eintauche, weil ich noch stille.“

Mit Tee und Teppich zum Eisbaden

Für Anfänger hat sie einige Tipps parat. „Man sollte damit keinesfalls allein anfangen. Und für das Bad empfehle ich Badelatschen.“ Anna Krásná hat bevorzugt einen Teppich dabei, damit sie schnell trockene Füße bekommt. Ins Wasser geht sie nur mit Mütze und für danach steht eine Thermosflasche heißer Tee parat. Allen gemeinsam ist aber das wohlig-seelige Gefühl danach. Ob zum Sonnenaufgang am Morgen oder am Lagerfeuer mit Freunden: „Dieser Schwall an Endorphinen, der sich im Körper ausbreitet, ist immer wieder unbeschreiblich und die ganze Überwindung wert“, bringt es Tomáš Vlček auf den Punkt.

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