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Corona: Enttäuscht, hoffnungslos, sprachlos

Die Rücknahme der Lockerungen im Landkreis Mittelsachsen löst viele Emotionen aus. Und es gibt wenig Verständnis in der Region Döbeln dafür.

Mit insgesamt drei Trainern hat die E-Jugend des ESV Lok Döbeln in den vergangenen beiden Wochen in kleinen Gruppen im Freien trainiert. Am Montag vorerst zum letzten Mal. Denn auch das ist durch die Rücknahme der Lockerungen wieder untersagt.
Mit insgesamt drei Trainern hat die E-Jugend des ESV Lok Döbeln in den vergangenen beiden Wochen in kleinen Gruppen im Freien trainiert. Am Montag vorerst zum letzten Mal. Denn auch das ist durch die Rücknahme der Lockerungen wieder untersagt. © Lars Halbauer

Region Döbeln. Gerade einmal zwei Wochen lief das Leben etwas entspannter. Die Kunden durften die Einzelhandelsgeschäfte wieder betreten und sich die Waren dort aussuchen – wenn auch mit Anmeldung –, Kindergruppen und Individualsportler konnten im Freien trainieren, Kosmetiker und Nageldesigner ihre Kunden verwöhnen.

Im privaten Bereich waren mehr Kontakte möglich. Doch ab Dienstag ist all das schon wieder Geschichte. Der Landkreis hat die Lockerungen aufgehoben. Das Verständnis der Betroffenen hält sich in Grenzen.

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Fußballtrainer: Kinder haben sich über Kontakt mit anderen gefreut

Pässe, Dribblings und Torschüsse – auf solche Übungen hat sich das Training der E-Jugend des ESV Lok Döbeln in den vergangenen 14 Tagen beschränkt. Das übliche Minifußballspiel am Ende des Trainings fiel weg. Denn dabei hätten die jungen Spieler die nötigen Abstände nicht einhalten können.

„Die Jungs hatten dafür Verständnis. Sie waren froh, sich wieder bewegen zu können und Kontakt zu Gleichaltrigen zu haben“, sagt Thomas Spannaus, der die Neun- und Zehnjährigen trainiert. Es seien auch fast alle Kinder wieder zu den Trainingsstunden gekommen.

„Wenn die Inzidenzzahlen nicht erneut gestiegen wären, hätten wir am Montag mit dem normalen Training beginnen können – wenn die Kinder einen negativen Test vorgelegt hätten. Aber jetzt, wo das Wetter besser wird, müssen wir wieder ganz aufhören“, so Spannaus.

Beides kann er nicht wirklich nachvollziehen. Denn in der Schule treffen sich die Jungs, am Nachmittag dürfen sie das aber nicht. Die Grundschule können sie ohne Test besuchen, das Training im Verein jedoch nicht.

Das wird wohl nun wieder online erfolgen. Schon vor den Lockerungen haben die Kinder einmal pro Woche gemeinsam mit dem Trainer vor dem heimischen Computer Übungen absolviert. „Ideal ist das aber nicht. Manche haben nicht genügend Platz und für die Mieter unter dem jungen Fußballer ist es auch nicht angenehm, wenn er über ihnen rumspringt“, meint Thomas Spannaus.

Kosmetikerin: Mitarbeiter sind psychisch am Ende

Das Kosmetikgeschäft ist bei Sabina Lippold noch nicht wieder richtig angelaufen. „Viele Kunden waren noch zurückhaltend, weil sie einen tagesaktuellen Corona-Test vorlegen mussten“, meint die Chefin des Kosmetikbetriebes und Heilpraxis aus Döbeln.

Die Vorgabe sei noch nicht komplett durchdacht. Zum einen seien die Selbsttests schnell ausverkauft gewesen. Zum anderen benötige mancher Kunde drei bis vier solcher Tests pro Woche, wenn er verschiedene Dienstleister in Anspruch nimmt. „Wir als Kosmetiker müssen uns aber nur einmal pro Woche testen lassen“, so Sabina Lippold. „Was gibt den Kunden die Sicherheit, dass wir nach ein paar Tagen das Virus nicht weitertragen?“

Da sie auch Fußpflege anbietet, sei das kleine Unternehmen mit diesem Standbein trotz der Schließung des Kosmetikbereiches ganz gut ausgelastet. „Schade ist es nur für unseren Lehrling. Was soll ich ihr beibringen, wenn wir nicht arbeiten dürfen? Es wird für sie schwierig werden, die Ausbildung zu schaffen“, meint sie.

Die Kosmetikerinnen bedienen eine Person in einem Raum und maximal vier am Tag, die getestet sind. Dabei entsteht die nächste Frage: Weshalb dürfen Friseure Bärte schneiden, wofür der Kunde die Maske abnehmen muss, aber die Kosmetiker Kunden mit Hautproblemen nicht behandeln? „Das ist nervenaufreibend und ermüdend“, sagt Sabina Lippold.

Die Mitarbeiter seien psychisch am Ende, da sie keine Perspektive sehen. „Und ich muss sie wieder aufbauen, obwohl es in mir nicht viel anders aussieht“, erklärt sie. Die Unternehmer kämen in eine Situation, die sie selbst nicht verschuldet haben. Sie würden von außen gesteuert und seien machtlos. „Aber wir kämpfen weiter“, sagt die Kosmetikerin, die trotz aller Widrigkeiten im kommenden Jahr noch einen zweiten Lehrling ausbilden möchte.

Einzelhändler: Ungewissheit bremst den Einkauf der Ware

Die Schließung der Einzelhandlesgeschäfte ist für Bodo Weller vom gleichnamigen Jeansgeschäft in Waldheim unverständlich. „Wir lassen nur einen Kunden ein und in Supermärkten drängen sie sich“, sagt er.

Click & Meet, also das Einkaufen mit Termin, sei von den Kunden gut angenommen worden. „Sie haben sich gefreut, dass sie die Kleidung wieder anfassen und anprobieren konnten und sie beraten wurden“, sagt Weller.

Click & Collect, das ab sofort wieder gilt, sei nur von den Stammkunden angenommen worden, zu denen die Ware auch einmal nach Hause geliefert werde. In jedem Fall fehle die Laufkundschaft.

„Wir müssen schauen, wie es sich weiterentwickelt“, meint Weller. Sein Problem ist der Warenvorlauf, der etwa ein halbes Jahr beträgt. „Die Winterjacken für die auslaufende Saison hätte ich nicht einzukaufen brauchen“, sagt er.

Und jetzt müsste er sich bereits wieder für die Kollektion der Herbst-Winter-Saison 2021/22 entscheiden. Mit der Ungewissheit im Rücken, wie es weitergeht, sei es schwer, etwas auszuwählen. „Wir haben bisher nur wenig vorgeordert. Wir ziehen das soweit nach hinten, wie es geht“, erklärt Bodo Weller.

Bürger: Motivation lässt nach, auch im privaten Bereich

„Die einen lassen sie in den Urlaub fliegen und andere dürfen ihre Wohnung nur aus einem triftigen Grund verlassen. Das macht einfach sprachlos“, meint eine Döbelnerin. Sie hatte die Hoffnung, dass die Lockerungen größer werden und ist nun enttäuscht.

„Die Motivation lässt nach, auch im privaten Bereich“, meint eine andere Frau. „Man fühlt sich runtergezogen.“ Ihre Kinder und Enkel wohnen in Nordrhein-Westfalen. Seit einem halben Jahr hat sie diese nicht gesehen. Eigentlich war ihr Besuch für Ostern geplant. Aber, ob daraus etwas wird?

„Man verliert die Bindung“, sagt sie. Zwar halten sie über Skype Kontakt. „Aber die Enkel interessiert es nur wenig, wenn die Oma auf dem Computer zu sehen ist“, meint die Döbelnerin. Ihren eigenen Urlaub hat sie abgehakt – wie schon im vergangenen Jahr. „Das trübt die Stimmung.“

Dass die kleinen Läden schließen müssen, kann sie nicht nachvollziehen. „Sie lassen nur wenige Kunden ein und alle haben Masken auf. Im Supermarkt dagegen....“ Die Frau ist in Kurzarbeit. Schon wieder. Sie arbeitet in einem Großhandel, der zu 75 Prozent die Gastronomie beliefert, die stark eingeschränkt ist. „Viele Lebensmittel mussten dadurch weggeworfen werden“, bedauert sie sehr.

Corona-Entwicklung: Inzidenzwert steigt sprunghaft

Wie nach jedem Wochenende, ist auch diesmal die gemeldete Zahl an Neuinfektionen mit 26 relativ niedrig. Insgesamt wurden in Mittelsachsen seit März vergangenen Jahres 16.806 Corona-Fälle registriert. In der Region Döbeln sind es bisher 3.369 (+7), im Altkreis Freiberg 6.987 (+9) und im Bereich Mittweida 6.450 (+10).

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An drei Tagen in Folge liegt der Landkreis Mittelsachsen über dem Inzidenzwert von 100. Die Rücknahme der Lockerungen ab Dienstag gilt aber nicht für alle Bereiche.

Sechs Tage lang war die Zahl der an oder mit dem Virus Verstorbenen gleich geblieben. Jetzt stieg sie um einen weiteren Fall auf 587. In den Krankenhäusern werden 35 (+1) Patienten behandelt. Sieben (+/-0) von ihnen werden beatmet.

Der Inzidenzwert nach dem Robert-Koch-Institut (RKI) steigt weiter. Am Montag betrug er 159,2.

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